Die CD ist zwar bereits im Jahre 2003 erschienen - aber rechtzeitig zur
Tour de France 2005 lohnt es sich, diese CD wieder anzuhören. Und Kraftwerk selbst? Jeden
Juli gucken sie Fernsehen, die Tour de France. Alle fahren Rad, alle sind fasziniert von der
austarierten Wechselwirkung zwischen Mensch und Maschine, und
austariert ist auch ihr filigraner Elektropop.
Angeblich arbeiten sie bis zu 16 Stunden am Tag im Studio. Und nichts
vom Output werde verworfen, sondern veröffentlicht. Fragt sich nur,
warum es 17 Jahre lang nicht zu einem Album reichte. Was also treiben
Kraftwerk wirklich den ganzen Tag im Studio?
Egal, was war und egal, was noch kommt: Kraftwerk ist der wichtigste
deutsche Musikbetrag seit Beethoven und Karlheinz Stockhausen. Die
beiden Musikstudenten Ralf Hütter und Florian Schneider, die sich 1968
an der Akademie Remscheid kennen lernten, können auf einen
unglaublichen Gesamtkatalog zurückblicken. Lange, lange leistete die
Düsseldorfer Gruppe gegen alle Trends Pionierarbeit, selten klang
elektronische Musik so inhuman, maschinenhaft und ergreifend.
Irgendwann aber müssen auch Pioniere erkennen, dass der Boden, den sie
eroberten, fruchtbar machten und bestellten, von anderen weiter
veredelt wird. Vielleicht haben sich die publikumsscheuen Kraftwerk
seit 1986 nach Electric Cafe auch deshalb rar gemacht. The Mix (1991) war ja nur eine -- wenn auch gelungene -- Aufarbeitung alter Hits und Expo 2000 höchstens eine Momentaufnahme. Nun also kehren sie mit Tour De France Soundtracks, nach Autobahn und Trans Europa Express der letzte Teil einer losen Trilogie, endlich wieder zurück.
Passend für die Anhänger von Fahrradrennen zum 100-jährigen Jubiläum
der Tour de France, einer ungemein aufregenden und spannenden
obendrein. Kraftwerk haben ihr Album fast parallel konzipiert. Es gibt
einen Prolog, Etappen und einen Einblick in technische Bereiche. Erst
einmal aber beginnt Tour De France Soundtracks nach dem "Prologue" mit
einer kleinen Enttäuschung, denn die ersten drei Etappen decken sich
doch sehr mit der vorab erschienenen Single "Tour De France 03". Dann
aber rollen sie das Feld von hinten auf. Die Texte bestehen wie immer
aus losen Begriffen, die sich zu einer Assoziationskette verbinden.
Musikalisch aber verwerfen Kraftwerk alle Bedenken. Hütter und
Schneider (weitere Mitglieder sind Fritz Hilpert und Henning Schmitz)
gehen auf das Rentenalter zu, und doch überraschen die "alten Männer"
mit frischen Sounds.
Die typischen Kraftwerk-Klänge und -Soundscapes und prägnanten Melodien
werden in die Ist-Zeit transformiert. Sie paaren und vermischen sich
insbesondere mit minimalem Techno und reduzierten Elektronik-Sounds
sowie punktgenau platzierten Rhythmen. Das kann nach The Modernist,
Plastikman, Pole, Kevin Saunderson etc. natürlich nicht mehr innovativ
klingen. Trotzdem überraschen Kraftwerk mit einem Album, das sich voll
auf der Höhe der Zeit befindet.
(Sven Niechziol)
Das Kapriziöse,
Kleinteilige, Hippelige: Das haben sie erfunden - und mit
unwiderstehlich monotonen Slogans ("Fahrn, fahrn, fahrn ...") in den
Mainstream überführt, ohne es sich mit der Avantgarde zu verscherzen.
Einiges davon klappt noch immer, auch wenn sie die unwiderstehlichen
Slogans im Materialwagen liegen ließen.
Das Meisterliche am neuen Album
liegt in der Kraft, mit der es die Techno-Ära - die Kraftwerk ja
boykottierte - weiterhin souverän ignoriert und sich selbst als Marke
definiert. Und es liegt in einer abgeklärten Andeutung: Wir haben der
Maschine den Pop entlockt und uns Menschen das Maschinelle; wir haben
die Elektronik minimalisiert, längst bevor ihr ein Knacken zum Beat
hochgeloopt habt. Wir lächeln euch zu, sagen sie. Von hoch oben, vom
Gipfel des Tourmalet. (mw)
Rezension 1:
Die Wartezeit hat sich auf jeden Fall gelohnt: die "Tour De France
Soundtracks" klingen Kraftwerk-typisch nicht stur elektronisch, sondern
haben einen sehr modernen und zukunftsorinetierten Sound.
