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23.02.2006
Zu Besuch im Salon der Mélanie de Pourtalès im Schloß Robertsau



Ich hatte keine Lust. Noch so ein Schloß, wo Napoleon mal übernachtet hatte und von dem Goethe schon sagte... Ich wollte nichts wissen, was Goethe schon gesagt hatte. Denn Goethe hatte, als er in Straßburg war, ein Schätzchen in der Stadt und eins auf dem Lande („Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!”), und die schöne Straßburgerin, die ich kannte, war umgezogen auf die andere Seite des Rheins, hängte Gardinen an die Fenster und hatte Kehrwoche.
Was sollte ich also in Straßburg? Nein, ich hatte einfach keine Lust. Als ich dann endlich trotzdem um die Ecke bog, standen die Schloßbesitzer gerade in dem Saal, in dem schon Franz Liszt... und klopften sich den Staub aus den Ärmeln. Denn im Schloß wurde renoviert. Wie tropische Bäume wuchsen in den Sälen Leitern mit Handwerkern aus dem Boden, und von den Decken schneiten die Jahrzehnte. Die Sache fing an, mir Spaß zu machen.

Die Schloßbesitzer lachten fröhlich über den Glanz, der unter den Händen der Handwerker wieder hervorkam, und freuten sich über jede reparierte Rostbeule am Balkongeländer. Dann zeigten sie mir das Schloß. Sie hießen Harald und Ulrike und mit Nachnamen Leibrecht und sahen gar nicht aus wie Schloßbesitzer, sondern wie nette Leute, die gerne Besuch haben. Es gibt darum auch keinen Zaun um Schloß Pourtalès und keine Mauer. Auf dem Rasen ist das Betreten nicht verboten und nicht in den Zimmern. Das war schon immer so, schon als Goethe und Napoleon hier... und auch später, als niemand mehr hier wohnte und in den Sälen Bäume wuchsen und Schnee durch die eingestürzten Decken fiel. Aber der Reihe nach:

Der Glanz begann im Jahre 1802. Da kaufte ein französischer Edelmann das Schlößchen in der Robertsau, das seit gut hundert Jahren dastand, ohne das Goethe oder Napoleon... Das sollte sich ändern. Denn Paul-Athanase de Bussière, der Revolution knapp, aber glücklich entkommen, heiratete die reiche Frédérique de Franck und ließ sich in Straßburg nieder. Die neue Madame de Bussière tat, was man von einer Frau aus gutem Hause erwarten konnte: sie führte einen Salon. In diesem saß zum Beispiel König Ludwig von Bayern und hörte zu, wie der 12jährige Franz Liszt vierhändig spielte. Später spielte Liszt, wie jeder weiß, die vierhändigen Stücke allein und erfand für jeden seiner 43 Finger noch ein paar Noten dazu – als 12jähriger jedoch war er auf die Unterstützung des ebenfalls 12jährigen Barons von Turckheim angewiesen, der seine Zuhörer mit dieser Anekdote noch als 100jähriger langweilte, dabei Chopin-Balladen spielend.

Solcherart waren die Zerstreuungen im Schlosse der Bussières. In seinen Zimmern wuchs derweil ein Mädchen heran, von dem, als es sechzehn Jahre alt war, die Baronin von Stoeckel zum Marquis de Massa und der Marquis zum Duc de Corrigliano und der Duc zum Kaiser Napoleon (dem Dritten) und der Kaiser zur Kaiserin Eugénie sagte:
„Mélanie est réellement belle!”

Und Eugénie kniff die Lippen zusammen und zischte dann: „Wie ein Bild von Greuze!”, denn das hatte sie schon in dem Roman „When men had time to love“, den man bald überall kaufen konnte, gezischt, und darum mußte das nun auch mal gesagt werden.

Mélanie ist aber gar nicht von Greuze, sondern von Franz Xaver Winterhalter gemalt worden, der auch schon die Kaiserin Sissi mit aufgelöstem Haar... Mélanie war ein schönes Mädchen, und der dritte Napoleon war ein Kenner der Frauen und Eugénie eine Kennerin ihres Mannes und so kam es, daß Napoleon (der Dritte) und Eugénie oft zu Gast im Schlosse der Bussières waren - auch dann noch, als Mélanie längst verheiratet war und nun Pourtalès mit Nachnamen hieß. Außer Napoleon (dem Dritten) versammelten sich die europäischen Potentaten, die Literaten und die Musiker im Salon von Mélanie de Pourtalès, dabei wurden Häppchen gereicht und Kriege verhindert.

