22.08.2008
Sammlung Prinzhorn - Universität Heidelberg
1920-22 trug der Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn eine Sammlung von Kunst psychisch kranker Menschen zusammen.
1922 publizierte er seine Ergebnisse in dem Buch “Bildnerei der
Geisteskranken”, das Künstler fortan so interessieren sollte. Eine
fremdartige Fantasiewelt wurde damit weitläufig publik und begeisterte
die Dadaisten + Surrealisten. Paul Klee, Max Ernst, Alfred Kubin +
viele andere erkannten in der “wahnsinnigen Schönheit” dieser
Aussenseiterkunst die Schizophrenie der modernen Zeit und die rechte
Antwort auf den Wahnsinn des 1. Weltkrieges.
In den 60er Jahren wurde die Sammlung neu entdeckt und zog seitdem in
Ausstellungen um die ganze Welt. Seit September 2001 hat die etwa 5000
Werke zählende Sammlung von 435 Künstlerpatienten endlich ihr eigenes
Museum.
Psychiatrische Universitätsklinik
Voßstr. 2
69115 Heidelberg
Fon: 06221.564739
Fax: 06221.561723
Di, Do+So 11-17 Uhr, Mi 11-20 Uhr, Mo: -
Die Sammlung im Überblick
Bestände
Fundus: Der abgeschlossene Bestand enthält rund 5000 Arbeiten von etwa
450 Patienten psychiatrischer Anstalten. Bei den Werken handelt es sich
überwiegend um Zeichnungen und Aquarelle, schriftliche Aufzeichnungen
wie Briefe, Notizen, Textentwürfe und Notationen sowie Bücher und
Hefte, vielfach selbstgefertigt; ferner Ölgemälde, textile Arbeiten,
Collagen und 70 Skulpturen aus Holz.
Entstehungszeit: um 1880 bis 1933; Hauptsammelzeit um 1919-22.
Autoren/Künstler: rund 450 Patientinnen und Patienten aller
Altersstufen, sozialer Schichten und Berufe. Nur 20% der Künstler sind
weiblich. Die Dauer der Internierung ist unterschiedlich, oft bis zum
Lebensende und teilweise wegen fehlender Krankenakten nicht immer zu
klären.
Entstehungsort: staatliche oder
private Heil- und Pflegeanstalten Deutschlands, aber auch der Schweiz,
Österreichs, vereinzelt Italiens, Frankreichs, Polens und Japans.
Sammlungsannexe: Ergänzend zum
abgeschlossenen Bestand der Sammlung Prinzhorn werden Dauerleihgaben
und Schenkungen bewahrt, darunter Arbeiten aus der Rheinischen
Landesklinik Viersen (um 1900), Holzskulpturen von Carl Genzel aus der
Westfälischen Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Eickelborn
bei Lippstadt (um 1920), die Sammlung Petschner aus dem Psychiatrischen
Krankenhaus Merxhausen in Bad Emstal (1960-1980) sowie Werke von
zeitgenössischen Patienten-Künstlern.
Dokumentation: Die Datenbank
der inventarisierten und katalogisierten Bestände ist im Aufbau. Eine
nahezu vollständige Photothek kann auf Anfrage eingesehen werden. Etwa
2/3 der Krankenakten konnten ermittelt und in ihren wichtigsten Daten
erfaßt werden (Zugang für wissenschaftliche Zwecke).
Einführung
Auf der Suche nach authentischer Kunst entdeckte die 'Moderne' zu
Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts neben der 'primitiven Kunst' und
der Kinderzeichnung auch die 'Kunst der Geisteskranken'. Zur gleichen
Zeit begann unter Psychiatern eine rege Sammeltätigkeit bildnerischer
Werke von Patienten, wobei zumeist die Hoffnung auf diagnostische
Verwertbarkeit im Vordergrund stand.
Hans Prinzhorn (1886-1933), als
Kunsthistoriker und Arzt mit beiden Fachgebieten vertraut, gilt heute
als Pionier einer interdisziplinären Sichtweise. Ihn interessierten
kulturanthropologische Fragen, etwa nach dem Ursprung künstlerischer
Gestaltung oder dem "schizophrenen Weltgefühl" in der
expressionistischen Kunst seiner Zeit, und er hoffte, in den Werken der
Patienten einen unverstellten, elementaren Zugang zur Kunst zu finden.
