Was ist über dieses Thema nicht schon alles verbrochen worden und nun
die schlechte Nachricht vorneweg: Es gibt keine festen Vorschriften,
sondern eine ganze Reihe von "Gesetzen" und eben so viele
Möglichkeiten, sie zu brechen. Die Vielfalt der Geschmacksvarianten hat
grade in den letzten Jahren durch den Einfluss fremdländischer Küchen
enorm zugenommen, so dass neue Kombinationen von Aromen entstanden.
Waren noch vor zehn Jahre hauptsächliche Weine aus den klassischen
europäischen Weinbaugebieten Frankreich, Italien und Deutschland und
ein wenig Spanien im Handel, so findet man heute Weine aus aller Welt,
die zum Probieren einladen. So ist es immer wieder spannend, neue
Kombinationen zu entdecken und Bekanntes neu zu vareiiren.
Im folgenden werde ich ein paar bekannte Wein - zum - Essen Regeln kommentieren:
Regel Nr. 1 Zu hellem Fleisch und Fisch Weißwein und zu dunklem Fleisch Rotwein
(gern ergänzt durch den Verlegenheits-Rosé, wenn die eine Hälfte der
Tischgesellschaft Lammbraten und die andere Hühnerfrikassee isst):
Diese Regel ist nichtssagend. Wesentlich für die Wahl des Weines ist,
wie das Gericht zubereitet und gewürzt ist und welche Sauce und
Beilagen dazu gereicht werden. Die Verbindung aller dieser Aromen muss
mit dem Wein harmonieren und durch den Wein ergänzt werden. Zu einem
deftigen, würzigen Gericht sollte ein kräftiger, säurereicher nicht zu
komplexer Wein gereicht werden
Beispiele:
Wurstteller mit Salami, luftgetrocknetem Schinken und Bauernpastete
dazu ein junger Rotwein von der Rhône oder aus der Provence mit den
Rebsorten Grenache, Syrah oder auch ein Beaujolais.
Kasslerbraten mit Sauerkraut, dazu ein halbtrockner Riesling mit feiner
Säure z.B. aus der Pfalz, ein Gewürztraminer aus dem Elsass, oder auch
ein kalifornischer Chardonnay. Geschmorter Rinderbraten, kräftiger
Pinot noir aus dem Burgund (z.B. Gevrey-Chambertin), ein Hermitage von
der Rhône oder auch ein kalifornischer Cabernet Sauvignon.
Komplexe Weine werden zu einem einfachen Essen gereicht. Einfach ist
hier nicht mit preiswert oder Alltagsküche zu verwechseln, es bezieht
sich auf die verwendeten Zutaten und Aromen.
Ein Steak oder ein anderes kurzgebratenes Stück Fleisch ist in diesem
Sinne ein einfaches Gericht, da nur eine kleine Menge an Aromen
entsteht im Gegensatz z.B. zu einer Gemüsesuppe mit Fleischeinlage.
Beispiele:
Lammkeule mit Kräutern geschmort: hierzu ein Bordeaux mit hohem Merlotanteil (also aus dem St. Emilion oder Pomerol).
Gebratene Entenbrust mit Steinpilzen: dazu einen reifen Bordeaux mit
hohem Cabernet-Sauvignon-Anteil. Entrecôte à la Bordelaise: kräftiger
reifer Bordeaux aus dem Médoc. Kaninchen mit schwarzen Oliven: schwerer
Chianti Classico oder Chianti Colle senesi oder ein kräftiger
kalifornischer Zinfandel. Gegrillter Thunfisch: mit Rioja Crianza.
Gebratene Gans (wenn ohne süße Beilagen wie Preiselbeeren,
Maronenpüree, Möhren etc. serviert): mit einem B aus dem Burgund oder
auch seinem deutschen Vetter dem Blau- oder Spätburgunder
Speisen auf Basis von Gemüse- oder Geflügelfonds verlangen nach einem
säurebetonten Weißwein, z.B. ein deutscher trockner Riesling, ein
Sauvignon Blanc von der Loire, ein Chablis oder auch ein Grauburgunder,
oder auch mal ein Champagner.
