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06.07.2005
CD-Tipp: Tour de France - Kraftwerk



Die CD ist zwar bereits im Jahre 2003 erschienen - aber rechtzeitig zur Tour de France 2005 lohnt es sich, diese CD wieder anzuhören. Und Kraftwerk selbst? Jeden Juli gucken sie Fernsehen, die Tour de France. Alle fahren Rad, alle sind fasziniert von der austarierten Wechselwirkung zwischen Mensch und Maschine, und austariert ist auch ihr filigraner Elektropop.


Soundtracks hören: >>>

Angeblich arbeiten sie bis zu 16 Stunden am Tag im Studio. Und nichts vom Output werde verworfen, sondern veröffentlicht. Fragt sich nur, warum es 17 Jahre lang nicht zu einem Album reichte. Was also treiben Kraftwerk wirklich den ganzen Tag im Studio?

Egal, was war und egal, was noch kommt: Kraftwerk ist der wichtigste deutsche Musikbetrag seit Beethoven und Karlheinz Stockhausen. Die beiden Musikstudenten Ralf Hütter und Florian Schneider, die sich 1968 an der Akademie Remscheid kennen lernten, können auf einen unglaublichen Gesamtkatalog zurückblicken. Lange, lange leistete die Düsseldorfer Gruppe gegen alle Trends Pionierarbeit, selten klang elektronische Musik so inhuman, maschinenhaft und ergreifend.

Irgendwann aber müssen auch Pioniere erkennen, dass der Boden, den sie eroberten, fruchtbar machten und bestellten, von anderen weiter veredelt wird. Vielleicht haben sich die publikumsscheuen Kraftwerk seit 1986 nach Electric Cafe auch deshalb rar gemacht. The Mix (1991) war ja nur eine -- wenn auch gelungene -- Aufarbeitung alter Hits und Expo 2000 höchstens eine Momentaufnahme. Nun also kehren sie mit Tour De France Soundtracks, nach Autobahn und Trans Europa Express der letzte Teil einer losen Trilogie, endlich wieder zurück.

Passend für die Anhänger von Fahrradrennen zum 100-jährigen Jubiläum der Tour de France, einer ungemein aufregenden und spannenden obendrein. Kraftwerk haben ihr Album fast parallel konzipiert. Es gibt einen Prolog, Etappen und einen Einblick in technische Bereiche. Erst einmal aber beginnt Tour De France Soundtracks nach dem "Prologue" mit einer kleinen Enttäuschung, denn die ersten drei Etappen decken sich doch sehr mit der vorab erschienenen Single "Tour De France 03". Dann aber rollen sie das Feld von hinten auf. Die Texte bestehen wie immer aus losen Begriffen, die sich zu einer Assoziationskette verbinden.

Musikalisch aber verwerfen Kraftwerk alle Bedenken. Hütter und Schneider (weitere Mitglieder sind Fritz Hilpert und Henning Schmitz) gehen auf das Rentenalter zu, und doch überraschen die "alten Männer" mit frischen Sounds.

Die typischen Kraftwerk-Klänge und -Soundscapes und prägnanten Melodien werden in die Ist-Zeit transformiert. Sie paaren und vermischen sich insbesondere mit minimalem Techno und reduzierten Elektronik-Sounds sowie punktgenau platzierten Rhythmen. Das kann nach The Modernist, Plastikman, Pole, Kevin Saunderson etc. natürlich nicht mehr innovativ klingen. Trotzdem überraschen Kraftwerk mit einem Album, das sich voll auf der Höhe der Zeit befindet.
(Sven Niechziol)

Soundtracks hören: >>>

1. Prologue
2.Tour de France Etape 1
3.Tour de France Etape 2
4.Tour de France Etape 3
5.Chrono
6.Vitamin
7.Aero Dynamik
8.Titanium
9.Elektro Kardiogramm
10.La Forme
11.Regeneration
12.Tour de France

Das Kapriziöse, Kleinteilige, Hippelige: Das haben sie erfunden - und mit unwiderstehlich monotonen Slogans ("Fahrn, fahrn, fahrn ...") in den Mainstream überführt, ohne es sich mit der Avantgarde zu verscherzen. Einiges davon klappt noch immer, auch wenn sie die unwiderstehlichen Slogans im Materialwagen liegen ließen.

