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20.05.2008
Kloster Neusatzeck - Bühl



Österreich war klösterreich, sagt ein altes Witzwort. Aber klösterreich, an Klöstern reich, war auch Deutschland, auch Baden, ja auch die Ortenau - noch im Jahre 1800. Da gab es etwa die Benediktiner in Schwarzach, Schuttern, Gengenbach und Ettenheimmünster; die Benediktinerinnen in Frauenalb; die Zisterzienserinnen in Lichtental; die Prämonstratenser in Allerheiligen; die Sepulcrinerinnen in Baden-Baden; die Franziskaner bei Baden-Baden, in Rastatt, Seelbach und Offenburg; die Kapuziner in Baden-Baden, Offenburg, Oppenau, Oberkirch und Mahlberg; die Augustinerinnen in Rastatt und Ottersweier; die Piaristen in Rastatt ...

Und nur zehn Jahre später, 1810, waren alle diese Klöster untergegangen, aufgehoben, aufgelöst (oder doch, wenn auch nur in wenigen Fällen, in weltliche Institute umgewandelt worden). Es gab in diesem Lande keine Orden mehr, auf lange Zeit nicht mehr.

Doch die Ordensgeschichte geht sonderbare, oft auch wunderbare Wege. Im Jahre 1855, also vor genau 150 Jahren, kam es dazu, dass zwölf junge Frauen den Eckhof hoch über Neusatzeck bei Bühl kauften, und dass dann acht von ihnen in ihm ein gemeinschaftliches, klösterliches Leben führten; sie hießen Adelheid Armbruster, Cölestine Ernst, Barbara Kopp, Theresia Pfeifer, Aloysia Reck, Josepha Schneider, Sabina Schneider und Ottilia Weis; sie nannten sich ‚Schwestern freiwilligen Zusammentritts'. Was sie taten, taten sie aus eigenem Antrieb und auf eigene Verantwortung, aber auch auf Anregung ihres Pfarrers Joseph Bäder, eines sehr bemerkenswerten Mannes, der, 1807 in Freiburg geboren, sich in seiner Heimatstadt in der Seelsorge sehr hervorgetan hatte; zu sehr, wie die Behörden meinten.

Sie ahnten nicht, wie sehr er sich erst in Neusatz, wohin sie ihn versetzten, hervortun würde; etwa dadurch, dass er die junge Gemeinschaft beeinflusste und begleitete. Schon 1851 hatte sich, unter der Leitung des Pfarrers Finneisen von Friesenheim, in Kürzell bei Lahr eine ähnliche Gemeinschaft gebildet; eine weitere entstand 1857 um Pfarrer Lender in Schwarzach; eine weitere 1866 um Pfarrer Berger auf dem Tretenhof bei Lahr. Und solche Gemeinschaften entstanden nun nicht nur hier in der Ortenau, sondern überall in Deutschland: allein 50 zwischen 1830 und 1860. Es war ein ungeheurer, unerwarteter und unverhoffter Aufbruch.

Es waren Gemeinschaften einer neuen Art, die nun entstanden; und zwar aus dem Wunsch und Willen junger Frauen, ihrem Leben einen Sinn zu geben und anderen zu helfen; ihrem Leben einen Sinn zu geben, indem sie anderen halfen. (Im Mittelalter war schon einmal eine solche Bewegung aufgebrochen, die der Beginen; aus ihr ging in Freiburg das Dominikanerinnenkloster Adelhausen hervor, dessen Regel 1865 von Neusatzeck übernommen wurde und, nachdem Adelhausen 1867 unterging, hier weiterlebte und noch weiterlebt. Die Ordensgeschichte geht oft wunderbare Wege.)

Eigentlich hatte Bäder an einen dreifach gestuften Orden gedacht: mit Mitgliedern, die im Kloster eine ununterbrochene Anbetung halten, mit solchen, die auf den Feldern und sogar in den Fabriken arbeiten und mit solchen, die in Familien dienen und dort missionarisch wirken sollten. Seine Schwestern sollten sozusagen Mägde sein, nach dem Vorbild von Maria, der ‚Magd des Herrn' (Lk 1,38). Der Gedanke lag gleichsam in der Luft; schon 1850 war in Oberschlesien die Genossenschaft der ‚Mägde Mariens von der Unbefleckten Empfängnis' entstanden, 1851 im Westerwald die der ‚Armen Dienstmägde Jesu Christi', und ‚Arme Mägde Christi' nannte man auch die Schwestern von Kürzell. Von Anfang an verstanden sie sich allesamt als Menschen, die ihren Mitmenschen dienen, ihnen helfen wollten.

