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22.06.2006
Schwarz - Rot - Gelb - WM 2006



Schwarz. Rot. Gelb. Ich sehe überall nur noch Schwarz, Rot, Gelb. Ich weiß, es müsste Schwarz, Rot, Gold sein, was da an Fahnenmasten und Autoscheiben blüht. Aber sind wir ehrlich: Es ist Schwarz, Rot, Gelb. Kein Gold dabei. Vermutlich ist Goldfarbe zu teuer und zu aufwendig in der Verarbeitung.


Das passt zu uns Deutschen. Selbst wenn wir feiern, sind wir effizient. Vielleicht wussten es die chinesischen Fabrikanten aber auch nicht besser. Ich weiß es nicht. Sicher ist nur: Eine halbe Millionen Deutschland-Fahnen wurden hier zu Lande bereits verkauft. Manche nennen diese Euphorie Patriotismus.

Vor ein paar Jahren noch, wären solche Fahnenschwenker als braune Gesellen beschimpft worden. Die britische Sun hätte etwas vom wiederauferstandenem „Nazi-Germany“ getitelt, und eine sicher nicht kleine Anzahl von Menschen hätte so viele Fahnen zum Anlass genommen, das Land umgehend zu verlassen. Ich glaube, das hat etwas damit zu tun, dass uns Deutschen noch immer die patriotische Leichtigkeit fehlt. Der Umgang mit unserem eigenen Land ist verkorkst – aus historisch erklärbaren Gründen, das muss man einräumen. Springer-Chef Mathias Döpfner hat dazu neulich im Spiegel gesagt: „Die Deutschen schwanken zwischen verklemmtem Selbsthass und provinziellem Nationalismus.“ Da ist was Wahres dran.

Zurzeit regiert der Fußball. Und es tut gut, dass sich zwischen die schwarz-rot-gelben Fahnen auch ein paar grün-weiß-rote, rot-gelb-rote oder schwarz-gelb-grüne mischen. Es tut gut, wie die Türken in der Kölner Kolbstraße ihre Geschäfte mit türkischen und deutschen Fahnen schmücken und in Interviews betonen, dass sie „natürlich“ für Deutschland jubeln – schließlich sei das das Land in dem sie leben und teilweise aufgewachsen sind. Es tut auch gut zu lesen, dass Charlotte Knobloch, frisch gewählte Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagt, dass sie „nichts gegen Patriotismus“ habe – auch weil sie die Integration ihrer Gemeindemitglieder befördern möchte. Und wie die Zeit heute richtig anmerkt, wäre es auch komisch, Ausländer in ein Land zu integrieren, das sich selbst nicht ausstehen kann.

Neulich fuhr ich abends nach Hause. Auf der Landstraße fuhren vor mir zwei Autos. Der erste hatte eine Deutschlandfahne im Seitenfenster. Der andere eine italienische. Ich glaube, der Fahrer war Italiener. Er trug eine schwarze Sonnenbrille. Die deutsche Fahne fiel bei Tempo 90 plötzlich ab. Der Italiener hielt an und hob sie auf. Später als wir im nächsten Ort an einer roten Ampel anhielten, stieg der Italiener aus und gab dem Deutschen seine Fahne zurück. Beide lachten. Fahnen verbinden.

Ich finde diese Party, die da in unserem, in meinem Land, gerade steigt gut. Ich mag die Fahnen (auch wenn ich mir selbst keine ans Auto bappen würde, weil ich in meinem Ford so schon genug Windgeräusche habe); ich mag die deutschen, wie auch all die anderen Fahnen. Ich finde, wir sind gute Gastgeber bisher. Und ich finde, dass uns dieses Stück Identifikation mit dem eigenen Land gut tut. Patriotismus ist das aber noch nicht.

Der Patriotismus zeigt sich nach der WM. Er zeigt sich daran, wie wir künftig mit unserem Land umgehen und was wir daraus machen. Er zeigt sich daran, ob wir uns gefallen lassen, dass uns Politiker das Eine versprechen und dann im Schatten einer Fußball-Weltparty das Andere durchsetzen. Er zeigt sich daran, wie wir andere in unser Land aufnehmen und integrieren. Er zeigt sich daran, wie wir unsere Zukunft gestalten, unsere Bildungssysteme, unsere Unternehmen. Er zeigt sich aber auch daran, wie wir künftig unseren Nachbarn behandeln, der im Vorgarten noch immer seinen Flaggenmast stehen hat und es nicht übers Herz bringt, die Deutschlandfahne wieder abzunehmen, weil er sie ach so schön findet und trotzdem SPD wählt. Das gilt übrigens auch, wenn wir dann doch nicht Weltmeister geworden sind.

Text: waschsalon.twoday.net



Fotos © click2day.com





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