In den Nachkriegsjahren des Ersten Weltkriegs baute er, von Karl
Wilmanns, dem Leiter der Heidelberger Psychiatrischen Klinik,
unterstützt, eine einzigartige Sammlung von Werken aus psychiatrischen
Anstalten auf. Mit seinem reich illustrierten Buch Bildnerei der
Geisteskranken (Berlin 1922), in dem große Teile der Sammlung
dokumentiert, interpretiert und in kulturkritische Überlegungen
eingebettet werden, verabschiedet er endgültig die Frage nach einer
diagnostischen Beweiskraft. Indem er die psychologische
Gleichwertigkeit aller gestalterischen Phänomene betont und bestimmten
Werken künstlerische Qualität zuerkennt, bewertet er die verachtete
"Irrenkunst" und damit auch ihre Schöpfer neu. In dieser Öffnung einer
fachspezifisch eingeengten, psychiatrischen Sichtweise in
kunstwissenschaftliche und künstlerische Bereiche hinein ist die
besondere Leistung Prinzhorns zu sehen. Es war ein mutiger Schritt, der
-langfristig gesehen- dazu beitrug, über eine angemessene Anerkennung
kreativer gestalterischer Leistungen der Patienten ihre
gesellschaftliche Reintegration zu fördern.
Künstler wie Alfred Kubin, Paul Klee, Max Ernst oder Pablo Picasso
liessen sich von den Patientenwerken faszinieren und inspirieren.
Psychopathologisch eingeweihte Künstler (Gorsen) wurden auch nach dem
zweiten Weltkrieg wurden zu wichtigen Transformatoren dieser Werke.
Zusammen mit weiteren Entdeckungen von Anstalts- und Außenseiterkunst,
von Dubuffet in den fünfziger Jahren zu Art Brut erklärt, geben sie bis
heute wichtige ästhetische Impulse. Inzwischen hat auch die Psychiatrie
weitgehend ihre Einstellung geändert. Es wird wieder gesammelt, doch
jetzt unter ästhetischen Gesichtspunkten. Künstlerische Therapien haben
sich in der modernen Psychiatrie etabliert.
Die Sammlung vereint Zeichnungen, Gemälde, Collagen, Textilien,
Skulpturen und eine Fülle unterschiedlicher Texte, die zwischen 1880
und 1920 in psychiatrischen Anstalten vorwiegend des deutschsprachigen
Raums entstanden sind. Die meisten der oft langjährig internierten
Patienten galten als schizophren. Die Werke spiegeln unterschiedliche
soziale Herkunft und Bildung ihrer Autoren. In ihnen zeigt sich, oft in
fragmentierter oder verfremdeter Form, Zeitgeschichte und ihre
Ideologien, aber auch das individuelle Leben vor der Erkrankung sowie
die deformierende Anstaltsinternierung.
Nur wenige Patienten besaßen eine professionelle künstlerische
Ausbildung. Oft waren sie aber über Schule oder berufliche Ausbildungen
und Tätigkeiten in Kunstgewerbe, Architektur, handwerklichen oder
technischen Berufen mit gestalterischer Praxis in Berührung gekommen.
Der Umgang mit diesen 'Vorkenntnissen' ist unterschiedlich und reicht
von der sorgfältigen Reproduktion des Erlernten bis zur freien
Variation oder vollständigen Ablösung davon.
Ein kleinerer, aber bedeutender Teil der Sammlung fesselt durch
Verwendung eigenwilliger künstlerischer Mittel und ungewöhnliche, aber
schlüssige formale Lösungen, die einen eigenen Sinn bergen. Sie gehören
in den engeren Bereich der Kunst. Im ästhetischen Raum transportieren
sie ein Wissen um extreme menschliche Empfindungen und Erfahrungen
häufig vorsprachlicher Natur, wie sie in der Psychose durchlebt werden,
und deren Verarbeitung, den Wahn mit seinem spezifischen Sinnhorizont.
Die daraus resultierende, andere Weltsicht erscheint hermetisch, wobei
uns die Relativität unseres eigenen, von der Gesellschaft vorgegebenen
und getragenen Denkens meist nicht bewußt ist. So wird eine allgemein
menschliche Dimension erfahrbar, die in uns allen potentiell vorhanden
ist.
Ausgewählte Literatur
Hans Prinzhorn, Bildnerei der Geisteskranken, 1. Aufl., Berlin 1922, 2.
Aufl., Berlin 1923, 3. Aufl. Heidelberg/New York 1968, 5. Aufl., Wien
(Springer) 2001. jetzt € 20,00
Hans Prinzhorn, Artistry of the mentally ill, ed. Eric von Brockdorff, 1. Aufl. 1972, 2. Aufl., New York (Springer) 1995.
Hans Prinzhorn, Expressions de la folie. Dessins, peintures, sculptures d`asile, ed. Marielène Weber, Paris (Gallimard) 1984.
