11.03.2006
Als die Reise an den Rheinfall noch eine Sensation war
Eine Reise vor mehr als hundert Jahren ist mit den Reisen der heutigen
Zeit kaum mehr zu vergleichen, schon gar nicht, wenn man die Reisewege,
die Verkehrsmittel und die Reiseentfernungen in Betracht zieht. Die
durchgehende Eisenbahnstrecke am Hochrhein, von
Basel-Schaffhausen-Bodensee, die 1894 gerade erst 31 Jahre in Betrieb
war, bot den Menschen in unserer Region nun plötzlich eine bislang
unvorstellbare Mobilität. Dies lässt erahnen, welche Sensation es
damals war, wenn es hieß: Wir machen eine Reise mit der Eisenbahn!
Die 1883 in Klettgau-Grießen geborene Frau Frieda Grüninger
Frieda Grüninger geb. Hupfer berichtet in der Mundarterzählung „Die Pfingstreise“ von einer
solchen Bahnreise, die sie als Kind zusammen mit ihrer Familie vom
Bahnhof Grießen aus zur knapp 20 km entfernten schweizerischen Stadt
Schaffhausen - und von dort zum Rheinfall machte.
Die nachfolgende, ins Hochdeutsche übertragene Erzählung ermöglicht
darüber hinaus vielfältige interessante Einblicke in die Lebens- und
Reisegewohnheiten der damaligen Zeit. -
„Chinder, flattieret e weng im Vatter, dass er an Pfingschte e Reisli mit üs macht!“,
sagte Mutter Hupfer zu ihren vier Mädchen. Vater Hupfer hatte nämlich
seiner Familie schon lange versprochen, mir ihr einmal eine Reise an
den Rheinfall zu machen – und da sein Geschäft im Moment gerade
ausgesprochen gut lief, nahm er den Reisevorschlag sehr aufgeschlossen
entgegen.
Das versetzte die ganze Familie sofort in euphorische Stimmung. Frau
Hupfer bestellte gleich die Näherin „uf d Stör“, was soviel hieß,
dass die Näherin für die Dauer ihrer Näharbeiten in die Wohnung
Hupfer einquartiert wurde. Allen 4 Töchtern erhielten prächtige
Reisekleider, alle in gleicher Ausführung. Außerdem ließ die Mutter
bei der örtlichen Putzmacherin noch passende neue Hüte herstellen. Es
war darum eine wahre Freude, als am Sonntagmorgen die vier prachtvoll
ausstaffierten Mädchen mit ihrer Mutter auf ihren Vater warteten. Doch
dieser erschrak ob der uniformen Kleidung seiner Töchter – und
murmelte:
„Mit dere uniformierte Bandi söll ich voreise? Mir sind jo s Gspött i de Stadt. Oh, wenn s au nu Buebe wäred!“ ...
Nichts desto Trotz: Bei schönstem Sonnenschein erreichte die
herausgeputzte 6-köpfige Familie schließlich zur Abfahrt den Bahnhof in
Grießen. Vor dem Wartesaal stellte die Mutter ihre vier Mädchen
zunächst wie die Orgelpfeifen der Größe nach auf und hämmerte jedem
ein Alter ein, das genau zur preislich ermäßigten Kinderfahrkarte
passte - für den Fall, dass der Kondukteur nach ihrem Alter fragen
sollte. Der Papa durfte davon nichts mitbekommen. Die Mädchen
passierten mit verlegenen hochroten Köpfen die Billetkontrolle – und
sie atmeten alle
erleichtert auf, als der Schaffner mit seiner Zange schließlich ein
Loch in die Fahrkarte gestanzt hatte. Einträchtig saß die Familie
alsdann alleine in einem Coupé, wo unter den Mädchen alsbald ein
Streit darüber entstand, wer jeweils aus dem geöffneten Fenster schauen
darf. Als sich Lilli hinauslehnte sah die Mutter mit Schrecken, dass an
deren Rockhinterteil ein gefülltes „Gutsili“ klebte, auf das sich das
Kind wohl gesetzt hatte.
Und
auch die Gesichter der anderen waren mit ähnlichen Süßigkeiten
verschmiert. Der Mutter war zum Weinen. Wie sollte sie jetzt bloß
diesen „Mose am Füdle“ (Fleck am Hintern) beseitigen?
Das schöne Kleid! In Schaffhausen angekommen zerrte die Mutter alle
vier Mädchen erst einmal „i ne Hüsli “ (sprich: Toilette), wo die
Gesellschaft sauber gewaschen – und dabei instruiert wurde, wie
sie sich in einer Stadt zu benehmen haben.
Das wusste die Mutter sehr
wohl, denn sie war eine „Städtische“. Schließlich, so meinte
sie, Dampflock mit Zugpersonal um 1890 brauche ja nicht gleich jeder sehen,
dass man vom Land sei. Doch im Stadtzentrum angekommen, waren alle
Mahnungen vergessen. Als die Kinder die vielen Schaufenster und deren Auslagen sahen, rannten sie mit „Uui, Ooh“ und „lueg
emol“ aufgeregt von einem Geschäft zum anderen und kreuzten dabei
ständig die Straße, was damals noch gefahrlos möglich war.
