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19.07.2005
Aussteiger aus seiner Laufbahn als Arbeitsvermittler
Dieser Bericht beruht sich auf Tatsachen. Der Name des Betroffenen
ist geändert worden um ihn vor unangenehmen "Überraschungen" zu
schützen.
Interview mit einem ehemaligen Arbeitsvermittler aus Freiburg Simon
Frank (Name geändert) ist 31 Jahre alt und gelernter Betriebswirt.
Sieben Monate lang arbeitete er als Arbeitsvermittler in der Agentur
für Arbeit (früher Arbeitsamt) in der Lehener Straße in Freiburg.
Insgesamt zählt die Freiburger Behörde 508 Mitarbeiter - Beamte,
Angestellte und Arbeiter - davon 157 in Teilzeit.
Im Sommer diesen
Jahres hat Simon Frank seinen Job gekündigt aus ethisch-moralischen Gründen. Welche Auflagen er als
Arbeitsvermittler zu erfüllen hatte und warum er den Druck, der auf ihm
lastete, nicht mehr aushielt, schildert er im folgenden Interview mit
der STATTZEITUNG.
Stattzeitung: Wie bist du zu dem Job als Arbeitsvermittler gekommen?
Frank: Ich war arbeitslos und stellte mich beim Arbeitsamt, das damals noch
so hieß, vor. Zu meiner Überraschung bot man mir dort eine 50-Prozent-Stelle
in der Behörde an - befristet auf ein Jahr. Das war zwischen Weihnachten und
Neujahr 2003. Alles musste ganz schnell gehen. Bereits am 7. Januar sollte
ich die Stelle antreten. Ich überlegte nicht lange und sagte zu, obwohl ich
eigentlich eine 80- Prozent Stelle gesucht habe. Eine Woche später trat ich
den Job an.
SZ: Wusstest du, was auf dich zu kam?
Frank: Man sagte mir, ich solle Arbeitslose in Arbeit bringen. Da ich keine
Ahnung hatte, wie ich das machen sollte, wurde ich zunächst zur Schulung auf
eine Verwaltungsschule in Aalen geschickt. Zusammen mit neun anderen
externen Vermittlern, die aus den unterschiedlichsten Berufen kamen, sollte
uns in insgesamt vier Wochen all das beigebracht werden, was wir wissen
mussten: Arbeitsgesetze, Sozialgesetze, Statistiken, Berufssparten,
Arbeitsmärkte, Kommunikationstraining und so weiter. Eine enorme
Informationsfülle in relativ kurzer Zeit, mit der wir alle komplett
überfordert waren. Die verbeamteten Verwaltungsangestellten durchlaufen eine
dreijährige Ausbildung an einer Verwaltungsschule, um sich dieses Wissen
anzueignen. Wir sollten das in insgesamt vier Wochen lernen. Das war
unmöglich. Hinzu kam, dass gerade eine neue EDV eingeführt wurde; und wir
mussten die alte und die neue EDV beherrschen. Auch durch Hartz III und
Hartz IV war vieles im Umbruch. Dennoch waren wir zunächst sehr motiviert,
denn unser Vorteil war, dass wir alle bereits auf der anderen Seite des
Vermittlertisches gesessen hatten und eine andere Sicht auf die Dinge hatten
als die Aktenhengste, die die normale Beamtenlaufbahn durchlaufen hatten.
SZ: Nach der Schulung wurdest du bereits als Arbeitsvermittler eingesetzt?
Frank: Zunächst habe ich nur hospitiert. Dabei ist mir klar geworden, was
mir an Wissen und Routine fehlt, um den Job zu erledigen. Dennoch bekam ich
recht bald die ersten "Kunden", wie Arbeitslose neuerdings im Jargon der
"Arbeitsagentur" genannt werden. Ich wurde einem Team zugeteilt, das für
Büro- und Pflegeberufe zuständig war. Es bestand aus 20 Leuten, darunter
auch Berufsberater, Antragsbearbeiter und Außendienstmitarbeiter, die bei
den Arbeitgebern Klinken putzen gingen. Wir hatten eine halbe Stunde Zeit,
um einen Arbeitslosen zu beraten. Ich war für 400 Arbeitslose zuständig, die
ich in Arbeit vermitteln sollte. Trotz meiner Schulungen reichte mir die
Zeit häufig nicht, um einen Fall sorgfältig zu bearbeiten. Oftmals waren die
Fälle sehr komplex; und ich hatte viele Informationen nicht abrufbereit.
