Fast jeder Mensch beruft sich bei seinen Entscheidungen auf seine
bisherigen Erfahrungen in allen möglichen Sinnen. Auf Erfahrungswerte
zu setzen, gilt gemeinhin als vernünftig. Das logische Denken gibt uns
dabei die Möglichkeit, die Dinge abzuwägen und einzuordnen. Wir fühlen
uns am sichersten, wenn die Abläufe einem vertrauten Schema folgen.
Daraus ergibt sich jedoch auch die Gefahr, den traditionellen
Denkweisen nur noch stur zu gehorchen, ohne sie dabei zu hinterfragen.
Oft ist uns gar nicht bewusst, auf welche Vielzahl von Möglichkeiten
wir damit verzichten. Einmal ausgetretene Wege werden schließlich nur
ungern verlassen. – Es ist schon beinahe verpönt, den ureigenen
Intuitionen zu vertrauen und Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu
treffen. Tatsächlich haben wir es meist verlernt, das gesamte uns zur
Verfügung stehende Spektrum zu nutzen. – Eine rationale Logik im Denken
ist natürlich wichtig für jedes erfolgreiche Handeln, doch dürfen wir
uns zugleich keine Scheuklappen aufsetzen, die uns den
Variantenreichtum an Lösungswegen nicht mehr sehen lassen.
Ganz sicher haben Sie irgendwann auch einmal auf die Frage „Warum
machen Sie das so?“, die doch sehr unbefriedigende Antwort „Weil ich
das schon immer so mache!“ erhalten. Und vermutlich haben Sie schon am
eigenen Leibe erfahren, wie schwierig es bspw. ist, in einem
Unternehmen neue Strukturen und ungewohnte Arbeitsprozesse zu
etablieren. Wer Veränderungen anvisiert, trifft anfangs nur selten auf
Begeisterung. Die Betroffenen sträuben sich, protestieren schon rein
prophylaktisch, sind voller Sorge und berufen sich darauf, dass bisher
doch auch alles irgendwie funktioniert hat. – Einige Zeit später stellt
sich dann heraus, dass der eingeleitete Wandel doch ganz sinnvoll war
und sogar enorme Erleichterungen mit sich brachte. Heute hat man bspw.
bereits vergessen, wie groß und verbreitet die Angst vor Computern in
den 80er und 90er Jahren war. Es gab wohl kaum eine Sekretärin oder
Schreibkraft, die nicht lamentierte, wie kompliziert diese neuen Dinger
doch seien. – Hätte man auf sie gehört, sie würden heute noch vor
Schreibmaschinen sitzen und eifrig Tipp-Ex gebrauchen...
Computer sind heute so selbstverständlich geworden, wie es früher
einmal die Schreibmaschine gewesen ist. Aber was passiert, wenn nun von
einer altbewährten Software auf eine neue umgestellt wird? – Wieder
stößt man auf Widerstand und mangelnde Bereitschaft, sich dem Neuen zu
öffnen. Sie sehen: Die Mechanismen wiederholen sich und werden auch
zukünftig nach dem gleichen Muster verlaufen.
Endgültigkeit heißt Stagnation
Es ist ein Fehler, einen hergestellten oder erreichten Zustand als
endgültig zu betrachten. Jede Endgültigkeit verursacht Stagnation und
beeinträchtigt damit unser Vorwärtskommen, das Endgültige behindert
jede Innovation und auch den persönlichen Erfolg.
Gleichzeitig hat es so etwas wie absoluten Stillstand in der Geschichte
der Menschheit (glücklicherweise) noch nie gegeben. Eben weil alles
fließt, wusste schon Heraklit vor 2500 Jahren, kann auch niemand
zweimal in den gleichen Fluss steigen. Doch diese Erkenntnis scheinen
wir im täglichen Leben nur zu gerne zu vergessen. Wir neigen dazu, uns
selbst ein starres Korsett zu verpassen, das dann den
Handlungsspielraum insgesamt einengt. Aus unseren Erfahrungen entstehen
im Laufe der Zeit feste Denkmuster, die uns mehr oder weniger gefangen
halten und sich kaum noch auflösen lassen. Schließlich sind wir aus uns
selbst heraus kaum noch fähig, Gedanken zu entwickeln, die sich
außerhalb dieses konstruierten Rahmens befinden. – Kaum dass wir neue
Wege beschreiten und unbekanntes Terrain ergründen wollen, werden wir
daher auch mit der Angst vor allen möglichen Konsequenzen und einer
Vielzahl von Zweifeln konfrontiert. Für uns ist es bequemer, eventuelle
Wagnisse folglich schon im Vorfeld zu vermeiden. Bevor wir bekanntes
Fahrwasser verlassen, versuchen wir lieber, alle Gegebenheiten in die
dafür vorgesehenen, wohl geordneten Bahnen zu lenken.