Beispiel:
Spargelrisotto: mit Prosecco spumante brut mit Schinken und
Hühnerfleisch gefüllte Artischocken: mit einem weissen Graves, einem
Elsässer Riesling oder auch einem sehr fruchtbetonten kräftigen Rosé de
Provence.
Sahnesaucen und Saucen mit viel Butter vertragen sich bestens mit sehr
gehaltvollen Weißweinen, wie z.B. ein Chardonnay aus dem Barrique, weil
dieser oft auch ein feines Butteraroma hat, oder eine halbtrockene
Riesling-Auslese.
Regel Nr. 2 Zum Essen den Wein trinken, der auch zum Kochen verwendet wurde!
Das stimmt ohne jedes Wenn und Aber: Salopp formuliert:
Was passt besser zu einem Wein als er selber? Ein weit verbreiteter
Fehler ist, für die Sauce, zum Marinieren oder zum Schmoren einen
minderwertigen Wein zu nehmen in der Annahme, in Verbindung mit den
anderen Gewürzen und Aromen fiele das nicht auf.
Geradezu eine küchen- und weintechnische Sünde ist es, fehlerhafte
Weine auf diese Weise "aufzubrauchen", denn die Fehlaromen finden sich
alle in der Sauce und am Fleisch wieder.
Wenn natürlich zum Essen ein ganz besonders teurer Tropfen gereicht
werden soll, dann ist es oft aus Kostengründen nicht zumutbar, eine
weitere Flasche zum Kochen herzunehmen. Dann sollte man aber einen Wein
aus dem entsprechenden Anbaugebiet und mit den gleichen Rebsorten
wählen und wenn möglich auch aus dem gleichen Jahrgang nehmen.
Regel Nr. 3 Zum Käse gibt es Rotwein!
Jein! Lieber nicht - jedenfalls nicht immer. Dass Wein, speziell
Rotwein, und Käse besonders gut miteinander harmonieren, ist ein leider
weit verbreiteter Irrtum. Und für eine Käseplatte, bei der ganz
unterschiedliche Käsesorten gereicht werden, den Wein zu finden, der
sich harmonisch allen angebotenen Käsearomen anpasst ohne sie zu
verdecken und der durch die Käsearomen nicht überlagert und verfälscht
wird, wenn es ihn gibt, dann hat ihn bisher noch keiner gefunden.
Der erste und beste Rat, der für die Kombination von Wein und Käse gegeben werden kann, ist der:
Beschränken Sie sich auf zwei allerhöchstens drei ähnliche Käsesorten,
wenn Sie Wein zum Käse reichen wollen, z.B. unterschiedlich reife
Ziegenkäse. Geben Sie nicht noch Obst zum Käse, wie die beliebten
Weintrauben und Birnen, da Obst nach ganz anderen Begleitweinen
verlangt als Käse. Und dann wählen Sie den für den Käse passenden Wein
aus.
In den meisten Fällen wird das ein Süßwein sein, eine Beerenauslese,
ein edelsüßer Tokay pinot gris aus dem Elsass, ein ungarischer
edelsüßer Tokaji Aszù, ein Sauternes usw.
Viele stark gesalzene und sehr würzige Käse, wie z.B. ein Roquefort
oder ein Gorgonzola, oder auch ein kräftiger St. Marcellin, Livarot
oder Munster präsentieren sich so am besten.
Trockene Weine würden durch die fette Cremigkeit der Käse schnell
metallisch schmecken, stark säurebetonte Weine würden dem Käsegeschmack
überlagern. So ist es in England gute Tradition, zum Stilton immer
einen Port zu trinken und die Engländer verstehen mehr von gutem Essen
und Trinken als ihr Ruf das ahnen lässt, vor allem verstehen sie eine
Menge vom Wein.
Allerdings gibt es ein paar feste Wein-Käse-Paarungen, die immer
funktionieren. Epoisses und ein gut gereifter Chambertin (bereits
Napoleon wird nachgesagt, dass er diese Kombination sehr schätzte).
Camembert de Normandie mit einem weißen Burgunder.
Warmer Ziegenkäse auf Salat mit einem Rosé oder auch Pouilly-Fumé.
