20.10.2007
Das November Pogrom vom 10.11.1938 in Baden-Baden - Bericht von Arthur Flehinger
Den Verlauf des 10.11.1938 in Baden-Baden schilderte Arthur Flehinger,
Lehrer am Gymnasium Hohenbaden, in einem Bericht, den er 1955 abfasste.
"Baden-Baden blieb bis zu dem berüchtigten 10. November 1938 von den
wüstesten Naziexzessen verschont. Nicht etwa deshalb weil man den
jüdischen Einwohnern der Bäderstadt einen Ausnahmezustand hatte
einräumen wollen, sondern aus rein egoistischen Erwägungen. Die
Bäderstadt mit ihren stark internationalen Beziehungen sollte, wie es
so schön hiess, die Visitenkarte für Deutschland abgeben.
Jede grössere
Störung der inneren Ruhe bedeutete eine Verminderung der Zahl der
Besucher aus dem Ausland und damit eine Verknappung an Devisen, und die
Nazis brauchten doch geld und wieder Geld. Natürlich wurde alle
Naziverordnungen (Fingerabdrücke, jüdische Vornahmen, usw.) ebenso
streng ausgeführt, wie anderwärts. Davon merkte der fremde Besucher ja
schliesslich nichts.
Aber während ausländische Zeitungen in anderen
Städten so gut wie unsichtbar waren, konnte man die Times in
Baden-Baden fast bis zuletzt lesen, und es war eine gewisse Ironie des
Schicksals, dass schon einen Tag, nachdem die verordnung bezüglich der
jüdischen Vornamen bekannt gegeben war, die Times erklärte, dass Sara
so viel heisse wie Fürstin und dass Israel Gottestreiter bedeute.
Vom Sommer 1937 an merkte man ganz deutlich, dass auch in Baden-Baden
ein anderer Wind wehte und dass sich das Nazigift nun auch in die
bisher verhältnismässig ruhige Stadt eingefressen hatte. Die
Liegewiesen hinter der Kurhausdirektion waren wie das Kurhaus für die
Juden gesperrt.
Der Besitzer des früher renommierten Hotels
"Holländischer Hof" schmückte den Eingang in sein Restaurant mit den
auffallenden Lettern: "Hunden und Juden Zutritt verboten".
In den jüdischen geschäften, soweit sie noch existierten, wurden die
Mitglieder der Partei immer frecher und erblickten ihre Aufgabe nur
noch darin, diejenigen bei der Partei anzuzeigen, die noch den Mut und
Anstand hatten, ein jüdisches Geschäft zu betreten . . .
Der 10. November räumte mit allen dem Scheine nach noch bestehenden
Rücksichten auf, und auch Baden-Baden erlebte seine Nazi-Razzia.
Morgens um 7 Uhr erschien bei uns in der Prinz-Weimar-Str. 10 ein
Polizist und hiess mich, ihm auf die Polizeiwache zu folgen. Da ich
jahrelang am Baden-Badener Gymnasium unterrichtete, kannte mich gross
und klein, und ich merkte dem Polizisten seine Verlegenheit an. Eine
Unterhaltung mit ihm erschien mir sinnlos, und so schritt ich, . . .
mit verhaltener Ruhe neben ihm her. In der Stadt war es um diese Zeit
selbstverständlich noch ruhig. Sah man jemanden auf der Strasse
daherkommen, so war es ein Leidensgenosse unter polizeilicher
Bewachung. Die Zahl der armen gezwungenen Frühaufsteher nahm zu, je
mehr wir uns der Polizeiwache näherten.
Obwohl in normalen Zeiten die
Saison in Baden-Baden im November vorüber war, hielten sich einige
Juden in den für sie noch zugänglichen Hotels auf. Andere hatten sich
seit 1933 in Baden-Baden angesiedelt, weil ihnen dieser Platz,
verglichen mit ihrem früheren Wohnort, als ein El Dorado erschien.
