23.04.2008
Walpurgisnacht auf dem Hexentanzplatz Thale
30.04.-01.05.
Die fromme Hilda hatte sich auf der Suche nach Heilkräutern tief in den Wald gewagt. Als der Mondschein durch die Baumwipfel brach, murmelte sie alte heidnische Zaubersprüche. Plötzlich stand die Hexe Watelinde vor ihr und lockte die unglücklich verliebte mit einem Zaubertrank. Doch Hilda widerstand der Versuchung, und flüchtete. Am Fuße des Hexentanzplatzes kam es zum dramaturgischen Höhepunkt: "So, Jungfrau, jetzt bist Du eingetreten in meinen Zauberkreis, und hier kann ich mit Dir machen was ich will!" Keine Angst, die Sage vom Hexentanzplatz bei Thale im Harz ging gut
aus. Hilda bekam ihren Sigbert, das Christentum siegte und die böse
Hexe wurde zu Stein. "Feldspaten, Quarz und Glimmer - dich vergess' ich
nimmer." Die bizarre Verwitterungsformen des Ranberggranits ziehen die
Menschen seit alter Zeit an. Der 451 Meter hohe Hexentanzplatz am Rande
des Bodetales war einst eine germanische Kultstätte. Seit 1908 feiert
man dort Walpurgisnacht.
Inzwischen ist daraus ein echtes "Event" geworden, mit allem, was das
Brauchtum so hergibt. Aus dem Wettbewerb der Schönsten geht eine
Maikönigin hervor. Der Teufel hält eine Ansprache, bei der er die Hexen
zu allerlei Schabernack aufruft. Schließlich wird das Maifeuer
entzündet und der Winter mit einem Höllenfeuerwerk zum Teufel gejagt.
Mit dem Tanz in den Mai klingt die Mega-Veranstaltung aus. In der
Walpurgisnacht treffen sich Partylöwen und Fastnachter, Frauenbewegte,
Neuheiden, Folklorefans und all jene, die einfach nur fröhlich in den
Mai tanzen wollen.
Warum brennen die Freudenfeuer gerade am 30. April?
Die kulturhistorische Spurensuche liefert allenfalls
Mosaiksteinchen, für deren Anordnung man sich am besten auf den Ort,
die Jahreszeit und den Namen des Festes konzentriert. Auf dem äußersten
Sporn des Hexentanzplatzmassivs erstreckt sich der "Heidenwall", eine
zwei Meter hohe Befestigungsanlage aus der Eisenzeit. Der Fund eines
Opfersteins und einer bronzenen Prunkkeule legen eine kultische Nutzung
des Ortes nahe. Im 8. Jahrhundert n. Chr. gehörte die Gegend zum
Siedlungsgebiet der Ostfalen aus dem germanischen Volksstamm der
Sachsen. Auch sie trugen vermutlich der topographischen Besonderheit
des Ortes Rechnung, feierten Feste und opferten Göttern.
Zwischen 772 und 804 christianisierte Karl der Große die sächsichen
Stämme mit äußerster Brutalität. Ihre Kultstätten wurden zerstört, jede
Missachtung der christlich-staatlichen Ordnung mit dem Tode bestraft.
Dennoch lebten die heidnischen Bräuche im Verborgenen weiter.
Verkleidet und mit schwarz gefärbten Gesichtern schlichen die Sachsen
nachts zu ihren Kultstätten. Angeblich sollen sie die christlichen
Wächter mit Besen und Heugabeln vertrieben haben. Dies könnte einer der
Gründe für den nächtlichen Mummenschanz sein.
Sicherlich soll auch der Winter symbolisch vertrieben werden. Die
Germanen kannten ursprünglich nur zwei Jahreszeiten. Die Winteranfang
lag nach heutigem Kalender im Oktober / November, der Sommeranfang
vermutlich im April / Mai. Beide Klimaereignisse wurden mit großen
Opferfesten gefeiert. Kein Frühlingsfest ohne Fruchtbarkeitsritus. Im
"Wonnemonat Mai" erneuert sich die Natur. Und obwohl sich der Mensch
das ganze Jahr über fortpflanzen kann, liegt es nahe, dass sich unsere
Vorfahren am Paarungsverhalten der Tiere orientieren und besonders im
Frühling ihrer eigenen Sexualität bewusst wurden. Die Verbindung
zwischen Sexualität und Walburgisnacht wird in Goethes "Faust I" in
geradezu obszöner Weise zelebriert.
Andere Maienbräuche widmen sich dem Thema subtiler. So darf der Tanz um
den Maibaum als Tanz um ein Phallussymbol gedeutet werden, mit der die
Hoffnung auf Fruchtbarkeit verbunden ist. Dass diese Symbolik durchaus
verstanden wurde, können wir im neuen Lexikon des Aberglaubens
nachlesen: "Wenn das Jungvolk den Maibaum aus dem Wald holte, kehrten
viele Jungfrauen nicht mehr als solche zurück."
Bleibt die Frage, wie die Walpurgisnacht zu ihrem Namen kam. Vieles
spricht für die heilige Walburga (Walpurga), Äbtissin eines
Benediktinerklosters im mittelfränkischen Heidenheim, die durch ihre
Frömmigkeit und Überzeugungskraft viele Menschen zum christlichen
Glauben brachte. Ihre Heiligsprechung soll angeblich am 01. Mai 870 mit
der Überführung ihrer Gebeine nach Eichstätt vollzogen worden sein. Ob
dieses Datum zufällig oder bewusst ausgewählt wurde, bleibt dahin
gestellt. Wallburga gilt als Patronin der Wöchnerinnen und Bauern.
Außerdem wird berichtet, dass sie Schutz vor Magie und Hexenkunst bot.
Die germanische Mythologie kannte hexenähnliche Wesen, die in den
dunklen Wäldern hausten. Diese Unholdinnen waren böse, feindselig,
boshaft und konnten großen Schaden anrichten. Der Begrfiff "Hexe"taucht
jedoch erst im Mittelalter auf, wobei unklar ist, ob er auf
germanischen oder römischen Traditionen beruht. Nach dem Volksglauben
waren es zauberkundige Frauen mit okkulten Kräften. Bald steigerte sich
der unglückselige Hexenglaube zum Wahn. Besonders die "weisen Frauen",
Hebammen und Kräuterweiber, die noch auf Wissen aus heidnischer Zeit
vertrauten, gerieten ins Visier von Kirche und Staat. Die
Hexenverfolgung forderte allein im Nordharz 7.000 Opfer. Unter
"peinlicher Befragung" - worunter Folter zu verstehen ist - gestand
Grethe Wroistes 1540 vor einem Gericht in Elbinerode, dass die Hexen
"in Walpurgen nacht auf den Brocken fahren". Aus den erpressten
Geständnissen sprach natürlich nur die krankhafte Fantasie ihrer
Henker. Die diffuse Erinnerung an heidnische Riten und schaurige
Hexenverfolgungen ließ die Walpurgisnacht Ende 19. Jahrhundert
folkloristisch auferstehen. 1889 sollen Leute aus Harzburg auf dem
Gipfel des Brocken einen "Hexensabbat" gefeiert haben. Der Rest ist
Tourismusgeschichte.