Auch die Schwestern von Neusatzeck halfen, wo ihre Hilfe am nötigsten, wo die Not am größten war. Sie nahmen Waisenkinder auf, bald bis zu 40, um die sich damals nämlich niemand kümmerte. In manchen Gemeinden wurden sie sogar öffentlich versteigert, d.h. derjenige, der den geringsten Zuschuß verlangte, erhielt den Zuschlag und damit das Kind, um es auf alle Arten auszunutzen. Diesem Übel musste abgeholfen werden. Also entstand in Neusatzeck das erste Waisenhaus des Landes, und dann, nach einem diesbezüglichen bischöflichen Aufruf, das zweite in Schwarzach. Aber schon die Schwestern von Kürzell hatten Waisenkinder aufgenommen. (Eines der ersten, "welches sonst Hungers gestorben wäre", kam, geschickt von Pfarrer Bäder, 1854 aus Neusatz. )

Also kümmerten sich die Schwestern um die Mitmenschen - aber sie kümmerten sich kaum darum, dass das, was sie taten, in Baden unerwünscht, wenn nicht sogar unerlaubt war. Die Behörden machten ihnen das Leben schwer; so hoben sie die Mädchenschule, die erst 1868 eingerichtet worden war, schon 1871 wieder auf, und 1873 auch das Waisenhaus. Die Schwestern eröffneten ein Kur- und Exerzitienhaus, in dem sie ihre legendäre Gastfreundschaft übten, und ließen sich nicht entmutigen. Übrigens war Neusatzeck auch das erste Exerzitienhaus der Erzdiözese; schon 1892 hielt Thomas Nörber, der nachmalige Erzbischof, dort den ersten Kurs, dem noch hunderte, mit zehntausenden von Teilnehmern, folgten.

In immer neuen Vorstößen versuchte die kleine Gemeinschaft, die Anerkennung des Dominikanerordens, der Kirche, des Staates zu erlangen. Endlich, am 10. Juli 1917, gab der Großherzog den Weg frei, und so dann auch der Erzbischof, der am 4. August, dem Fest des hl. Dominikus, die feierliche Einkleidung der inzwischen etwa 40 Schwestern vornahm, die erst jetzt wirklich welche wurden: ‚Schwestern vom III. Orden des hl. Dominikus in der Erzdiözese Freiburg'.

Und erst jetzt bekamen sie, die anfangs in einer bäuerlichen Tracht gegangen waren, auch ein Ordenskleid, den von ihnen längst gewünschten, sogenannten ‚Schleier'. Einer der Nachfolger Bäders hat berichtet, wie er, nach einer Rückkehr aus Freiburg, die alte Schwester Marzellina in ihrer Krankenstube besuchte und wie sie ihn sofort fragte: "Bekommen wir den Schleier?" - und wie enttäuscht sie über die abschlägige Antwort war. Jetzt bekamen sie also ihr Kleid, wenn auch ein notdürftiges, weil der nötige Stoff nicht beschafft werden konnte.

Schwester Marzellina war freilich schon gestorben, und so wohl auch die anderen Schwestern, die den Anfang gewagt und gemacht hatten; wieder andere waren eingetreten, noch bevor die Gemeinschaft auf festen Füßen stand; jetzt, nach über 60 Jahren, war es endlich soweit. So lange hatten sie geduldig gewartet, im Vertrauen darauf, auf dem richtigen Weg zu sein und zum Ziel zu kommen. (Von ihnen, von ihrem unbeirrten Gottvertrauen könnte heute mancher manches lernen.)

Immerhin, der Wind hatte sich gedreht und blies ihnen und den anderen Gemeinschaften nicht mehr ins Gesicht. Die Schwestern von Schwarzach, die in die USA ausgewandert waren, kamen zurück und ließen sich in Erlenbad nieder; die Schwestern vom Tretenhof ließen sich in Gengenbach nieder; ihnen schlossen sich die Schwestern von Kürzell, jetzt Heiligenzell, notgedrungen an. Die Schwestern vom Allerheiligsten Heiland aus dem elsässischen Niederbronn bauten ihr deutsches Mutterhaus in Bühl. Auch die alten Orden wurden wieder zugelassen. Nachwuchs stellte sich reichlich ein. Was jetzt, um 1920, geschah, hätte hundert Jahre früher niemand für möglich gehalten. Die Ordensgeschichte geht eben ihre eigenen Wege.