Nach langem Flanieren und Einkaufen in der Schaffhauser Geschäftsmeile
blieb Vater Hupfer plötzlich stehen, zog seine große Sack-Uhr aus der
Weste und stellte fest: „So, s isch jetzt Zit zum Esse!“
und erfügte an, dass man jetzt gleich in einem feinen Hotel „iichehre“
werde. Also ging man zum Bahnhof zurück und begab sich gegenüber die
Treppe hinauf über einen roten Teppich in das dortige Hotel-Restaurant
(damals das Hotel „Ruff“), wo ihnen auch tatsächlich ein Tisch an
einem Fenster zugewiesen wurde. Das Essen begann und die Kinder
erstarrten ehrfürchtig, als ihnen ein schwarz gekleideter Kellner, assistiert
von einem „Piccolo“, würdevoll die Suppe einschöpfte, die sie in
anerzogener vornehmer Körperhaltung in den Mund löffelten.
Nach dem
Dessert mussten Lilli und Annele austreten. Lilli kam als erste wieder
zurück, flüsterte ihrer Schwester Hedi etwas ins Ohr – und
während die Eltern durch das Fenster die vorbeifahrende Straßenbahn
bestaunten, waren plötzlich alle vier Mädchen verschwunden. Bevor
sich Vater oder Mutter Hupfer darum kümmern konnten, kam der vornehm
gekleidete Geschäftsführer an den Tisch und bat die Eltern dezidiert,
doch bitteschön auf ihre Kinder aufzupassen, schließlich
sei man in einem ruhigen Hotel und könne Lärm nicht dulden.
Die aufgescheuchten Eltern fanden ihre Kinder schließlich in der
Toilette wieder. Dort bestaunten diese eine Wasserspülung, die sie
noch nie gesehen hatten - und probierten dieselbe ununterbrochen unter
jeweiligem großen Geschrei nacheinander aus. „Schluß jetzt!“, sagte
der hinzugetretene Vater Hupfer streng und ging die Rechnung zu
begleichen, während die anderen beschaämt und gesenkten Hauptes die
rot belegte Treppe hinunter auf die Bahnhofstraße stampften.
Dort bestieg man sofort die Straßenbahn, mit der man zur Rheinbrücke
fuhr, um über diese auf die Züricher Uferseite zum Schloss Laufen zu
spazieren. Am Zugang zum Rheinfall studierte die Mutter kopfschüttelnd
die angebrachte „Tafäre“ (Tafel mit Aufschrift), wo die Eintrittspreise
aufgelistet waren: Personen aus dem Kanton ZH frei,
Kanton Schaffhausen 50 Centimes, Ausländer 1 Franken.
Empört stellte
sie fest: Umsonst will man es ja nicht haben, aber 1 Franken ist schon
„chaibe düür“!
Sie ging zur Kasse, wo ein Fräulein sie nach dem Wohnort fragte. Keck antwortete die Mutter: „Mir sind vu Hallau!“ und nahm die entsprechenden 6 Billets zum halben
Preis von 3 Franken entgegen.
Doch plötzlich stand neben der Kassiererin ein Mann auf und fragte verwundert: „So vu Hallau sind ihr?, ich au, aber ich kenn eu doch gar nit?“.
Und während Mutter Hupfer stotternd zu erklären versuchte, wo sie in
Hallau angeblich wohnten, kam der ahnungslose Vater hinzu. Er hörte
etwas vom „Wohnen in Hallau“ und meinte klärend zum Kassenpersonal: „Na-nai, mir sind unterhalb vu Hallau deheim,
mir sind Dütschi und keine Schwyzer!“
Der Hallauer hinter der Kasse
machte daraufhin demonstrativ eine hohle Hand vor Mutters Brust und
stellte fest: „Aber bschisse isch bschisse, ich chomm no 3 Franke
über!“
Schnell griff Mutter in ihr Täschlein und kramte den
Eintrittsrest hervor, während dem Vater dabei ein Licht aufging, was
dazu führte, dass er anschließend ganz schön sauer war.
Beim Abendessen im Schlößli Wörth war deshalb auch die Stimmung
entsprechend gedrückt und Vater Hupfer schaute danach ständig auf
seine Uhr. Er drängte zur Heimfahrt, um den aufregenden Ausflug
schnell hinter sich zu bringen. Doch als schließlich alle wieder im
Zug saßen, waren die vier Mächen wieder voller Possen und nicht zu bremsen.
Sie „gumpten wie voschaikti Hüehner umme“,
so dass man beinahe den Bahnhof Grießen verpasste. Beim dortigen
Ausstieg schüttelte der neben sie getretene Kondukteur entsetzt den
Kopf und bruttelte vor sich hin: „Herrgott, so ne Bajazzezüg!“
Am nächstfolgenden Pfingstmontag durften die Mädchen zu Hause ihre
neuen Kleider nunmehr zum Kirchgang anziehen und Mutter Hupfer konnte
voller Stolz
feststellen, wie sehr ihre chic gekleideten vier Töchter von der
Bevölkerung bewundert wurden.
Währenddessen meinte ihr Mann zu ihr: „Siehsch Frau, ihr wend immer verreise, debii isch mr niene so g’eschtimiert wie im eigene Heimatort ! “ ... (h.r.)