Er war eine Art badischer Felix Krull, der Schneider Karl Ignaz Hummel.
Seine Geschichte wurde gründlich vergessen, bis der Schwetzinger
Schriftsteller Rainer Wedler per Zufall auf ihn stieß, in allerhand
Archiven recherchierte und daraus einen eigentümlichen und spannenden
Roman gemacht hat.
Aufgewachsen in einem ärmlichen Elternhaus, später
in einer Besserungsanstalt, wird Hummel rasch zum Kleinkriminellen.
Angesichts der Massenarbeitslosigkeit Ende der zwanziger Jahre und
einer schwangeren Frau flieht Hummel Richtung Algerien, um
Fremdenlegionär zu werden.
Doch er kommt nicht weit. In Italien muss er
unter widrigen Umständen umkehren. Bei der abenteuerlichen Rückreise
mutiert er allmählich zu Oskar Daubmann, dem letzten Kriegsheimkehrer
nach 16 Jahren heldenhafter Kriegsgefangenschaft in den Klauen des
Erzfeides Frankreich. Mit diesem "Fake" fasziniert Hummel die badischen
Massen.
Rainer Wedler rekonstruiert mit der Genauigkeit eines Historikers
anhand der Akten über den Hochstapler, wie Hummel in den besten Hotels
absteigt, wie er enttarnt wird und den Zweiten Weltkrieg in
Sicherungsverwahrung zubringt (was sein Glück ist), schließlich das
Happy End: Ein kleinbürgerliches Dasein nach dem Krieg. Wedler erzählt
aber auch behutsam das Schicksal eines Unterprivilegierten, der sich
mit jedem Befreiungsschlag tiefer in den Schlamassel zieht. Er erfindet
dabei weit mehr, als er den Akten entnommen hat.
Knapp, lakonisch, mitunter fast primitiv ist Wedlers Sprache, und so
entsteht ein lebendiges und mitreißendes Psychogramm eines schlichten
Gemüts. Erschienen ist der Roman "Die Farben der Schneiderkreide" im
Gernsbacher Casimir Katz Verlag. Ohne Zweifel hätte sich wohl kaum ein
anderer Verlag bereit gefunden, diese abseitige, dafür aber um so
interessantere Geschichte zu publizieren.
Roman von Rainer Wedler (2004, Casimir-Katz-Verlag).
Besprechung von Matthias Kehle auf www.matthias-kehle.de