Und wie ging es in Neusatzeck weiter? Die Schwestern, die seit 1925 auch das Ordenskleid der Dominikanerinnen trugen, übernahmen ein Fürsorgeheim in Ettlingen, ein Müttergenesungsheim in Schönwald, ein Exerzitienhaus bei Wyhlen, ein Altenpflegeheim und ein Krankenhaus in Karlsruhe; sie betrieben Nähschulen, Kindergärten und Ambulanzen in 31 südbadischen und sogar saarländischen Orten. In Neusatzeck selbst gab es das Kur- und Exerzitienhaus, ein Altenheim und eine Arbeitsschule, die sich zur Dienstbotenschule, dann - aber erst nach dem nächsten Krieg - zur Haushaltungsschule, schließlich zur hauswirtschaftlichen Sonderberufsfachschule für behinderte Mädchen entwickelte.

Dieser Krieg ging auch an dem abgelegenen Neusatzeck nicht spurlos vorbei; ganz im Gegenteil. Das Kurhaus wurde beschlagnahmt und diente erst als Seuchenlazarett, dann nacheinander als Unterkunft für Evakuierte aus dem Elsaß, für rumänische, für slowenische, für russische Umsiedler, für Kinder aus einem Heim in Neuß, nochmals für 250 Elsässer, die von den Deutschen ausgewiesen worden waren. Man war bis aufs äußerste angespannt und atmete auf, als der Spuk vorüber war.
Danach ging es um so schneller voran. Während die Zahl der Schwestern auf 230 stieg, wurde in Neusatzeck fleißig gebaut: ein Pfortengebäude, eine Schwimmhalle, ein Schulgebäude, ein Altersheim; der Eckhof hatte schon früher weichen müssen. Die Klosterkirche St. Agnes, ein Bau schon von 1864, wurde durch Wilfrid Perraudin verändert, der das Mosaik in der Apsis schuf, die Mutterhauskapelle durch Klaus Ringwald, der (mit Bernd Wissler) den Altarraum zur nicht nur künstlerischen Mitte machte.

In ihr, der Kapelle, zeigt sich deutlich der Grund, auf dem diese Gemeinschaft steht, und der Geist, aus dem sie lebt. Sie ist, seit es sie gibt, ein Ort der immerwährenden eucharistischen Anbetung; immer knien zwei Schwestern vor dem Altar und dem Tabernakel, Tag für Tag, und noch vor kurzer Zeit knieten sie hier auch Nacht für Nacht. (Bevor es die Kapelle gab, und zwar schon von 1855 an, hielten sie die Anbetung tagsüber in der Pfarrkirche in Neusatz und nachts an einem Fenster im Mutterhaus mit dem Blick hinunter ins Tal.) Hinter dem Altar und dem Tabernakel wächst ein aus Holz geschnitzter Rosenstrauch, ein Rosenhag empor; auf gemalten Medaillons, die zwischen seinen Zweigen hängen, sind die Geheimnisse des freudenreichen, schmerzensreichen und glorreichen Rosenkranzes dargestellt, den die Schwestern, nach altem dominikanischem Brauch, täglich beten. Wie der Rosenkranz verweist der Rosenstrauch auf Maria: "Sie ist die edle Rose, ganz schön und auserwählt, die Magd, die makello-se, die sich der Herr vermählt." Mit diesen Worten singt von ihr ein altes Lied. So verbindet sich in der Kapelle die marianische mit der eucharistischen Frömmigkeit; so, wie sich auch an ihrem Altar, und nicht nur an ihm, Rosen emporranken. Aus beiden Quellen mögen die Schwestern oft die Kraft für ihren Dienst geschöpft haben. Die Kapelle im Mutterhaus ist - und deshalb musste hier von ihr die Rede sein - insgeheim das Zentrum, von dem alles ausgeht, auf das alles zurückweist.