Im Vergleich zu früheren Alben klingen die Songs jetzt futuristischer und "erwachsener".
Kraftwerk ist und bleibt die Grande Dame der Elektronik-Musik!
Rezension 2:
Schon die Single "Expo 2000" war bemerkenswert. Und jetzt Tour de
France Soundtracks, die Soundtüftler haben hier ihre Genialität
bewiesen.
Eines vorweg: Die Trackliste dieser CD gibt 12 Tracks an, eigentlich
kann man aber nur von fünf "Songs" sprechen. Los geht es mit dem
"5-Track-Song" Prologue / Tour de France Étape 1-3 / Chrono. Wie in
Zeiten von Autobahn (20 Minuten) und Trans-Europa-Express wird ein
Grundthema hier in die Länge gezogen und mit Akzenten versehen.
Kraftwerk versteht es auch hier, dabei nicht langweilig zu wirken.
Danach folgt Vitamin, hier lassen Schneider, Hutter & Co. den Sound
"sprudeln". Aérodynamik kommt mit einem ruppigen Sound daher (das Lied
wird in Titanium weitergeführt), Elektro Kardiogramm / La Forme
/Régéneration bietet einen abgeklärten Sound, der in einen
"Chill-Out-Sound-Brei" endet. Zuguterletzt noch den remasterten
80er-Jahre-Hit Tour de France, der von einem Album stammt, das nie
fertiggestellt worden ist.
Die Kraftwerk-typischen Merkmale (minimalistischer Elektro-Sound mit
beeindruckenden Rhythmen und einem Hang zur Avantgarde, und Texte, in
denen ein Satzbau die Ausnahme ist) trifft man auch hier an.
Entsprechend dem Thema sind diese Texte ausnahmslos in französischer
Sprache.
Für mich ist dieses Album neben Mensch-Maschine das beste Album
der Düsseldorfer Pioniere des Elektro-Pop. Für ein Portrait der Band
sind natürlich die alten Alben besser geeignet. Qualitativkann dieses
Album aber mit jedem der alten mithalten bzw. dieses übertreffen.
Rezension 3:
Kraftwerk wurden in ihrer fast 35-jährigen Schaffenszeit seit jeher mit
Vorurteilen konfrontiert. Als sie "Trans Europa Express"
herausbrachten, hieß es: "Was beschäftigt Ihr euch mit so altem Zeugs
wie dem TEE, das ist doch Vergangenheit." Als "Computerwelt" erschien -
übrigens 2 Jahre vor Markteinführung des Personal Computers - nannte
man sie "Knöpfchendreher".
Dabei realisierten Kraftwerk stets mit klarem Fokus ihre musikalische
Vorstellung davon, wie Mensch und Maschine auf harmonische und
produktive Weise zur Einheit werden können. Auf "Tour de France" ist es
der Mensch, der sich aus eigener Kraft bewegt, in geschmeidiger
Zusammenarbeit mit einer Maschine, dem Fahrrad.
Diese "Soundtracks" vermitteln wirklich etwas von jener Leichtigkeit
der Bewegungen, mit denen ein gut trainierter Mensch Etappen der "Tour
de France" bewältigt. Nur wer wie die Herren Hütter, Schneider, Hilpert
und Schmitz selber begeisterter Radsport-Amateur ist, wird das
geschmeidige Wohlgefühl und den Flow-Zustand nachvollziehen können, der
hier elektronisch vertont wurde - musikalisch brillant und
produktionstechnisch sowieso "state of the art". Eine CD, die sich
meistens erst nach mehrmaligem Hören erschließen wird.
Dass die Kraftwerker für sich selber Radfahren als eine Art
Gesundheitsprogramm praktizieren, macht ihren Gedanken von der
Mensch-Maschine-Einheit nur umso glaubwürdiger: Sieht man, wieviele
Menschen in der Musikwelt ausgebrannt sind oder ihre Kräfte und
Kreativität verschlissen haben, wirken die Kraftwerker auch noch nach
Jahrzehnten "voller Energie". Nicht viele Musiker absolvieren mit fast
60 Jahren noch einmal eine ausgedehnte Welttournee mit einem derart
perfektem Zusammenspiel von Musik, Klang und Optik. Ein weiterer
bedeutender Mosaikstein im Gesamtkunstwerk "Kraftwerk".