20.10.2007
Das November Pogrom vom 10.11.1938 in Baden-Baden
Quelle: "Der verbrannte Traum" von Angelika Schindler,
Jüdische Bürger und Gäste in Baden-Baden, Elster Verlag, copyright 1992
Dokumentation
Folgende Dokumentation basiert auf Unterlagen eines Prozesses im Juli 1948 gegen 23 Baden-Badener Bürger, die an den Ausschreitungen vom 10.11.1938 beteiligt waren. Für Baden-Baden lässt sich nicht mehr festellen, an wen der Befehl zur Durchführung der "Judenaktion" am 10.11.1938 ergangen war. Da der Pogrom in Baden-Baden wesentlich von der SS getragen wurde, ist davon auszugehen, dass die örtliche SS Führung spätestens in der Nacht vom 9. / 10.11.1938 mit dem Vorgehen gegen die jüdischen Bürger, insbesondere mit ihrer Festnahme beauftragt worden war.
Der Gestapo und dem Poliziedirektor hingegen wurde am Abend des 9.11. bzw. am morgen des 10.11. gegen 7 Uhr mitgeteilt, dass eine Kundgebung stattfinden würde und dass sie nichts dagegen unternehmen sollten.
Sie SS ersuchte die Polizei um Amtshilfe bei der Verhaftung der Juden. Auf Befehl des Polizeihauptmanns Orth und des SS Untersturmführers Schiel mussten sich die SS Angehörigen aus Baden-Baden und der Umgebung am frühen Morgen in Uniform bei der Polizeidirektion einfinden.
Dort wurden sie zu gemischten Kommandos von je einem SS Mann und einem Polizisten zusammengestellt. Sie erhielten den Auftrag, Ihnen zugeteilte jüdische Häuser aufzusuchen, die jüdische Männer festzunehmen und zur Polizeidirketion zu bringen.
Vormittags
Bei ihrer Ankunft in der Polizeidirektion werden die Juden registriert. Gegen 11 Uhr, als ungefähr 80 Verhaftete versammelt sind, geben der SS Untersturmführer und der Polizeihauptmann den Juden den Befehl, sich zum Zug zu formieren. SS Leute sind als Begleitmannschaft eingeteilt, um die Juden durch die Innenstadt zur Synagoge zu führen. Auf dem Weg wird ein Jude von einem SS Angehörigen misshandelt. Nach Zeugenaussagen reagiert die umstehende Bevölkerung betroffen. Aber niemand schreitet ein.
Ca 12 Uhr
Nach einstündigem Marsch erreicht der Zug die Synagoge, wo sich inzwischen eine grosse Menschenmenge versammelt hat. Weil es daher zu Verzögerungen beim Eintreten in das Gotteshaus kommt, werden Juden angespuckt und geschlagen.
Ca 13 Uhr
In der Synagoge wird Arthur Flehinger gezwungen, aus "Mein Kampf" vorzulesen. Man verlangt von den jüdischen Männern, das "Horst Wessel Lied" einzuüben und sich ohne Kopfbedeckung in der Synagoge aufzuhalten, was gegen den jüdischen Ritus verstösst. Ausserdem werden sie gezwungen, in der Synagoge Freiübungen zu machen. Ihre Notdurft müssen sie auf dem Hof der Synagoge verrichten. Sie werden dabei von Zivilisten, wahrscheinlich von Angehörigen der Gestapo gestossen.
Ca 14 Uhr
Man führt die Männer aus der Synagoge in das nahe gelegene jüdische Hotel Central, Stephanienstr. 2. Kurz nachdem die Juden die Synagoge verlassen haben, wird von SS leuten und möglicherweise auch von Mitgliedern der Gestapo mit Benzin Feuer in der Synagoge gelegt. Einige Leute machern Sich während dessen den Spass im Synagoghenhof den Schofar zu blasen. Die anderen Kultgegenstände sind im Verlauf des Vormittags von SS und Gestapo-Leuten aus der Synagoge getragen und bei der Dienststelle der Gestapo deponniert worden.
Im jüdischen Hotel Central angekommen, müssen sich die Männer ein Essen bestellen. Ein höherer SS Führer, der aus Karlsruhe angereist ist, schmäht die Juden in einer Ansprache und zwingt einen von ihnen, mirt einem Stuhl eine Vitrine aus Glas zu zertrümmern.
Im Laufe des Nachmittags kommt der örtliche Leiter der Gestapo, Schrey, in das Hotel und nimmt sämtliche Juden in "Schutzhaft". Kranke und über 60jährige werden nach der Untersuchung durch den Amtsarzt freigelassen.
Gegen Abend werden 52 "Häftlinge" auf Anwweisung der Gestapo-Leitstelle mit Kraftfahrzeugen zum Bahnhof transportiert. Hier verlegt man sie in einen Sonderwagen, der sie zum KZ Dachau bringt. Die meisten von ihnen können erst einen Monat später nach Baden-Baden zurückkehren.
Lesen Sie auch:
Arthur Flehinger, ehemals Lehrer am Gymnasium Baden-Baden
Hans Hauser, ein "westisch-fälischer Arier"
Quelle: "Der verbrannte Traum" von Angelika Schindler,
Jüdische Bürger und Gäste in Baden-Baden, Elster Verlag, copyright 1992