Bis auf einen. Zwar hatte Mélanie die französischen Generäle in ihren Salon gebeten und ihnen erzählt, was sie an preußischen Kaminen vernommen hatte: daß das Schloß an der Robertsau nämlich bald deutsch werden würde. Aber die französischen Generäle lachten nur und Napoleon (der Dritte) sagte „sois belle et tais-tois” zu Mélanie: „Sei schön und halt den Mund!”

Kurz darauf marschierte Bismarck in den Spiegelsaal von Versailles und ließ den deutschen Kaiser hochleben und alle riefen hurra, daß die Spiegel nur so klirrten. Das Elsaß wurde deutsch und wer dabei nicht mitmachen wollte, wurde rausgeschmissen. Nur im Schloß in der Robertsau wurde weiter französisch gesprochen. Mélanie gründete eine französische Theatergesellschaft und umgab sich erneut mit französischen Literaten und französischer Musik. Der deutsche Statthalter in Straßburg, ein Graf von Wedel, hatte nichts dagegen. Er war längst dem Charme und der Schönheit der Schloßherrin erlegen.

1898 kam Baron von Turckheim, der als 12jähriger schon mit Liszt... - in einem Automobil herangefahren, einem „Lorraine-Dietrich”. Auch Mélanie besaß alsbald ein Auto, ihr Schloß wurde zur ersten Kfz-Werkstatt im Elsaß. Es gab elektrischen Strom und fließendes Wasser und fließend wurde auch weiterhin französisch gesprochen.
Mélanie starb 1914, kurz bevor das nächste Schlachten begann. Danach herrschte ihre Tochter im Schloß, und zu den Goethes und Napoleons zählte nun auch Albert Schweitzer, der...

Später nutzte das Militär das Schlößchen, es blieb erstaunlich gut erhalten, bis nach dem zweiten Weltkrieg zunächst ein Begegnungszentrum für osteuropäische Studenten in ihm einzog. Dann zog der Ostblock in Europa den Eisernen Vorhang ein, und die Studenten blieben aus. Das Schloß stand leer, und langsam wuchsen aus den Holzfußböden die Bäume. 1970 beschloß irgendein Rat, den alten Kasten einfach abzureißen. Gerettet haben ihn ein paar Schulkinder, die bei der Zeitung anriefen und Protestlieder sangen. Statt eines Baggers kam ein Käufer, Walter Leibrecht, ein deutscher Professor, der eine Privatuniversität für amerikanische Studenten gegründet hatte und ständig neue Standorte suchte.

Noch immer ist das Schloß eine Uni, aber auch Gästehaus mit 40 Zimmern, und Sälen und Salons und zwei Konzertflügeln. Zu den Dauergästen gehören heute, wie vor hundert Jahren, die Europapolitiker der Epoche – das Straßburger Parlament ist nur ein paar Fahrradminuten entfernt. In einigen der Zimmer haben freundliche Europaabgeordnete ihr eigenes Bad einbauen lassen und dafür freies Wohnen für die nächste Legislaturperiode erhalten.

Man kann aber auch billiger übernachten, sagte Walter Leibrechts Sohn Harald, als er sich den Staub aus den Ärmeln klopfte. Am Anfang hätten sie sich ein bißchen geschämt, überhaupt was zu verlangen, sagte Ulrike, seine Frau. Es sei alles so familiär und aus Gästen würden hier schnell Freunde. „Wir haben eben gerne Besuch.”

Wenn die Kehrwoche um ist, rufe ich die schöne Straßburgerin an und lade sie ins Schloß ein. Und dann schlafen wir in dem Bett, in dem schon Napoleon (der Dritte)... Und kurz bevor wir das Licht ausknipsen, werde ich sie fragen: „Weißt Du eigentlich, was Goethe von diesem Schloß gesagt hat? „...?...”

Sven Rech








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