Vor der Polizeiwache hatte sich der übel berüchtigte Wart wie eine Art
Gessler postiert und verlangte von jedem, wer an ihm vorbei gehen
musste, dass er den Hut abnahm. Eine Weigerung wäre reiner Wahnsinn
gewesen. Auf der Polizeiwache waren schon ungefähr 50 Opfer abgeliefert
worden, und immer mehr kamen noch hinzu. Die Polizisten, alle in
Galauniform. Es war ja ein Tag des Triumphs der Starken über die
Schwachen, gleichsam eine Dramatisierung der Lafontaine'schen Fabel "Le
Loup e L'Agneau".
Mit deutscher Gründlichkeit wurde alles protokolliert. Gegen 10 Uhr
wurden wir in den Hof geführt und mussten uns dort in Reih und Glied
aufstellen. Die Betriebssamkeit, mit der die Trabanten des Dritten
Reiches hin und herjagten, liess eine besondere Aktion vermuten. Gegen
Mittag öffnete sich das tor, und ein Zug wehrloser, mit viel Bewachung
rechts und links begann, sich durch die Strassen der Stadt zu bewegen.
Man hatte bis Mittag gewartet, offenbar, um der Menge etewas zu bieten.
Aber zur Ehre der Badener sei gesagt, dass die meisten doch davor
zurückschreckten, sich auf der Strasse zu zeigen. Was an zuschauern zu
sehen war, war Pöbel. Pöbelhaft benahmen sich drei Lehrer, die sich
nicht scheuten, sich auf der Strasse überhaupt blicken zu lassen. Einer
von ihnen, Herr Doktor Mampel, liess wohl nur den Zug an sich vorbei
defilieren.
Dagegen hatte der Direktor der Volksschule, Herr Hugo
Müller und sein Freund Herr Schmitt eine Anzahl junger Schüler
gefüttert, damit sie ja gut "Juda ver....." schrien. Ob diese
Inszenierung wirklich zur Belustigung der Zuschauer beitrug, möchte ich
stark bezweifeln. Ich sah Leute, die hinter dem Vorhang weinten. Einer
aus der Reihe der anständigen Baden-Badener soll behauptet haben: "Was
ich sah, war nicht ein Christus, sondern eine ganze reihe von
Christusgestalten." Erhobenen Hauptes und nicht gebeugt von dem
Bewusstsein einer Schuld schritten sie daher . . . Der Zug näherte sich
der Synagoge, wo die obersten Stufen der Freitreppe schon mit allerhand
Gesindel in und ohne Uniform angefüllt waren. Das war ein richtiges
Spiesrutenlaufen.
Man musste an dem Gesindel vorbei, und an wüssten Schmährufen liessen
es die traurigen gestalten wirklich nicht fehlen. Ich selbst hatte auf
dem ganzen Zug den Leuten fest in die Augen geschaut, und als wir uns
der obersten Stufe näherten, schrie einer herunter: "Guck net so frech,
Professor." Das war schliesslich weniger eine Beleidigung als ein
Eigenstämndnis der Schwäche und Furcht. Auch in Dachau erlebte ich
später, dass die Bonzen einen durchbohrenden Blick nicht ertragen
konnten. Meinem Freund Doktor Hauser gegenüber, der in Baden-Baden ein
vielbeschäftigter und angesehener Anwalt gewesen war, - man hatte ihn
und seine Frau später aus Südfrankreich nach Celle und von dort in die
Todeskammer nach Ausschwitz gebracht - zeigte sich der Mob wenig
gnädig. Der Ärmste erhielt von den Vertretern des Faustrechts allerhand
Faustschläge, und ich sah den Bejammernswerten dann noch auf einen
Gebetmantel fallen, den die Nazis auf dem Boden ausgebreitet hatten,
damit wir darüber schritten.
In der Synagoge war alles wie verwandelt. Der Heilige Boden der
Architektonisch so wunderschönen tempels war von frevlerischen Händen
entweiht. Das Gotteshaus wurde zum Tummelplatz schwarzer, uniformierter
Horden. Ich sah wie oben in der Frauengalerie Leute geschäftig hin und
herliefen . . .Es waren keine Baden-Badener. Man liess für den 10.
Npvember SS aus den Nachbargemeinden kommen, also Leute, die durch das
Fehlen auch nur eines Funkens von menschlichem Mitgefühl in ihrer
Bewegungsfreiheit nicht gehemmt wurden und daher ihr ruchloses Machwerk
ungestört durchführen konnten.
