Auf Erotikseiten herumsurfen? Also wirklich, sowas macht doch Keiner!
Doch ab und zu wird Keiner in flagranti erwischt und es stellt sich
heraus, dass er eigentlich Müller heißt. Das kann dann den Job oder die
Beziehung ruinieren. Für nur 9 Euro 95 soll es nun Abhilfe geben. Data
Becker nimmt den Sexsurfer an der Hand – so der noch eine frei hat.
Von Wolf-Dieter Roth
Computer im Bett? Nee, das ist doch nix, diese eckige Blechkiste, da
holt man sich doch nur blaue Flecken. Doch da so manchem der
elektronische Freund recht nahe steht, wird er natürlich auch für
erotische Streifzüge verwendet. Er quatscht ja nachher nicht herum.
Denkt man.
Vor gut 10 Jahren gab es in einem Computerverlag deshalb ein neues
Geheimprojekt, mit dem der Verlag offiziell nichts zu tun haben wollte.
Der Geschäftsführer gab stattdessen den Namen seiner früheren eigenen
Bastlerbude her, die er in all den Jahren nie aufgelöst hatte. Nur die
Adresse des so neu entstandenen Verlags war verdächtig – und die
beiliegende CD-ROM. Dem Presswerk hatte nämlich niemand gesagt, dass
man diesmal inkognito bleiben wolle und es druckte seelenruhig den
Namen der Zeitschrift auf die CD, deren Chefredakteur zum Projektleiter
des anrüchigen Projekts erkoren worden war.
Um Mitarbeiter musste dieser nicht lange betteln; der Andrang
urplötzlich trotz täglicher Nachtschichten nicht ausgelasteter
Redakteure war enorm. Und war schon nach wenigen Monaten – denn
eigentlich wollte keiner der Beteiligten das Projekt so übereilt
abschließen – eine neue Zeitschrift namens "PC-Erotik" im Postraum zum
Versand bereit.
Endlich eine Zeitschrift, die jeden interessiert
Auf einmal ging es rund in den Verlagsfluren: Redakteure, Spieletester,
Anzeigenverkäufer und Sekretärinnen liefen in den Postraum, nahmen sich
drei "PC-Erotik", legten zur Tarnung die daneben liegende neueste
Ausgabe der verlagseigenen Funkfachzeitschrift darauf und liefen – sich
unauffällig nach links und rechts umguckend – eilig wieder zurück an
ihren Arbeitsplatz.
Also ging ich nun auch in den Postraum, denn das sah doch nach einem
interessanten Geschenk für erotisch bislang noch zu kurz gekommene
Freunde aus. Nahm mir drei "PC-Erotik", legte keine Funkfachzeitschrift
drauf, denn diese schrieb ich ja selbst und kannte sie in- und
auswendig, verließ den Postraum, ohne mich umzuschauen – und lief dem
Geschäftsführer in die Arme, der nur trocken meinte "Ja hat Ihnen denn
keiner gesagt, dass Sie da noch eine Funkfachzeitschrift drauf legen
müssen?".
Da nun ernsthafte Bedenken auftauchten, dass die ganze
Erstauflage des Elaborats im Haus versickerte, statt an zahlende Käufer
verschickt zu werden, wanderte der Karton von der Poststelle unter den
Schreibtisch des Projektleiters. Und ich machte den nächsten Fehler und
begann sofort am Arbeitsplatz das Werk meiner Kollegen zu begutachteten.
Erotische Satire – oder satirische Erotik?
Eine der besten Satirezeitschriften nach Titanic und Mad heißt
"Coupé": Wer diese in die Hände bekommt, wird sofort an die "Neue
Spezial" erinnert: Lachkrämpfe sind unausweichlich. Womit ich mir
einstmals leider meine erotischen Chancen bei einer Blondine verpatzte,
die mich mit "Coupé" auf die gemeinsame Nacht einstimmen wollte, aber
mein Gelächter beim Durchblättern des Machwerks dann sehr persönlich
nahm.
Und ebenso wurde mein mir gegenüber sitzender Vorgesetzter nach
nur wenigen Minuten sehr ungehalten und meinte "wenn du jetzt nicht auf
der Stelle aufhörst zu lachen, muss ich dir die Hefte abnehmen! Lies
das gefälligst zuhause". Oweia, ich hatte ja keine Ahnung, dass er zum
Redaktionsteam gehört hatte. Unser Verhältnis war von diesem Tag an
verkühlt.
Die Zeitschrift enthielt die absoluten Wahnsinnstipps. So bot unter der
Überschrift "Erwischt werden? Das muss nicht sein!" ein zweiseitiger
Artikel praktische PC-Lebenshilfe: Es war zu sehen, wie unter einem
Word-Dokument der Pinup-Desktop hervorlugte. Die professionelle Abhilfe
von "PC-Erotik"? Richtig, das Word-Fenster maximieren! Und für solche
Tipps hatte der Käufer fast 10 Mark abzulatzen.
"Erwischt werden? Das muss nicht sein!"
Das letzte der drei Hefte schenkte ich dem Mann einer Freundin.
