17.07.2006
100000 Jahre Sex - Liebe und Erotik in der Geschichte
Seit 2003 erreicht die Wanderausstellung "100 000 Jahre Sex" überall in
Mitteleuropa Rekordbesucherzahlen. In dem gleichnamigen Begleitbuch
haben die beiden namhaften Herausgeber und 29 weitere Autoren –
Archäologen, Historiker und Soziologen – die Fülle der Exponate aus
acht Ländern und 60 Museen in sechs Kapiteln überschaubar geordnet.
Liebe und Erotik, Lust und Verführung, Ehe und Prostitution, Begierde
und Gewalt, Sünde und Prüderie, Homosexualität und Sodomie, von
Skandinavien bis Griechenland, alles findet seinen Platz.
Der dennoch schmale Band hebt sich angenehm von vergleichbaren,
schweren Katalogen ab. Die warmen, erdig gelben und roten Töne des
Covers setzen sich vielfach auf den Innenseiten fort, harmonieren oder
kontrastieren mit weißen, grauen oder grünen, verstärken bewusst die
Wirkung der gut positionierten Abbildungen. Der lebhaften Farbigkeit
entspricht die lockere Textgestaltung. Treffend formulierte
Überschriften verleiten zu spontanem Lesen. Sprachlich erfrischend
unkonventionell werden auch jene Bilder erörtert, die einige Betrachter
peinlich berühren könnten. Die Lektüre ermüdet nicht, obgleich die
wissenschaftliche Grundhaltung der Autoren stets spürbar bleibt.
Sex schon seit 100 000 Jahren? Welche Frage! Allerdings gibt es erst
seit 35 000 Jahren Darstellungen, die für das ungeübte Auge auch noch
entziff ert werden müssen: plastische, üppige Urmütter oder
Fruchtbarkeitsidole, Jahrtausende später gefolgt von stilisierten
Frauenfiguren und Details weiblicher Genitalien, in Stein geritzt oder
gemalt. Auch Paare beim Koitus sind zu beobachten. Aus der Altsteinzeit
sind weit mehr weibliche als männliche Darstellungen überliefert.
Dass jede Kunstform der Frühzeit auch Ausdruck einer an Religion und
Kult orientierten Geisteshaltung ist, bestätigen männliche Holz- und
Bronzefiguren aus Nordeuropa, zwischen 1400 v. Chr. und 1200 n. Chr.
Die sehr reduzierten, ästhetisch wenig ansprechenden Körper
dokumentieren Potenz, Phallusverehrung und möglicherweise Gewalt,
verbunden mit Sex und Tod bei rituellen Handlungen der Wikinger, wie
sie Augenzeugen der Bootsbestattungen eindrücklich schildern. Passagen
aus den nordischen Epen erhellen zusätzlich bäuerliches Sexualverhalten.
Die Zeugnisse der griechischen, besonders aber der römischen Antike mit
ihrer freizügigen Auffassung von Lebensgenuss und Sex nehmen einen
breiten Raum ein. Verströmen die Wandmalereien römischer Häuser und
Villen eine animierend-erotische Atmosphäre, sprechen die Graffiti der
Bordelle und Thermen eine deftigere Sprache. Der Fruchtbarkeitsgott
Priapus genoss große Verehrung. Sie erklärt die häufige Wiedergabe des
auffällig überdimensionierten, öffentlich sichtbaren männlichen Glieds,
vornehmlich in der Kleinkunst.
Grundsätzlich assoziierte man mit dem Phallus Fruchtbarkeit,
Männlichkeit, Streben nach Macht, Dominanz auf politischer und privater
Ebene. Als Amulett getragen wehrte er Übel ab, bot Schutz gegen den
Bösen Blick, eine Vorstellung, die noch auf flämischen Wandtellern des
15. Jahrhunderts zu finden ist. Mit der Ausbreitung des Christentums
veränderten sich die Sitten und die Schriften, archäologischen Funden
und Bildern, die von den Autoren erfreulich souverän interpretiert
werden, zeigt sich die tiefe Kluft zwischen strenger Kirchenlehre und
natürlichem sexuellem Bedürfnis. Es scheint, dass Sex das wichtigste
Beichtthema war, deshalb wurde das Strafmaß für unerlaubte Handlungen
in Bußbüchern fixiert.