Plötzlich ertönte eine freche fette Stimme: "Ihr singt jetzt das Horst
Wessel Lied!" Es wurde so gesungen wie es jeder erwartet hatte. Wir
mussten es zum zweiten Mal "singen". Auch zum zweiten Mal mussten wir
ihre schöne "Nationalhymne" verhunzen! Dann rief man mich hinauf zum
Almemor unf gab mir eine Stelle aus "Mein Kampf" zu lesen. Eine
Weigerung hätte unter den damaligen Umständen mein Leben und das der
Mitleidenden gefährdet. So sagte ich:"ich habe den Befehl erhalten,
folgendes vorzulesen" und ich las leise genug. In der Tat so leise,
dass der hinter mir stehende SS Mann mir mehrere Schläge in den Nacken
versetzte. Denjenigen, die nach mir Proben der feinen literarischen
Kochkunst der Nazis mitteilen mussten, erging es nicht besser.
Dann gabe es eine Pause. Wir mussten in den Hof, damit wir unsere
Notdurft verrichteten. Wir durften aber keineswegs das Klosett
benutzen, sondern mussten mit dem Gesicht gegen die Wand der Synagoge
dastehen und bekamen dabei von hinten allerlei Fusstritte.
Von der Synagoge ging es dann in das gegenüberliegende Hotel Central.
Der Hotelbesitzer, Herr Lieblich, dem das schöne Tagesprogramm
natürlich nicht vorher angesagt worden war, musste für ungefähr 70
Personen ein Essen improvisieren. Er hatte seine Aufgabe meisterlich
gelöst. Das wir überhaupt einen Bissen hinunterbekammen, war ein Wunder
. . .
Bezüglich unseres weiteren Schicksals gab es dann ein grosses
Rätselraten. Was man mit uns vorhatte, wusste niemand. Wir waren ja von
der aussenwelt vollkommen abgeschnitten. Unsere alles andere als
stillen Erwägungen wurden dann jäh unterbrochen, als der Kantor der
gemeinde, Herr Grünfeld, leichenblass den Saal betrat und blutenden
Herzens die Worte sagte: "Unser schönes Gotteshaus steht in Flammen" .
. . Der brutalste der Hitlerbande kommentierte die traurige Botschaft
des Herrn Grünfeld, in dem er noch den frivolen Satz hinzufügte: "Wenn
es auf mich angekommen wäöre, wärt ihr alle in den Flammen umgekommen."
Der Höhepunkt der Tragödie war erreicht. Die Hoffnung, mit unserer
Familie noch am selben Abend wieder vereinigt zu sein, war einem
starken Pessimismus gewichen. Als man schliesslich die über 60jährigen
nach Hause schickte, wussten wir so gut wie sicher, dass uns ein
trauriges Schiksal bevorstand. Es fand dann noch eine Art Inspektion
durch einen hohen SS Offizier statt, der das ganze Geschehen zu
motivieren versuchte. Auch Herr Medizinalrat Dr. Walter, ein rühriges
Mitglied der Partei, stelle sich abends ein, um gegenüber denen, die
aus Gersundheitsrücksichten entlassen werden wollten, wenigsstens den
Schein einer humanen Behandlung zu wahren. In Wirklichkeit waren die
Akten über die noch etwa 50 Anwesenden Opfer geschlossen.
Der Autobus wartete schon vor der Tür und mit ihm eine ganze Anzahl
wütender Volksgenossen. Die Deportation nach Dachau war schon längst
geplant, nur wir Armen wussten es nicht. Im Laufschritt mussten wir
hinaus zum Autobus rennen, und wer nicht schnell genug rannte, bekam
einen Denkzettel.
Am Bahnhof warteten wir auf den Sonderzug aus der Freiburger Gegend. Er
brachte die Juden aus dem Oberland. In jedem Abteil sass ein
Schutzmann. Aus seinem Mund kam kein Sterbenswort. Als der Zug hinter
Karlsruhe in Richtung Stuttgart fuhr, hörte man nur noch das grausige
Wort Dachau."