Er beschwerte sich später, dass das auf der CD befindliche Programm von
Beate Uhse seinen PC zum Absturz gebracht hatte. Und wunderte sich,
dass man für die Erstellung eines solchen Hefts auch noch bezahlt wird
– wenn auch schlecht.
Der Düsseldorfer Verlag Data Becker hat sich nun dieser Tage des
drängenden Themas "Wie surfe ich unerkannt auf Sexseiten" angenommen.
"Sex für Dummies" fiel als Titel leider aus, denn das Buch gibt es
schon – von einem anderen Verlag und ohne Computerbezug. Deshalb heißt
es nun "Scharf und sicher im Internet". Und ist – wie bei Data Becker
zugegeben generell üblich – so reißerisch aufgemacht ("Peinliche
Sexspuren endgültig vernichten", "Anonymes Vorspiel: Unerkannt in den
heißesten Foren anmelden", "Rattenscharf, der kleine Firefox", "Geheim
und geil: scharfe Bildersuche mit Google"…), dass es im Laden wohl nur
selten und dann mit hochroter Birne zur Kasse getragen werden dürfte.
Online hat der Verlag dagegen ein paar Gänge heruntergeschaltet.
Trotzdem kam in mir sofort schwerer "PC-Erotik"- und "Peter
Huth"-Verdacht auf.
Sie haben dieses Buch bestimmt gekauft, um sich im Internet
endlich sicher bewegen zu können. Um anonym zu sein oder um sich
einfach zu informieren, wie Sie Ihre Privatsphäre schützen können.
Vielleicht aber auch nur wegen des interessanten Bildes auf dem
Buchumschlag. Data Becker kennt seine Pappenheimer: Aus dem Vorwort von
"Scharf und sicher im Internet"
Auf 170 locker bedruckten Seiten bietet das Buch nicht etwa – wie der
Titel vermuten ließe – Informationen darüber, wie man eine Sexwebsite
macht, dafür durchaus einige Informationen, wie man solche besucht.
Wenn auch nicht immer die besten. Das allerdings ist Ansichtssache. So
stellt sich bei dem Satz "Für eine gute Beziehung in der Partnerschaft
ist es wichtig, […] dass "andere" nicht durch Zufall auf die
"peinlichen" Sachen stoßen" einerseits die Frage, was eine Beziehung in
der Partnerschaft ist – etwa das Gegenstück einer Partnerschaft in der
Beziehung? Andererseits könnte man hieraus schließen, es sei für die
Partnerschaft besser, wenn die "anderen" (wieviele eigentlich?) statt
nur zufällig doch besser beabsichtigt auf die "peinlichen Sachen"
stoßen, sprich: Man den Partner an dem Online-Spaß teilhaben lässt und
die schönen Bildchen nicht alle egoistisch für sich behält.
Nachvollziehbar, doch nicht, was der Autor uns sagen will.
Dialer werden unter dem Stichwort "Die schmutzigen Tricks der
Sex-Mafia" durchaus vernünftig, wenn auch als "Stöhn-Telefonnummern"
erklärt. Jene kommen aber bekanntlich völlig ohne Dialer und Computer
aus. Auch die Warnung vor Trojanern, Würmern und verstellten
Startseiten gleich am Buchbeginn ist sinnvoll – und die Tipps sind
brauchbar, wenn auch nicht vollständig. Auch der Hinweis, für Sextouren
im Netz nicht die Firmen-E-Mail – oder andere mit dem richtigen Namen
darin – zu benutzen, muss manchem wohl gesagt werden. Es fehlt
allerdings der Hinweis, generell nicht im Büro sexzusurfen. Zugegeben
wird einem dieser Tipp von um das Wohl ihrer Angestellten besorgten
Arbeitgebern heutzutage auch so bei der Einstellung gegeben: "Gehen Sie
mit Ihrem Computer nicht auf Erotikseiten, wir haben erst neulich
wieder einen Kollegen intensiv beobachtet und abgemahnt, der über sechs
Stunden nonstop auf Beate Uhse.com unterwegs war" (vermutlich hatte die
ganze Führungsriege die sechs Stunden kuschligen Online-Sex im
Großraumbüro mitbeobachtet…). Computerredakteure auf Recherche sind
natürlich ausgenommen, auch wenn diese Recherche die ganze Nacht dauert.
Ein ganzes Kapitel handelt vom schwierigen Thema "Microsoft und
der Sex". Ob "Internet Explorer sicher machen" (ja geht das denn?),
"Mach mit: Service-Packs nutzen" oder "Das Outlook-Express-Gummi
einsetzen" (huch, wie pervers!) bis zu "dem Media-Player das Quatschen
abgewöhnen" scheinen die hier versammelten Tipps nicht nur für
erotische Surftouren von Nutzen zu sein, doch anscheinend diesen
Aufhänger zu brauchen, um dem nicht technikinteressierten
Computernutzer nahe gebracht zu werden. Insofern ein echtes
Aufklärungsbuch, zumal zwei Kapitel weiter auch Mozilla und Firefox
sowie Opera als Alternative zum Microsoft Internet Explorer und
Xenorate als Alternative zum Windows Media Player vorgestellt werden.