Schließlich wollte ich auch keinen Fehler machen, denn es ging hier um
Schicksale und Existenzen. Wir wurden ins kalte Wasser geworfen. Ein großer
Frustrationspunkt war auch die Diskrepanz zwischen der großen Zahl der
Arbeitslosen und der geringen Zahl an offenen Stellen. Zum Beispiel Frauen
über 50, die als Verkäuferinnen gearbeitet hatten, konnte ich praktisch
nicht vermitteln. Für sie gab es keine Arbeit, und für die Rente waren sie
noch zu jung. Ihnen das nicht ins Gesicht zu sagen, fiel mir sehr schwer.
SZ: Gab es Vorgaben, eine bestimmte Zahl von Arbeitslosen in einem
bestimmten Zeitraum vermitteln zu müssen?
Frank: Es gab keine konkrete Quote, dennoch wurde übers Team gerechnet und
auch nach der einzelnen Person geschaut, wie viele "Abgänge" in Arbeit er zu
verzeichnen hatte. War die Quote zu gering, wurde man vom Teamchef
angehalten, von den Instrumenten Gebrauch zu machen, die man als
Arbeitsvermittler hatte: Überbrückungsgeld, Eingliederungszuschüsse,
betriebliche Praktika, und vor allem Trainingsmaßnahmen. Man musste seinen
Kundenstamm durchsehen, passende Kandidaten vorladen und sie dazu bringen,
die entsprechenden Maßnahmen zu absolvieren. Jemand, der arbeitslos ist,
darf sich gegen angebotene Maßnahmen nicht sträuben. So sieht es das Gesetz
vor. Wir wurden angehalten, sie unter Androhung von Sanktionen, sprich
Sperrung des Arbeitslosengeldes, durchzusetzen. Für die Zeit der Schulung
ist der "Kunde" aus der Arbeitslosigkeit abgemeldet- und verschwindet aus
der Arbeitslosenstatistik. Damit kann die Behörde einen Erfolg verbuchen.
Die Statistik ist wichtiger als der einzelne Mensch. Die meisten tauchen
nach Ende der Maßnahme wieder auf- und werden in die nächste Maßnahme
geschickt. Das ist ein Umgang mit Menschen, der ethischmoralisch für mich
nicht tragbar war.
SZ: Was war der Auslöser für deine Kündigung?
Frank: Ich konnte den psychischen Druck nicht länger aushalten, der auf mir
lastete. Die Vorgaben, die der Teamchef von uns verlangte, konnte ich den
verzweifelten, häufig weinenden Menschen, die vor mir saßen, nicht länger
vermitteln. In vielen Maßnahmen habe ich keinen Sinn gesehen. Es kam mir
verlogen und unsinnig vor, Arbeitslose in Maßnahmen zu stecken, die ihnen
keinerlei Perspektive gaben. Genau das war jedoch die Vorgabe. Das hatte Tag
und Tag mehr an mir genagt. Supervision gab es nicht; jeder musste damit
allein klar kommen. Es gab Nachmittage, an denen vier bis fünf "Kunden" bei
mir waren, alle über 50, alle langzeitarbeitslos und schwer vermittelbar. Da
konnte ich nur trösten und Tränen trocknen und habe eher einen
Therapeutenjob gemacht als Arbeitslose in Arbeit zu bringen. Ich hatte
abends häufig depressive Ansätze und bin inzwischen in Therapie, um die
Erlebnisse, die ich in der Arbeitsagentur gemacht habe, zu verarbeiten.