Die Prinzhorn-Sammlung. Bilder, Skulpturen, Texte aus psychiatrischen
Anstalten, ed. Hans Gercke und Inge Jarchov (Jádi), Ausstellungskatalog
Heidelberg, Kunstverein u.a., Königstein/Ts. (Athenäum) 1980. vergriffen
"Leb wohl sagt mein Genie Ordugele muß sein". Texte aus der
Prinzhorn-Sammlung, ed. Inge Jádi, Heidelberg (Wunderhorn) 1985. € 20,50
Hans Prinzhorn und Arbeiten von Patienten der Heidelberger Klinik aus
der Prinzhornsammlung, Ausstellungskatalog Heidelberg/Hemer, Heidelberg
(Brausdruck) 1986. vergriffen
Oskar Panizza. Pour Gambetta, Sämtliche in der Prinzhorn-Sammlung und
im Landeskirchlichen Archiv Nürnberg aufbewahrten Zeichnungen, ed.
Armin Abmeier, Michael Farin und Roland Hepp, München (edition
belleville) 1989. € 17,25
Ferenc und Inge Jádi, Muzika. Musikbezogene Werke von psychisch
Kranken, Katalogbuch zur gleichnamigen Ausstellung, Heidelberg
(Wunderhorn) 1989. € 19,40
M. Tuchmann/C.F. Eliel (Eds.), Parallel Visions. Modern Artists and
Outsider Art, Ausstellungskatalog Los Angeles, County Museum et al.,
1992.
Franz Karl Bühler (Offenburg 1864-Grafeneck 1940). Bilder aus der
Prinzhorn-Sammlung, Ausstellungskatalog Offfenburg, Museum im
Ritterhaus, 1994. nur in der Sammlung erhältlich € 5,00
Heinrich Anton Müller (1869-1930). Katalog der Maschinen, Zeichnungen
und Schriften, ed. Roman Kurzmeyer, Ausstellungskatalog Bern,
Kunstmuseum, und Lausanne, Collection de l'Art Brut, Basel/Frankfurt
a.M. (Stroemfeld) 1994. € 15,25
Identità e Alterità. Figure del corpo 1895/1995, Ausstellungskatalog
Venezia, La Biennale di Venezia, 46. Esposizione Internazionale d’Arte,
1995.
La Beauté Insensée. Collection Prinzhorn - Université de Heidelberg
1890-1920, Ausstellungskatalog Charleroi, Palais des Beaux-Arts, 1995.
vergriffen
Die Wahnsinnige Schönheit. Prinzhorn-Sammlung, Deutsche Übersetzung zur
Ausstellung Heidelberg, Schloß, Ottheinrichsbau, 1996. vergriffen
Beyond Reason. Art and Psychosis, Works from the Prinzhorn Collection,
Ausstellungskatalog London, Hayward Gallery, 1996. € 39,90
Wahnsinnige Schönheit. Prinzhorn-Sammlung, Ausstellungskatalog
Osnabrück, Kulturhistorisches Museum, Heidelberg (Wunderhorn) 1997. €
39,90
Thomas Röske, Der Arzt als Künstler. Ästhetik und Psychotherapie bei
Hans Prinzhorn (1886-1933), zugl. Diss., Univ. Hamburg, Bielefeld
(Aisthesis) 1995. € 39,90
Achim Tischer (Ed.), Die Macht der hypnotischen Suggestion. Die Bremer
Künstler der Prinzhorn-Sammlung, Ausstellungskatalog Bremen,
Krankenhaus-Museum Zentralkrankenhaus Bremen Ost, 1996 € 12,50, mit
Beiträgen u.a. von:
Bettina Brand, Der zerknitterte Hauptmann Gustav Röhrig (1858-1932), S. 15-30;
Inge Jádi, Die Prinzhorn-Sammlung, S. 71-78.
Ferenc und Inge Jádi, Die Prinzhorn-Sammlung der Psychiatrischen
Universitätsklinik in Heidelberg, in: Heidelberg, Geschichte und
Gestalt, ed. Elmar Mittler, Heidelberg 1996, S. 458-465. nur im
Buchhandel
Kunst & Wahn, ed. Ingried Brugger u.a., Ausstellungskatalog Wien, Kunstforum, Köln 1997 vergriffen, mit Beiträgen u.a. von:
Inge Jádi, Vergangenes gegenwärtig. Anmerkungen zur Prinzhorn-Sammlung, S. 175-181;
Bettina Brand-Claussen, "KnochenWeltMuseumTheater". Holzskulpturen von Karl Genzel aus der Prinzhorn-Sammlung, S. 219-239.