"Deutsche, kauft Online-Sex bloß nicht beim Deutschen"
Ausgesprochen schlecht für Herrn Eichel sind allerdings die nun
folgenden Tipps. Von deutschen Sex-Websites rät das Buch nämlich
komplett ab. Denn bei denen verlangen Jugendschutz.net und die KJM eine
aufwendige Altersüberprüfung, während der Rest der Welt zum Schutz der
Kinder mit einem Button "Sie sind volljährig? Ja/Nein" auskommt. Data
Becker sagt hier ganz klar: "Hände weg von solchen
Altersverifizierungen!". Ob X-Check, Über 18 oder gar das neue mit dem
Chip der Geldkarte arbeitende System: Alle diese Systeme verlangen
nicht nur Geld, sondern treiben mit den Daten Schindluder, vermutet
Autor Andreas Petrausch. Dabei wären diese längst vom Markt gefegt,
wenn sie das Vertrauen ihrer Kunden so missbrauchen würden.
Man sollte also zukünftig auch keine Zigaretten am Automaten mehr
kaufen, wenn diese erst mit dem Geldkartenchip das Alter überprüfen,
doch diese durchaus gesunde Schlussfolgerung zieht Petrausch nicht.
Stattdessen rät er zu "Englisch lernen" oder gar der Benutzung von
Google und Babelfish, um spanische Sexsites in der Originalsprache zu
besuchen. Als ob die Zahlung dort nun irgendwie sicherer wäre als auf
deutschen Seiten, bei denen man bei Betrug zumindest klagen könnte –
auch wenn sich das natürlich zugegeben kaum jemand trauen wird. Dafür
allerdings geht das Geld dann ins Ausland und am deutschen Fiskus
vorbei. Auch der Erregungswert Babelfisch-übersetzter spanischer
Erotiktexte dürfte unweigerlich auf Geschlechtsnocken-Niveau fallen –
und für die Bilder braucht man keinen Übersetzer.
Klauen ist anonymer als Kaufen – aber wirklich sicherer?
Es dürfte zudem schwierig werden mit dem Bezahlen, wenn man den
Tipp "Hände weg von der Kreditkarte" beherzigt. Wenige Seiten weiter
steht dann nämlich die Weisheit "Umsonst macht's keiner!". Dafür wird
dem notleidenden User später gezeigt, wie man an von den Sexseiten
geklaute Bilder über Google und Newsgroups umsonst herankommt. Was ein
Glück, dass die böse Pornomafia nicht so drauf ist wie die selbstredend
wesentlich anständigere Musikindustrie – sonst würden diese Tipps
unweigerlich zu Abmahnungen führen!
Die Empfehlung von IP-Anonymizern ist allerdings eher verwirrend
– wer legale Erotik-Angebote und nicht Kinderporno besichtigen will,
sollte das eigentlich nicht nötig haben. Andere Tipps sind dagegen
durchaus sinnvoll, wie jener, keine private Homepage des Stils "das bin
ich, das ist mein Porsche, das ist meine Frau und das sind meine
Kinder" aufzumachen und schon gar nicht die Bilder in Kontaktanzeigen
von dort zu laden, da man damit nicht nur jede Anonymität aufgibt,
sondern die Bilder der Kinder auch noch an Stellen im Netz auftauchen
könnten, wo man sie ganz bestimmt nicht sehen will.
"Uschi braucht einen eigenen Account"
Nun beschäftigt sich ein ganzes Kapitel damit, wie man die
Online-Streifzüge vor dem Partner verbirgt. Eigentlich hat man dann
zwar den falschen Partner, wenn dies nötig ist, aber hier will Data
Becker nicht abhelfen: im Buch geht es nur darum, heiße Bildchen zu
verstecken, nicht etwa Hotchats. Ein ziemlich kurioser Tipp ist es,
alle gesammelten Sexvideos zu einem großen Video zusammenzuschneiden,
weil dieses nicht so auffalle. Ein anderer, unter XP Professional der
Frau ein eigenes Konto zu geben – und zwar mit Administratorrechten,
damit sie nicht misstrauisch wird – und dann die Bilderordner zu
verschlüsseln. Eine etwas fragliche Sicherheit, zumal ein Ordner mit
unlesbaren Dateien auch "Uschi" komisch vorkommen wird. Das Buch endet
mit Brutallösungen: Das Rückspielen eines Image-Backups nach dem
Sexsurfexzess oder gar das Einrichten eines Microsoft Virtual PC.
Ob die angebotenen Lösungen zum sexuell orientierten Onlinegenuß nun
wirklich immer die optimalen sind, ist fraglich, doch wenn man vom
bildzeitungsreißerischen Umschlag ausgeht und das Schlimmste
befürchtet, ist der Inhalt eine positive Überraschung und mit knapp 10
Euro immer noch billiger als ein falscher Dialerclick. C't-Leser
dürften hier allerdings nichts mehr dazulernen.
Andreas Petrausch, "Scharf und sicher im Internet", Data Becker Düsseldorf 2005, 9,95 Euro, ISBN 3-8158-2722-1