Auf Entdeckungsreise gehen und Alternativen finden
Wenn wir nun allmählich lernen, den eingeengten Horizont zu erweitern
und über den berühmten Tellerrand hinauszuschauen, heißt das nicht,
dass sich damit alles grundsätzlich ändern soll. – Ziel ist es
vielmehr, das eigene Handlungsspektrum zu vergrößern. Die
Entscheidungen treffen wir nach wie vor selbst, nun allerdings
bewusster und freier von äußeren einzwängenden Einflüssen. Gerade das
Berufsleben wird gemeinhin vom logischen Denken dominiert, hier gilt
es, einen klaren Kopf zu bewahren und alle Entscheidungen wohl
durchdacht abzuwägen. Dabei kommt uns jedoch eine Vorurteilslosigkeit
oft abhanden. Wodurch Entscheidungen, die wir für gut überlegt halten,
letztendlich doch nur auf einer allzu gewohnheitsmäßigen Denkweise
beruhen, von der wir uns nicht trennen können. Schnell ist man geneigt,
sich selbst etwas vorzugaukeln, gerade wenn sich daraus eine bequeme
Lösung nach bewährtem Muster ergibt.
Der eigene Handlungsspielraum erhöht sich, wenn wir unsere Denkprozesse
hinterfragen und auch Zweifel zulassen und gleichzeitig intuitive
Momente ernst nehmen. Natürlich kann uns dabei auch unsere Intuition
einen Streich spielen, weil auch diese selten völlig frei von unseren
Erfahrungswerten ist. Die Sache erscheint somit komplex und kaum mehr
entwirrbar. Doch wenn wir jede Entscheidung kritisch überprüfen und
anschließend noch immer davon überzeugt sind, obendrein noch ein gutes
Gefühl dabei haben, können wir kaum falsch liegen. Es kommt darauf an,
jederzeit flexibel zu bleiben und nicht nur fortwährend nach ein und
demselben Schema zu verfahren. Doch, wie schon der römische Dichter
Ovid wusste: Nichts ist mächtiger als die Gewohnheit. Daher ist es auch
nicht leicht, auf starre Meinungen zu verzichten. Tatsächlich entstehen
etliche Probleme allein deshalb, weil wir zu viele Dinge für absolut
und endgültig erklären. Wer stets nach dem Motto „So, und nicht
anders!“ verfährt, engt sich selbst ein und erntet letztlich nur
Unzufriedenheit und Misstrauen.
Alternativen dies- und jenseits der Logik
Eine Entscheidung oder eine Meinung, die sich aufdrängt, muss nicht
zwangläufig die richtige sein, selbst wenn sie noch so logisch anmutet.
Denn die möglichen Alternativen, die neben der „einzig wahren
Entscheidung“ stehen, sehen wir oft gar nicht – weil wir sie nicht
sehen wollen. Sie werden erst dann erkennbar, wenn wir uns trauen, den
Ballast der starren Meinungen über Bord zu werfen und gelegentlich
Zweifel an unserer gewohnten Denkweise anmelden. Hier kann es sehr
aufschlussreich sein, eine Situation, die sich uns stellt (und die wir
vielleicht nach altbewährtem Muster meistern wollen), mit all ihren
Handlungsvarianten einmal durchzuspielen – und zwar ganz unabhängig
davon, ob eine der Handlungsmöglichkeiten für uns tatsächlich infrage
kommt oder nicht. Begeben wir uns auf das Terrain jenseits der
vordergründigen Logik und Wahrscheinlichkeit, zeigt sich schnell, dass
ein quasi unerschöpflicher Fundus an Alternativen zur Verfügung steht.
Wir brauchen dem automatisierten Denken nur einen Riegel vorzuschieben,
ein wenig Phantasie zuzulassen, und schon zeigt sich das ganze Spektrum
der zuvor verborgenen Alternativen. Anstelle von einer einzigen Lösung
ergeben sich plötzlich unzählige Optionen. Nicht selten kommt dabei
eine wahre Chaoslawine ins Rollen. Und wer jetzt noch einmal auf die
Anfangssituation schaut, sieht sofort, dass es die „eine“ Lösung
schlichtweg nicht gibt.