Die rigiden Richtlinien zu Fasten, Enthaltsamkeit und Bändigung der
Lust galten gleichermaßen für bürgerliche Eheleute, Prostituierte und
das muntere Treiben in Klöstern. Pikanterweise stammt die Schilderung
vieler sexueller Praktiken um 1000 aus der Feder des Bischofs Burchard
von Worms, ebenso wie die erste Erwähnung eines Dildos. Diese Geräte
wurden gerne in Bordellen und Nonnenklöstern benutzt; archäologische
Funde bestätigen es.
Als Antwort auf den von der Kirche gesetzten Moralkodex setzt bald eine
Flut satirischer, antiklerikaler und pornografischer Darstellungen ein.
Die niederländische Malerschule im Goldenen Zeitalter hält pralles
Alltagsleben fassettenreich fest. Erfreulicherweise werden auch die
Nöte der Frauen erörtert, für die Liebe und Sex bis in die jüngste
Vergangenheit mit Furcht vor ungewollter Schwangerschaft und Ansteckung
mit Geschlechtskrankheiten verknüpft waren. Das begrenzte medizinische
Wissen antiker Ärzte wurde durch seltsame magische Praktiken und durch
Weihgeschenke an die zuständigen Gottheiten unterstützt.
Erst die Erfindung von Kondomen – zunächst aus Tierdärmen, später aus
Leinen, das mit Flüssigkeit getränkt und dann getrocknet wurde –
brachte etwas Entspannung. Die ältesten Kondomfragmente wurden in der
englischen Burg Dudley Castle gefunden. Der Überlieferung nach war ihr
Erfinder Oberst Condom, der Leibarzt Charles II. (1630 – 1685), der auf
diesem Wege die Vielzahl königlicher Nachkommen und damit
Thronansprüche einzugrenzen versuchte.
Frühe, unbenutzte Kondome aus Tierdärmen, skurrile Amulette und
Abzeichen stehen beispielhaft für die Fülle "anstößiger Erotika", die
das Britische Museum in seinem Secretum hütet. Bereits 1830 gegründet,
erhielt es seinen offiziellen Status 1865, als der Arzt und Bankier
George Witt seine bedeutende Sammlung zeit- und kulturübergreifender
phallischer Artefakte dem Museum übereignete. Dieses machte sie jedoch
nur wenigen Gebildeten mit "geistiger Widerstandskraft" zugänglich, da
man allein durchs Betrachten einen Kollaps der sittlichen Ordnung im
viktorianischen England befürchtete!
Die Autoren haben die Möglichkeiten der Quellenforschung gewissenhaft
ausgeschöpft. Ihnen gelang ein kühner Brückenschlag von der dunklen
Vorzeit bis ins 19. Jahrhundert. Minimale Übersetzungsunebenheiten sind
entschuldbar. Der nur flüchtig Interessierte findet eine
fantasieanregende Lektüre mit Schaueffekten. Fachwissenschaftlich
orientierte Leser profitieren von den fundiert bearbeiteten Texten und
Bildern, die das eigene Wissen vertiefen und den Blick schärfen für
Symbole, zum Beispiel auf holländischen Genreszenen und Tabakdosen.
Wünschenswert wären eine Zeittafel im Anhang und ein verständlicheres
Abbildungsverzeichnis, das der Seitenfolge entspricht.
"100 000 Jahre Sex" wird dem Thema in all seinen Spielarten gerecht.
Als Musterexemplar am Bücherstand ausgelegt, wird dieser Band bald zu
den abgegriffensten zählen. Es gibt zu diesem Thema "nichts Neues unter
der Sonne", sagt van Vilsteren in der Einführung. Aber für manchen
Zeitgenossen dürfte einiges Alte durchaus neu sein.
Susanne Grabow
Die Rezensentin ist promovierte Archäologin, freie Mitarbeiterin am
Archäologischen Museum der Universität Münster und
Volkshochschuldozentin mit vielseitiger Vortragstätigkeit
100000 Jahre Sex
Liebe und Erotik in der Geschichte. Begleitbuch zur Ausstellung im Helms-Museum Hamburg 2004-2005 u. a.
Hrsg. v. Vincent T. van Vilsteren u. Rainer-Maria Weiss
2004. 107 S. m. zahlr. meist farb. Abb. 23 x 24,5 cm