1933 lebten 3.358 Juden in Karlsruhe. Über 1.000 fanden zwischen 1933
und 1945 den Tod. Sie sollten nach dem Willen der Nationalsozialisten
namenlos vergessen werden. An sie erinnert das Gedenkbuch.
Es
basiert auf einer Gedenkliste, die 1988 im Zusammenhang mit dem
Besuch der ehemaligen Karlsruher Juden im Auftrag der Stadt
erstellt wurde. In ihr sind die Namen und Lebensdaten der
Ermordeten aufgeführt. Auf dieser Grundlage legte das Stadtarchiv
eine Datenbank an, die Recherchen nach Namen, Adressen, Berufen,
besuchten Schulen und Deportationsorten der Betroffenen
ermöglicht.
Betreut durch das Stadtarchiv Karlsruhe, nähern sich
Bürgerinnen und Bürger der Stadt dem Lebenslauf eines der
ermordeten Menschen, indem sie Spuren seines Lebens suchen und
schließlich seine Biographie verfassen.
Diese individuelle
Hinwendung zu dem Leben der Opfer ist zugleich Bestandteil der
öffentlichen Gedenkkultur der Stadt: Jede fertig gestellte
Biographie wird mit dem Namen der Verfasserin und des Verfassers
dem Gedenkbuch eingefügt, das als Datenbank und auch als
materielles Buch vorliegt. Dadurch werden die auf dem Grabstein
eingravierten Namen mit einer jeweils individuellen Geschichte
verbunden.
Pressebericht der StadtZeitung vom 29. Oktober 2004:
Geschichte: Gedenkbuch für Karlsruher Juden hat neue Kapitel
Würde der Opfer bewahren
(trö) Israel und Liba Zimmermann lebten seit 1907 in der Durlacher
Straße in der Karlsruher Altstadt. Dort hatte das junge Ehepaar nach
der Flucht vor Pogromen im russischen Teil Polens eine neue
Heimat gefunden. Im "Dörfle", in dem damals viele Juden lebten, kamen
dann zwischen 1910 und 1920 die Kinder David, Erna, Moses, Jonas und
Ida zur Welt. Der Familie gelang der gesellschaftliche Aufstieg.
Israel Zimmermann, der als Schneider anfing, wurde im Adressbuch
von 1922 als Handelsmann geführt.
In diesem Jahr kaufte er auch das Gebäude Markgrafenstraße 3. Im
Erdgeschoss betrieb die Familie ihr Geschäft, im Obergeschoss wohnte
sie. 1930 stellten die Zimmermanns, die offiziell noch als Polen
geführt wurden, den Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft.
Bescheid: abschlägig.
Ausgewandert oder ermordet
Dem Schicksal der Familie Zimmermann hat Monika Dach nachgespürt. Sie
erfuhr 2002 über einen Mittelsmann vom damals 92-jährigen David
Zimmermann, der 1934 durch die Auswanderung nach Palästina dem
Holocaust entkommen war, von der Geschichte der anderen. Davids
Schwestern Erna und Ida konnten ebenfalls durch Auswanderung und Flucht
ihr Leben retten. Auf die Eltern und die Söhne Jonas und Moses
hingegen wartete nach Verschleppung und langem Leidensweg der Tod in
den Vernichtungslagern des Ostens.
Israel Zimmermann starb im KZ Buchenwald, Moses wurde von den Nazis in
Majdanek ermordet, Liba vermutlich in Riga. Von Jonas verliert sich
seit 1939 jede Spur. Sein Todesdatum wurde später amtlich auf den
8. Mai 1945 festgelegt.
Jetzt 52 Beiträge in Gedenkbuch
Die von Monika Dach nachgezeichnete Geschichte der Familie Zimmermann
ist eines der 21 neuen Kapitel im Gedenkbuch für die Karlsruher Juden.
Mit den jetzt veröffentlichten Forschungsergebnissen beschreibt
das Buch in 52 Beiträgen die Lebensgeschichten von 120 ehemaligen
Karlsruhern. Nachzulesen sind diese an Bildschirmen im Stadtarchiv, im
Stadtmuseum und in der Rotunde der Stadtbibliothek im Neuen
Ständehaus.
Die Biografien sollen dazu beitragen, "die Individualität und die Würde
der Opfer zu bewahren", betonte Bürgermeister Ullrich Eidenmüller, als
er mit Solange Rosenberg, der Vorsitzenden der Jüdischen
Gemeinde, und den Autoren die neuen Kapitel vorstellte.
Das Projekt hat das Ziel, die Lebensgeschichte zu jedem der 1.004 Namen
von Holocaust-Opfern auf dem Gedenkstein auf dem Hauptfriedhof zu
schreiben. Und will damit, so Eidenmüller, "ein in der
Bundesrepublik einmaliges Panorama der Mitglieder einer jüdischen
Großstadtgemeinde vor ihrer Vernichtung" entstehen lassen.
Karlsruher aller Altersklassen schreiben Biografien
Eine weitere Besonderheit liegt darin, dass die Beiträge nicht von
Historikern stammen, sondern von Karlsruhern aller Altersklassen.
Schüler wie Rentner übernehmen die Patenschaft über einen oder
mehrere Lebensläufe, recherchieren und schreiben diese unter fachlicher
Betreuung durch das Stadtarchiv. Bisher entstanden 73 Patenschaften.
Ansprechpartner für Interessierte: Stadthistoriker Dr. Manfred
Koch, Telefonnummer 133-42 21, und Projektbetreuer Jürgen
Schuhladen-Krämer (133-42 77).
Einsichtnahme
Das Gedenkbuch kann im Stadtmuseum und in der Erinnerungsstätte Ständehaus
eingesehen werden. Hier liegt auch das gedruckte Gedenkbuch mit
den Einlegblättern der fertig gestellten Biographien. Nach
Terminabsprache ist im Stadtarchiv ebenfalls eine Einsicht in die Datenbank und zudem eine Beratung möglich.