Handkäs' mit Musik zu einem schönen Äbbelwoi.
Regel Nr. 4 Wein zum Dessert passt nicht!
Vor allem tun sich viele Leute schwer damit, zu Obst und fruchtigen
Desserts den richtigen Wein auszuwählen. Für cremige und sahnige
Desserts gilt ähnliches wie für die Käse, am besten einen Süßwein oder
Likörwein, denn nur diese können Sahne und Fett trotzen.
Zum Beispiel zu einer Mousse au chocolat mit Orangenaroma empfiehlt
sich ein Muscat de Rivesaltes, das ist ein aufgespritzter (d.h. mit
Alkohol versetzter) Dessertwein aus dem Süden Frankreichs, zu Puddings
und Flans kann man gut einen süßen Muskateller servieren oder auch
einen edelsüssen Chenin blanc.
Früchte, insbesondere Zitrusfrüchte stellen wiederum andere Ansprüche
an den Wein. Hier muss der Wein mit der Säure der Früchte bestehen
können.
Ein trockener Vinho Verde aus Portugal oder ein Sauvignon sind ideale
Begleiter. Exotische Fruchtkombination mit Ingwer passen gut zusammen
mit einem weissen Viognier, einem Grauburgunder oder auch einem
Riesling.
Regel Nr. 5 Zur asiatischen und besonders zur indischen Küche passt kein Wein, da
passt nur Bier!
Es gibt kein Gericht, zu dem sich nicht auch der
passende Wein finden lassen würde. Wichtig ist nur, die
Geschmacksrichtung aller verwendeten Gewürze zu erkennen und darauf den
Wein abzustimmen und das kann z.B. bei einem Chicken-Tandoori eine
ziemlich aufwändige Angelegenheit sein.
Zu sahnigen Gerichten, z.B. mit Kokosmilch oder süßem Joghurt
verfeinert, empfiehlt sich ein Semillon oder fruchtbetonter Muskateller.
Sind diese sehr stark gewürzt, dann helfen trockene Schaumweine wie
z.B. ein Prosecco spumante oder auch ein guter deutscher Winzersekt.
Möchten Sie Rotweine servieren, so empfehlen sich die Gewächse aus der
Neuen Welt (Kalifornien, Australien usw.), die mit ihrer schweren Süße
dem Feuer exotischer Gerichte standhalten.
Für die meisten Gemüsegerichte aus dem Wok mit den unterschiedlichsten
Komponenten von Ingwer, Zitronengras, Koriander usw. gibt es einen
unschlagbaren Allrounder, nämlich einen guten deutschen Riesling, z.B.
von der Pfalz mit seinem eleganten Säurespiel oder den badische
Gutedel, der auch oft unter seinem französischen Namen Chasselas
auftaucht.
Zum sogenannten chinesischen Fondue, bei dem feine Rindfleischscheiben
in Brühe gegart werden, können leichte Rotweine, z.B. ein Chinon oder
auch ein Dornfelder gereicht werden. Und wenn in der sogenannten
euro-asiatischen Cross-Over-Küche gar nichts passen will, dann gibt es
noch einen Allrounder, der passt wirklich immer: ein guter Champagner!
Ideale Partner
Zum Schluss noch ein paar ganz bekannte ideale Partnerschaften,
an denen nicht nur die Traditionalisten nicht rütteln:
Austern: Chablis oder Champagner
Roquefort: Sauternes und Stilton mit Portwein
Gänsestopfleber: Sauternes
Oliven: Sherry
Wein richtig präsentieren und genießen
Viele Weinliebhaber machen sich größte Gedanken, über die Lagerung
ihrer Weine, über die richtige Trinktemperatur, welchen Wein zu welchem
Gericht und dann schütten sie alle Weine in ein und dasselbe Glas,
welches vielleicht ein wunderschönes Design hat, oder Goldrand oder
noch aus der Aussteuer von Tante Trude stammt und großen sentimentalen
Wert besitzt. Jedoch: Im falschen Glas präsentiert, schmecken Weine
bestenfalls flach oder gar nicht, schlimmstenfalls schlecht.
