Schwarz. Rot. Gelb. Ich sehe überall nur noch Schwarz, Rot, Gelb. Ich
weiß, es müsste Schwarz, Rot, Gold sein, was da an Fahnenmasten und
Autoscheiben blüht. Aber sind wir ehrlich: Es ist
Schwarz, Rot, Gelb. Kein Gold dabei. Vermutlich ist Goldfarbe zu teuer
und zu aufwendig in der Verarbeitung.
Das passt zu uns Deutschen. Selbst wenn wir feiern, sind wir effizient.
Vielleicht wussten es die chinesischen Fabrikanten aber auch nicht
besser. Ich weiß es nicht. Sicher ist nur: Eine halbe Millionen
Deutschland-Fahnen wurden hier zu Lande bereits verkauft. Manche nennen
diese Euphorie Patriotismus.
Vor ein paar Jahren noch, wären solche Fahnenschwenker als braune
Gesellen beschimpft worden. Die britische Sun hätte etwas vom
wiederauferstandenem „Nazi-Germany“ getitelt, und eine sicher nicht
kleine Anzahl von Menschen hätte so viele Fahnen zum Anlass genommen,
das Land umgehend zu verlassen. Ich glaube, das hat etwas damit zu tun,
dass uns Deutschen noch immer die patriotische Leichtigkeit fehlt. Der
Umgang mit unserem eigenen Land ist verkorkst – aus historisch
erklärbaren Gründen, das muss man einräumen. Springer-Chef Mathias
Döpfner hat dazu neulich im Spiegel gesagt: „Die Deutschen schwanken
zwischen verklemmtem Selbsthass und provinziellem Nationalismus.“ Da
ist was Wahres dran.
Zurzeit regiert der Fußball. Und es tut gut, dass sich zwischen die
schwarz-rot-gelben Fahnen auch ein paar grün-weiß-rote, rot-gelb-rote
oder schwarz-gelb-grüne mischen. Es tut gut, wie die Türken in der
Kölner Kolbstraße ihre Geschäfte mit türkischen und deutschen Fahnen
schmücken und in Interviews betonen, dass sie „natürlich“ für
Deutschland jubeln – schließlich sei das das Land in dem sie leben und
teilweise aufgewachsen sind. Es tut auch gut zu lesen, dass Charlotte
Knobloch, frisch gewählte Präsidentin des Zentralrats der Juden in
Deutschland, sagt, dass sie „nichts gegen Patriotismus“ habe – auch
weil sie die Integration ihrer Gemeindemitglieder befördern möchte. Und
wie die Zeit heute richtig anmerkt, wäre es auch komisch, Ausländer in
ein Land zu integrieren, das sich selbst nicht ausstehen kann.
Neulich fuhr ich abends nach Hause. Auf der Landstraße fuhren vor mir
zwei Autos. Der erste hatte eine Deutschlandfahne im Seitenfenster. Der
andere eine italienische. Ich glaube, der Fahrer war Italiener. Er trug
eine schwarze Sonnenbrille. Die deutsche Fahne fiel bei Tempo 90
plötzlich ab. Der Italiener hielt an und hob sie auf. Später als wir im
nächsten Ort an einer roten Ampel anhielten, stieg der Italiener aus
und gab dem Deutschen seine Fahne zurück. Beide lachten. Fahnen
verbinden.
Ich finde diese Party, die da in unserem, in meinem Land, gerade steigt
gut. Ich mag die Fahnen (auch wenn ich mir selbst keine ans Auto bappen
würde, weil ich in meinem Ford so schon genug Windgeräusche habe); ich
mag die deutschen, wie auch all die anderen Fahnen. Ich finde, wir sind
gute Gastgeber bisher. Und ich finde, dass uns dieses Stück
Identifikation mit dem eigenen Land gut tut. Patriotismus ist das aber
noch nicht.
Der Patriotismus zeigt sich nach der WM. Er zeigt sich daran, wie wir
künftig mit unserem Land umgehen und was wir daraus machen. Er zeigt
sich daran, ob wir uns gefallen lassen, dass uns Politiker das Eine
versprechen und dann im Schatten einer Fußball-Weltparty das Andere
durchsetzen. Er zeigt sich daran, wie wir andere in unser Land
aufnehmen und integrieren. Er zeigt sich daran, wie wir unsere Zukunft
gestalten, unsere Bildungssysteme, unsere Unternehmen. Er zeigt sich
aber auch daran, wie wir künftig unseren Nachbarn behandeln, der im
Vorgarten noch immer seinen Flaggenmast stehen hat und es nicht übers
Herz bringt, die Deutschlandfahne wieder abzunehmen, weil er sie ach so
schön findet und trotzdem SPD wählt. Das gilt übrigens auch, wenn wir
dann doch nicht Weltmeister geworden sind.