Das Meisterliche am neuen Album liegt in der Kraft, mit der es die Techno-Ära - die Kraftwerk ja boykottierte - weiterhin souverän ignoriert und sich selbst als Marke definiert. Und es liegt in einer abgeklärten Andeutung: Wir haben der Maschine den Pop entlockt und uns Menschen das Maschinelle; wir haben die Elektronik minimalisiert, längst bevor ihr ein Knacken zum Beat hochgeloopt habt. Wir lächeln euch zu, sagen sie. Von hoch oben, vom Gipfel des Tourmalet. (mw)

Rezension 1
:
Die Wartezeit hat sich auf jeden Fall gelohnt: die "Tour De France Soundtracks" klingen Kraftwerk-typisch nicht stur elektronisch, sondern haben einen sehr modernen und zukunftsorinetierten Sound.

Im Vergleich zu früheren Alben klingen die Songs jetzt futuristischer und "erwachsener".

Kraftwerk ist und bleibt die Grande Dame der Elektronik-Musik!

Rezension 2:
Schon die Single "Expo 2000" war bemerkenswert. Und jetzt Tour de France Soundtracks, die Soundtüftler haben hier ihre Genialität bewiesen.

Eines vorweg: Die Trackliste dieser CD gibt 12 Tracks an, eigentlich kann man aber nur von fünf "Songs" sprechen. Los geht es mit dem "5-Track-Song" Prologue / Tour de France Étape 1-3 / Chrono. Wie in Zeiten von Autobahn (20 Minuten) und Trans-Europa-Express wird ein Grundthema hier in die Länge gezogen und mit Akzenten versehen. Kraftwerk versteht es auch hier, dabei nicht langweilig zu wirken. Danach folgt Vitamin, hier lassen Schneider, Hutter & Co. den Sound "sprudeln". Aérodynamik kommt mit einem ruppigen Sound daher (das Lied wird in Titanium weitergeführt), Elektro Kardiogramm / La Forme /Régéneration bietet einen abgeklärten Sound, der in einen "Chill-Out-Sound-Brei" endet. Zuguterletzt noch den remasterten 80er-Jahre-Hit Tour de France, der von einem Album stammt, das nie fertiggestellt worden ist.

Die Kraftwerk-typischen Merkmale (minimalistischer Elektro-Sound mit beeindruckenden Rhythmen und einem Hang zur Avantgarde, und Texte, in denen ein Satzbau die Ausnahme ist) trifft man auch hier an. Entsprechend dem Thema sind diese Texte ausnahmslos in französischer Sprache.

 Für mich ist dieses Album neben Mensch-Maschine das beste Album der Düsseldorfer Pioniere des Elektro-Pop. Für ein Portrait der Band sind natürlich die alten Alben besser geeignet. Qualitativkann dieses Album aber mit jedem der alten mithalten bzw. dieses übertreffen.

Rezension 3:
Kraftwerk wurden in ihrer fast 35-jährigen Schaffenszeit seit jeher mit Vorurteilen konfrontiert. Als sie "Trans Europa Express" herausbrachten, hieß es: "Was beschäftigt Ihr euch mit so altem Zeugs wie dem TEE, das ist doch Vergangenheit." Als "Computerwelt" erschien - übrigens 2 Jahre vor Markteinführung des Personal Computers - nannte man sie "Knöpfchendreher".

Dabei realisierten Kraftwerk stets mit klarem Fokus ihre musikalische Vorstellung davon, wie Mensch und Maschine auf harmonische und produktive Weise zur Einheit werden können. Auf "Tour de France" ist es der Mensch, der sich aus eigener Kraft bewegt, in geschmeidiger Zusammenarbeit mit einer Maschine, dem Fahrrad.

Diese "Soundtracks" vermitteln wirklich etwas von jener Leichtigkeit der Bewegungen, mit denen ein gut trainierter Mensch Etappen der "Tour de France" bewältigt. Nur wer wie die Herren Hütter, Schneider, Hilpert und Schmitz selber begeisterter Radsport-Amateur ist, wird das geschmeidige Wohlgefühl und den Flow-Zustand nachvollziehen können, der hier elektronisch vertont wurde - musikalisch brillant und produktionstechnisch sowieso "state of the art". Eine CD, die sich meistens erst nach mehrmaligem Hören erschließen wird.

Dass die Kraftwerker für sich selber Radfahren als eine Art Gesundheitsprogramm praktizieren, macht ihren Gedanken von der Mensch-Maschine-Einheit nur umso glaubwürdiger: Sieht man, wieviele Menschen in der Musikwelt ausgebrannt sind oder ihre Kräfte und Kreativität verschlissen haben, wirken die Kraftwerker auch noch nach Jahrzehnten "voller Energie". Nicht viele Musiker absolvieren mit fast 60 Jahren noch einmal eine ausgedehnte Welttournee mit einem derart perfektem Zusammenspiel von Musik, Klang und Optik. Ein weiterer bedeutender Mosaikstein im Gesamtkunstwerk "Kraftwerk".






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