Jetzt steht die althergebrachte Lösung zur Verfügung, hinzu kommen
unzählige Alternativen sowie Kombinationen der unterschiedlichen
Ansätze. Unser Handeln bleibt nicht mehr auf eine isolierte Option
beschränkt, allein weil das Denken weniger fixiert ist und spielerisch
den gesamten zur Verfügung stehenden Variantenreichtum in Betracht
zieht. Vielleicht sollten wir es uns daher zur Gewohnheit machen, mit
den konventionellen Gewohnheiten zu brechen, sie zumindest zu
hinterfragen. So können wir immer auf eine breite Palette an
Alternativen zugreifen. Wichtig ist hierbei, eben jene Variante zu
finden, die der eigenen Persönlichkeit und den individuellen
Fähigkeiten am ehesten entspricht. Damit kommen wir nicht nur zu
vielschichtigeren und intelligenteren Entscheidungen, die variabel auf
die jeweilige Situation abgestimmt sind – oft vergrößert sich
zusätzlich die eigene Zufriedenheit, weil wir nicht mehr in
traditionellen oft sehr fremden Mustern feststecken, deren wir
vielleicht schon selbst längst überdrüssig sind.
Ein vom Ballast der Gewohnheit befreites Denken trägt immer zu einer
konstruktiven Problemlösung und Entscheidungsfindung bei. Das
Alternative Denken hilft zusätzlich bei der persönlichen Zieldefinition
und dem anschließenden Erreichen der gesetzten Ziele. Wenn wir für uns
Ziele markieren wollen, können wir auch hierbei auf eine größere
Spannbreite zurückgreifen. Denn auch unsere Ziele sind keine starre,
absolute Größe – um mit ihnen umzugehen, stehen ebenso viele
Möglichkeiten bereit, wie es die unterschiedlichsten Wege gibt, die
Ziele zu erreichen. Und dies gilt für sehr klar formulierte
Zielsetzungen genauso wie für noch vage Absichtserklärungen.
Neue Zielsetzungen durch Alternatives Denken
Der alternativ denkende Mensch schließt keine Zielsetzung schon im
Vorfeld aus; er ist bemüht, nicht ständig zu vergleichen und zu
bewerten. Aus dem Vergleich der eigenen Person mit anderen resultieren
häufig störende Befürchtungen. Wir sehen uns damit konfrontiert, dass
die eigenen Fähigkeiten nicht ausreichend sind und trauen uns
schließlich kaum, größere Zielsetzungen in Angriff zu nehmen. Stehen
größere Anstrengungen bevor, entsteht oft ein sich im Kreis drehendes
Gedankenchaos, das nicht selten dazu führt, doch lieber alles beim
Alten zu belassen. Mit einer flexiblen Denkweise ändert sich dagegen
häufig die Wahrnehmung der sich stellenden Aufgaben. Und eine
veränderte Wahrnehmung führt meist eine ganz neue Dynamik mit sich: Wir
werden bereit für Veränderungen und können damit auf Kräfte zugreifen,
die zuvor in destruktive Kanäle versickerten.
Sammeln Sie geeignete Ziele, und setzen Sie sich dabei keine zu engen
Grenzen – denken Sie dabei an Alternativen und an alternative Wege der
Realisierung. Jedes Ziel sollte erreichbar und möglichst frei von
äußeren Einflüssen sein und obendrein einem echten inneren Wunsch
entsprechen. Hochgesteckte Ziele lassen sich meist in pragmatische
Teiletappen einteilen – so können Sie schon bald erste Erfolge
verbuchen und sich damit für den weiteren Weg motivieren. Erlauben Sie
sich jederzeit eine Kurskorrektur, damit Sie weiterhin auf die
Herausforderungen des Augenblicks reagieren und auf Alternativen
zugreifen können.
Ohne Zielsetzungen, die durchaus auch mutig sein können, bleiben wir im
festen Gefüge alter Gewohnheiten stecken, wir schränken so die eigenen
Fähigkeiten ein und behindern den persönlichen Erfolg. Entscheiden Sie
sich nicht immer nur für das "objektiv richtige" Ziel, achten Sie auch
auf das subjektive und ganz persönliche Empfinden. Hierdurch erhöht
sich die Chance, dass Sie sich nicht nur für eine Zielsetzung
entscheiden, sondern schließlich auch tatsächlich zur Tat schreiten und
mit der Ausführung Ihres Vorhabens beginnen.
Weitere Infos zu diesem Thema:
Albert Metzler: Alternatives Denken – Vom fremden Chaos zu eigener
Struktur; ISBN: 393835805X; Verlag: BusinessVillage / Göttingen 2005
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