Figure Dell'anima. Arte irregolare in Europa, Ausstellungskatalog
Pavia, Castello Visconteo, und Genova, Palazzo Ducale, Milano 1997, mit
Beiträgen u.a. von:
Inge Jádi, Arte e terapia. Spunti critici e riflessioni personali, S. 43-54;
Bettina Brand-Claussen, Dal Museo d'arte patologica alla Collezione Prinzhorn, S. 66-91.
Sprachlöchersterne. Dichtung und Wahrheit von Geisteskranken -
Prinzhorn-Sammlung, gelesen von Herbert Fritsch, CD, ed. Freunde der
Prinzhorn-Sammlung e.V., Heidelberg (Wunderhorn) 1998. € 18,50
Inge Jádi, Im Bilde sein. Verschiedene Rezeptionsformen von Werken der
Prinzhorn-Sammlung, in: A. Borkenhagen und O. Decker (Eds.), Texte aus
dem Colloquium Psychoanalyse, H. 4, Berlin 1999, S. 119-144.
Christoph Mundt / Gerrit Hohendorf / Maike Rotzoll (Hg.),
Psychiatrische Forschung und NS-"Euthanasie". Beiträge zu einer
Gedenkveranstaltung an der Psychiatrischen Universitätsklinik
Heidelberg, Heidelberg (Wunderhorn) 2001. € 29,65
Vision und Revision einer Entdeckung. Hg. von Bettina Brand-Claussen
und Inge Jádi, Katalog zur Eröffnungsausstellung, Heidelberg, Sammlung
Prinzhorn 2001. € 18,00
Sammlung Prinzhorn - ein Museum der eigenen und anderen Art, in: Vernissage, Die Zeitschrift zur Ausstellung, 9. Jg., 07/01.
€ 5,00
Inge Jádi / Bettina Brand-Claussen (Hg.), August Natterer. Die
Beweiskraft der Bilder, Leben und Werk, Deutungen, Heidelberg,
Wunderhorn, 2001 (= Monographische Reihe der Sammlung Prinzhorn, Bd. 1)
€ 49,95
Wahn Welt Bild. Die Sammlung Prinzhorn - Beiträge zur Mueumseröffnung,
hg. von Thomas Fuchs / Bettina Brand-Claussen / Christoph Mundt / Inge
Jádi, Berlin u.a. (Springer) 2002. (= Heidelberger Jahrbücher,
2002/XLVI) € 49,95
Ins Gesicht sehen. Christa Mayer, Fotografische Porträts von
LangzeitpatientInnen, seit 1982 und Anonyme Fotografien aus der Anstalt
Weilmünster, 1905-1914, hg. von Bettina Brand-Claussen u. Thomas Röske,
Ausstellungskatalog, 2 Bde., Sammlung Prinzhorn, Heidelberg 2002.
€ 5,50, Einzelbände jew. € 3,00
Sammlung Prinzhorn. Wunderhülsen & Willenskurven - Bücher, Hefte
und Kalendarien, Ausstellungskatalog Heidelberg/Jena 2002. vergriffen
Todesursache: Euthanasie. Verdeckte Morde in der NS-Zeit, hg. von
Bettina Brand-Claussen, Thomas Röske, Maike Rotzoll,
Ausstellungskatalog Sammlung Prinzhorn, Heidelberg, Wunderhorn, 2002.
€ 29,90
antworten. Dorothee Rocke im Dialog mit Hyacinth von Wieser, Ausstellungskatalog Sammlung Prinzhorn, Heidelberg 2003.
€ 8,00
Expressionismus und Wahnsinn, hg. von Herwig Guratzsch, bearb.
von Thomas Röske, Ausstellungskatalog Schleswig, Schloss Gottorf,
München/Berlin/London/New York 2003.
gebunden € 26,00; Paperback vergriffen!
Irre ist weiblich. Künstlerische Interventionen von Frauen in der
Psychiatrie um 1900, hg. von Bettina Brand-Claussen und Viola Michely,
Ausstellungskatalog Sammlung Prinzhorn, Heidelberg, Wunderhorn, 2004.
€ 29,90
Rausch im Bild - Bilderrausch. Drogen als Medien von Kunst in den 70er
Jahren, ed. by Henrik Jungarberle & Thomas Röske,
Ausstellungskatalog Sammlung Prinzhorn, Heidelberg, 2004.
€ 12,00
In Persern Büchern steht's geschrieben. Jörg Ahrnt - im
zeichnerischen Dialog mit Ludwig Wilde, Ausstellungskatalog Kunstverein
Göttingen/Museum für Angewandte Kunst Frankfurt/Sammlung Prinzhorn
Heidelberg, Leipzig 2004.
€ 12,00
Samlung Prinzhorn - Heidelberg
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