06.02.2006
Baden-Württembergs Städte kassieren Millionen durch «Knöllchen»
Stehle: «Die Verkehrsüberwachung orientiert sich an der Verhältnismäßigkeit»
Die Städte und Gemeinden füllen auch in Baden-Württemberg mit
millionenschweren Einnahmen durch Falschparker-«Knöllchen» und
Radarkontrollen ihre knappen Haushaltskassen auf. Allerdings weisen die
Kommunen nach einer dpa-Umfrage den Vorwurf entschieden zurück, sie
würden die Bürger aus Geldnot bewusst schröpfen. «Es geht um die
Einhaltung geltender Verkehrsregeln. Die Verkehrsüberwachung orientiert
sich an der Verhältnismäßigkeit», erklärte der Sprecher des Städtetages
Baden- Württemberg, Manfred Stehle, am Freitag. Dagegen kamen vom
Allgemeinen Deutschen Automobilclub (ADAC) kritische Worte. «Natürlich
wird immer mehr auf den Straßen abkassiert», sagte der Sprecher der
Münchner ADAC-Zentrale, Maximilian Maurer.
Verbandssprecher Stehle betonte jedoch: «Ohne Kontrolle und
gegebenenfalls die Verhängung von Bußgeldern würden derartige
gesetzliche Regelungen ihren Zweck nicht erfüllen.» Er fügte hinzu:
«Das ist keine Abzocke.» Zugleich verwies er auf eine schon etwas
ältere Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen. Danach würden die
Einnahmen der kommunalen Verkehrsüberwachung im Schnitt nur etwa 70
Prozent der angefallenen Kosten decken.
«Auch der ADAC ist selbstverständlich dafür, dass die Einhaltung der
Verkehrsregeln überprüft wird. Doch sollte das vorrangig dort
geschehen, wo es aus Sicherheitsgründen auch angebracht ist und für den
ertappten Verkehrssünder auch einen erzieherischen Effekt hat», betonte
Maurer. Vielfach werde durch Beschilderung eine Art «Fallensituation»
aufgebaut. Sie sei allerdings in den seltensten Fällen verkehrsbedingt.
Der Chef des ADAC Württemberg, Günther Knopf, meinte: «Bei allen
Überwachungsmaßnahmen muss die Sicherheit an erster Stelle stehen - und
nicht die Gemeindekasse.»
Nach Schätzungen des Automobilclubs von Deutschland (AvD) haben sich
seit 1990 bundesweit die Einnahmen der Kommunen aus
Verkehrsüberwachungen mehr als verdoppelt. Dem ADAC zufolge ist zu
beobachten, dass Kommunen in ihren Haushalten die Etats für die
Verkehrsüberwachung erhöhen, um mehr Geld von Verkehrsteilnehmern
kassieren zu können, die sich falsch verhalten. Das bestreiten die
Städte und Gemeinden energisch.
Der AvD hatte bereits im Jahr 2001 den Vorwurf der «Wegelagerei» an der
Stadt Stuttgart festgemacht, wo 1990 noch 1,6 Millionen Euro bei
Verkehrsüberwachungen eingenommen worden seien, im Jahr 2001 bereits 15
Millionen Euro. Ein Sprecher der Landeshauptstadt nannte einen
derartigen Zusammenhang jedoch «abwegig». Im Jahr 2005 lag Stuttgart
bei den «Knöllchen» für Falschparker mit über 5,6 Millionen Euro nur
knapp über dem Vorjahresergebnis von 5,2 Millionen Euro.
Eine «sachlich nicht begründbare und unangemessene bundesweite
Intensivierung der Verfolgung von Bagatelldelikten» durch die
Ordnungsbehörden will der Bad Honnefer Wirtschaftsjurist Horst Mirbach
in den vergangenen zehn Jahren festgestellt haben. Er hält die
Haushaltpolitik, Bußgeld als kommunale Finanzquelle einzuplanen, sogar
für verfassungswidrig. «Es darf nicht soweit kommen, dass Verstöße
gegen Parkverbote intensiver verfolgt werden als Ladendiebstähle»,
sagte Mirbach.