SZ: Gab es bei den Vorgesetzten
oder Kollegen ein offenes Ohr, wenn du Zweifel an dem Sinn deiner
Vermittlungsarbeit geäußert hast?
Frank: Dem Teamchef lag in erster Linie an einer guten Vermittlungsquote.
"Kümmern Sie sich nicht um die Langzeitarbeitslosen, sondern um die
Neuzugänge", wurde mir von ihm gesagt. Wer lange arbeitslos ist, wird von
der Behörde aufs Abstellgleis geschoben, weil er kaum zu vermitteln ist.
Wichtig war, möglichst viele "Abgänge" zu produzieren- unter Ausnutzung
aller gesetzlichen Möglichkeiten, inklusive einer Sperre des
Arbeitslosengeldes. Wer in der Behörde Karriere machen will, muss eine
möglichst hohe Quote vorweisen. Die meisten Arbeitsvermittler haben nach
meiner Erfahrung eine innere, emotionale Abspaltung vorgenommen, um diesen
Job überhaupt dauerhaft machen zu können: sie hecheln ihre "Kunden" durch,
machen ihre halbstündigen Termine und harken ihre Fälle ab. Sie entwickeln
eine enorme Gefühlskälte und Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der
ihnen anvertrauten Menschen und fügen sich den Vorgaben der Behörde, um
nicht ihren gesicherten Beamtenstatus aufs Spiel zu setzen. Zu sehen, dass
menschliche Schicksale bei der Agentur für Arbeit nicht zählen, sondern nur
Quoten und Statistiken, ist sehr betrüblich. Ich hätte mir diese Erfahrung
gerne erspart.
SZ: Vielen Dank für dieses Gespräch.
Das Interview führte Martin Höxtermann
Infos:
Neue Stattzeitung, 36 Seiten dick, jetzt überall in Karlsruhe zu haben
Inhalt, u.a.
- Ein Bericht über den Stand der Montagsdemos in Südbaden,
- Gewerkschaften- quo vadis? Gewerkschaftsfunktionäre aus Karlsruhe und
Offenburg äussern sich Hartz-IV, roten Fahnen am 1.Mai und Perspektiven
gewerkschaftlicher Arbeit in Zeiten neu aufflammender
Kapitalismusdiskussionen,
- Frankreich vor der EU-Verfassungsabstimmung am 29.5.: Ein Interview mit einem Attac-Aktivisten aus Straßburg
-Mehr Sozialabbau und Steuergeschenke für Konzerne: Horst Köhler heizt
Klassenkampf von oben an,
-Proletariat ohne Klassenbewußtsein: Wo bleibt die soziale Revolution?
-Invalide US-Irak-Soldaten: Ein Fotobildband bricht Tabus,
-Frust in Brasilien: Lulas Landreform lässt auf sich warten.
Dies und vieles mehr in der Stattzeitung Nr. 61, in Karlsruhe
erhältlich in der Ex-Steffi, Cafe Palaver, Druckcooperative, Tempel,
AKI-Büro, Radio Querfunk, JUBEZ, Kulturzentrum Mikado, Tollhaus.
Im Internet unter www.stattweb.de
Direktbestellung unter: Stattzeitung für Südbaden, Postfach 645, 79006 Freiburg. 2 Euro plus Porto.
Die überregionale und unabhängige Zeitschrift QUER macht folgenden Aufruf:
QUER fordert Arbeitsamtsmitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf, sich ihr
gegenüber zum Hartz-IV-Chaos im Amt zu äußern. QUER garantiert Schutz
der Informantinnen und Informanten. Haben sie den Mut, den
Maulkorberlass zu ignorieren, mit dem die BA-Leitung sie daran hindern
will, über das von der Politik im Amt angerichtete Chaos zu berichten.
Informieren Sie die
Öffentlichkeit über die Wahrheit von Hartz IV
QUER, Postfach 1363,26003 Oldenburg.
Quelle: abgedruckt mit genehmigung der Karlsruher Strassenzeitung
Karlsruher Strassenzeitung
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