Die Erklärung ist ganz einfach: Auf der menschlichen Zunge sind die
Rezeptoren für süß, sauer, salzig, bitter auf verschiedenen Stellen
angeordnet, und so ist es wichtig, dass die entsprechenden Aromen des
Weines auch per Physik des Glases mit genau diesen Rezeptoren in
Verbindung gebracht werden. Ein Süßwein, der auf die Salzig-Rezeptoren
trifft, wird nichtssagend schmecken, weil diese keinen entsprechenden
Geschmack finden, den sie dem Gehirn melden können und die
Süß-Rezeptoren, die nur am Rande gestreift werden, melden auch nur eine
schwache Süße.
Und - egal wie hoch die Gläser sind, sie werden nur zu etwa 3
Fingerbreit gefüllt, der restliche Raum soll die Aromen zusammenhalten,
denn mit der Nase werden die meisten Aromen zuerst wahrgenommen und
nur, was vorher gerochen wurde, wird auch später im Mund richtig
geschmeckt.
Zur Mindestausstattung sollten daher folgende Gläser gehören:
1.
ein tulpenförmiges hohes Bordeauxglas, welches die Röst- und
Bitteraromen weit hinten auf die Zunge befördert, für Bordeaux, sehr
reife Chianti 2.
ein kleineres etwas runderes Rotweinglas für Burgunder, deutsche Rotweine und spanische Alltagsweine 3.
in kleines schlankes Glas für alle Weissweine 4.
eine Champagnerflöte für Champagner, Sekt und Schaumweine 5.
ein kleines Glas, wie eine Champagnerflöte geformt für Sherrys und Portweine, kann auch für Dessertweine genommen werden.
Einfaches Experiment:
Nehmen Sie einen Wein, den Sie schon oft getrunken haben und füllen Sie
ihn in vier oder fünf unterschiedliche Gläser, z.B. einen halbtrockenen
Riesling einmal in ein Wasserglas, in ein Weißweinglas, in ein
spezielles Rieslingglas(wofern vorhanden), in ein Rotweinglas und in
eine Champagnerflöte. Trinken Sie den Wein aus allen Gläsern, zwischen
den unterschiedlichen Gläsern neutralisieren Sie ihre Zunge mit
Weißbrot und Wasser wie bei einer Weinprobe.
Sie werden erstaunt sein, welche Unterschiede Sie schmecken und welche
ungeahnten Dimensionen Ihr bekannter Wein aufweist. Vielleicht trinken
Sie ihn von nun an immer aus dem Bordeauxglas, weil es Ihnen just so am
besten gefällt.
Die empfohlenen Trinktemperaturen sind sicher allgemein bekannt und werden deshalb nur ganz kurz erklärt:
Grosse reife Rotweine (Bordeaux, Baroli, Burgunder, Hermitage usw.) bei
18°, jüngere leichtere Rotweine bei 16°-17°. Schwere barriquegereifte
Weißweine bei 12°, manchmal kann es auch ruhig ein Grad mehr sein,
einfache Weißweine bei 8° - 10°, Süßweine, Schaumweine und Champagner
bei 6°, alte Sauternes bei 10 - 12°. Dass die Temperierempfehlung
"Zimmertemperatur" aus einer Zeit stammt, in denen ein Zimmer im
Höchstfall 18° warm wurden, hat sich inzwischen wohl herumgesprochen.
Empfehlung zum Schluss
Es lohnt sich nicht, alle möglichen Wein-Essen-Kombinationen auswendig
zu lernen, es ist hilfreich, wenn man selber nicht sicher ist, was
funktioniert, Experten-Empfehlungen in der eigenen Küche anzuwenden.
Aber wirklich spannend ist, die eigenen Vorlieben herausfinden und neue
und ungewöhnliche Kombinationen auszuprobieren, auch wenn die eine oder
andere Variante schnell wieder dem Vergessen anheim fällt.
Wichtig ist, dass Sie bei der Planung bewusst entweder das Essen zum
Wein arrangieren oder den Wein zum Essen. Beides ist spannend und
sollte unbedingt ausprobiert werden. Und dieses Ausprobieren mit guten
Freunden macht unheimlich viel Spaß - Prost!