Die Verhältnisse veränderten sich, und mit ihnen, wie gesagt, das Aussehen von Neusatzeck; auch das der Schwestern selber, die ihr Ordenskleid der Zeit anpassten. Und auch in ihrer inneren Entwicklung hielten sie mit ihr Schritt, indem sie 1987 neue Konstitutionen beschlossen, also Auslegungen und Anwendungen ihrer alten Regel. Doch nach wie vor wollten sie sich, auch wenn ihnen der Wind zur Abwechslung wieder ins Gesicht blies und noch bläst, "um Vollkommenheit bemühen" und zugleich "den Nöten der Mitmenschen dienen".

150 Jahre lang haben sie - wofür ihnen nicht genug gedankt werden kann - gedient: als Kindergärtnerinnen, Erzieherinnen und Lehrerinnen, als Pflegerinnen, Krankenschwestern, Küchenschwestern, Pfortenschwestern, Gartenschwestern, Stallschwestern ... jede auf ihre Art, jede an ihrem Ort.

Aber damit ist noch nicht alles gesagt, vielleicht nicht einmal das Allerwichtigste. "Der Wert der Ordensleute", schrieb Leonardo Boff, "liegt weniger in dem, was sie für die Menschen tun, als in dem, was sie für die Menschen sind: ein Zeichen Gottes und des Sinnes, den alle bewusst oder unbewusst suchen." Sie schwimmen immer gegen den Strom der Zeit; sie sind von dieser Welt, und auch wieder nicht. Wenn sie Armut, Keuschheit und Gehorsam geloben, dann sagen sie, dass sie nichts und niemanden besitzen wollen, ja nicht einmal sich selbst; und somit sind sie frei. Über ihr ganz anderes, alternatives Leben, auch über seine Lichter und Schatten, seine Höhen und Tiefen wäre noch vieles zu sagen - aber nicht von einem, der, wenn auch bewundernd, außen steht.

150 Jahre: eine lange Zeit; eine Zeit, in der oft niemand wusste, wie es weiterginge, ja ob es weiterginge. Auch jetzt weiß es niemand. In seiner Ansprache bei der ersten Einkleidungsfeier, am 4. August 1917, sagte Erzbischof Thomas Nörber: "Was der liebe Gott in seiner Vorsehung mit Neusatzeck noch vorhat, ist uns unbekannt." Aber er bat die Schwestern, die er "eine kleine Herde" nannte, sich nicht zu fürchten und nicht zu verzagen, sondern zu sprechen: "Dein Wille, o Herr, geschehe!"
150 Jahre Kloster Neusatzeck ... Es ist ein steiler Weg, der hier heraufführt, und es sind zur Zeit vielleicht nicht viele, die ihn finden. Aber hier oben ist man dann dem Himmel näher.

Dr. Johannes Werner, Elchesheim



Kloster Neusatzeck, unser Mutterhaus, liegt eingerahmt von Wiesen und Wald auf der Höhe des nördlichen Schwarzwaldes.

Es wurde 1855 von Pfarrer Joseph Bäder gegründet als Antwort auf die Nöte seiner Zeit. Ihm schwebte eine neuartige Form eines Frauenklosters vor, in dem die Anbetung Gottes und eine zeitgemäße caritative Tätigkeit miteinander verbunden sind.

Tagungsstätte
Josef-Bäder-Haus
Josef-Bäder-Weg 2
77815 Bühl-Neusatzeck
Tel.: 07223 / 94093-0
Fax.:07223 / 94093-10       
Haus für Tagungen, Seminare, Exerzitien und Erholung

Besinnliche Tage, Kurse zum Thema Hildegard von Bingen

Josef-Bäder-Haus wird von den Schwestern des Klosters Neusatzeck betrieben. Es steht sowohl Einzelnen als auch Gruppen zur Verfügung.
Religiöse Gruppen führen bei uns Freizeiten, Exerzitien und Einkehrtage durch.

Unternehmen nutzen unsere Räume f&uumlr Fortbildungskurse, Seminare und Schulungen. Kulturelle Gruppen halten bei uns Wochenenden für Chorproben, Tanz und Bewegung etc. ab.
Einzelpersonen nutzen die Einrichtungen und Lage unseres Hauses zur Erholung und Entspannung, Spaziergängen und Schwimmen im hauseigenen Schwimmbad.

An den Hängen des Nordschwarzwaldes gelegen, sind wir leicht von Baden-Baden, Karlsruhe und Freiburg erreichbar.


www.buehl.de


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