 |
 |
 |
 |
 |
Artikelsuche:
Adressensuche:
|
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
|
15.12.2005
Christian Marchetti: Dreißig werden - Ethnographische Erkundungen an einer Altersschwelle - Tübingen
Der 30. Geburtstag ist für viele Menschen ein einschneidendes Erlebnis.
Die meisten End-Zwanziger sehen dem folgenden Lebensjahrzehnt mit
gemischten Gefühlen entgegen. Der Kulturwissenschaftler Christian
Marchetti hat sich dem Phänomen des Dreißigsten in seiner
Magisterarbeit gewidmet. Er erklärt, welche Bedeutung die Menschen
dieser Altersschwelle beimessen und wie 30-Jährige mit ihrem Leben
jenseits der Zwanzig umgehen. Tübinger Kulturwissenschaftler untersucht
die Bedeutung eines runden Geburtstags.
Die große Krise oder ein enthusiastischer Blick in die Zukunft? Den 30.
Geburtstag erleben viele als einen harten Einschnitt. Die Zeit der noch
jugendlichen Zwanziger ist vorbei, und beim Blick in den Spiegel fallen
immer mehr Zeichen des Älterwerdens ins Auge: Fältchen, ein leichter
Bauchansatz und dünner werdendes Haar. Dass der Übergang ins 31.
Lebensjahr eine deutliche Schwelle markiert, lässt sich auch an der
wachsenden Menge der Ratgeberliteratur ablesen: 'Super - endlich 30!
Große Krise oder endlich durchstarten' - so oder ähnlich klingen die
Titel der Bücher, die uns dabei helfen sollen, die Hürde zum
Dreißigsten mehr oder weniger sanft zu nehmen.
Aber auch in Kreisen von End-Zwanzigern wird deutlich, dass dem
Übergang ins nächste Lebensjahrzehnt besondere Bedeutung zugeschrieben
wird. Selbst Menschen, die Geburtstagsfeiern normalerweise kategorisch
ablehnen, nehmen den Dreißigsten zum Anlass, endlich mal wieder alle
ihre Freunde und Bekannte einzuladen. Manch anderer hingegen begegnet
diesem Geburtstag eher mit betonter Gelassenheit oder Desinteresse.
Dies hält dann oftmals nur solange an, bis der erste Gratulant mit
Sprüchen wie "Willkommen im Club" die abgeklärte Fassade des Jubilars
zum Einsturz bringt. In seiner Magisterarbeit "Dreißig werden.
Ethnographische Erkundungen an einer Altersschwelle" hat Christian
Marchetti vom Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft
der Universität Tübingen unterschiedliche Arten des Umgangs mit dem 30.
Geburtstag untersucht.
Mehrere Testpersonen hatten sich bereit erklärt, den
Kulturwissenschaftler auf ihre Geburtstagsfeiern einzuladen, ihre
persönlichen Erlebnisse mitzuteilen, Fragebögen auszufüllen und Bilder
über ihr bisheriges und zukünftiges Leben zu zeichnen. Marchetti ging
es nicht um eine repräsentative Untersuchung. Ihn interessierte eine
qualitative Vorgehensweise, die es ihm ermöglichte, zu erforschen,
welche Bedeutung dem 30. Geburtstag zugeschrieben wird und wie dies
geschieht. Dabei hat Marchetti ausschließlich Männer in seine
Untersuchung einbezogen. Aber warum ausgerechnet der 30. Geburtstag?
"Der 30. Geburtstag ist im popkulturellen Bereich sehr populär, das
zeigen Bücher wie 'Herr Lehmann' oder 'Generation Golf'", sagt
Marchetti. "Der 30. Geburtstag wird als eine bedeutsame Schwelle
dargestellt, an der man sich mit seiner eigenen Biografie
auseinandersetzen muss und an der häufig der Wunsch entsteht, dem Leben
von nun an einen Sinn zu geben."
Schon während seines Studiums hat sich der Kulturwissenschaftler mit
runden Geburtstagen beschäftigt. Dabei untersuchte er den
"Ritualcharakter" des Feierns. Als Ritual bezeichnet er
"gemeinschaftlich vollzogenes, sinnvolles und Sinn erzeugendes
Handeln". Das bedeutet, dass es bei Geburtstagsfeierlichkeiten nicht
nur darum geht, das bisher Erreichte des Jubilars in Szene zu setzen.
Vielmehr können verschiedene Aspekte der sich wandelnden Rolle des
Geburtstagskindes beleuchtet werden. So beobachtete Marchetti
beispielsweise, wie beim 50. Geburtstag eines Mannes nicht allein das
ausgelassene Feiern im Vordergrund stand, sondern vielmehr die
Demonstration des bisherigen und künftigen beruflichen wie sozialen
Erfolgs. Der Sechzigste einer Hausfrau hingegen diente der festlichen
Lobpreisung ihrer Großmutterschaft und schrieb sie so auf diese Rolle
fest.
Auch der 30. Geburtstag trägt in den meisten Fällen rituelle Züge. So
verbringt der Jubilar häufig viel Zeit damit, einen passenden Ort für
die Feierlichkeiten zu finden, zu planen, Einladungen zu gestalten und
Vorbereitungen zu treffen. Und auch die Gäste warten nicht selten mit
musikalischen oder witzigen Darbietungen auf, in denen sie ihr Bild des
Gefeierten darstellen. Dem Kulturwissenschaftler zufolge sorgen solche
Riten nicht nur für Vergnügen oder Abwechslung, sie dienen gleichzeitig
der Bewältigung des Alltags. Im Geburtstagsfest vereinen sich
feierliche, geregelte und geplante Abläufe mit festlichem Überschwang.
So wird einerseits ein Ideal des Alltags inszeniert und diesem - sonst
eher routiniert ablaufenden - Alltag ein Sinn gegeben. Andererseits, so
Marchetti, "kann man das Fest auch als temporäres Entrinnen aus der
Zivilisation ansehen, als ein Überbleibsel der 'primitiven Orgie'". Der
Geburtstag gliedert den Einzelnen so in den gesellschaftlichen
Wertehorizont ein und stärkt zugleich seine Individualität.
Der Kulturwissenschaftler erklärt, der 30. Geburtstag werde oft als
"Übergangsritus" inszeniert, als Übergang in einen neuen
Lebensabschnitt. Dies kann aber eigentlich nur dann stimmen, wenn der
Jubilar auch tatsächlich in eine neue Phase übertritt, eine neue
gesellschaftliche Rolle einnimmt oder sich geografisch verändert. Der
30. wird von vielen Betroffenen als der endgültige Übergang ins
Erwachsenenleben gesehen. Problematisch kann es werden, wenn mit diesem
empfundenen Übergang keine tatsächliche Veränderung einhergeht. Je nach
sozialer Stellung zeigen sich hier auch Unterschiede im Umgang mit dem
30. Geburtstag: Ein Arbeiter oder Handwerker etwa, der in diesem Alter
schon Familie hat und seit Jahren berufstätig ist, erlebt den
Dreißigsten weniger als bedeutsamen Eintritt in eine neue Phase,
sondern als schönen Anlass zu feiern oder auch als lästige
Pflichtveranstaltung. Bei vielen Akademikern hingegen ist der Lebensweg
nach dem Studienabschluss häufig noch unklar. "Wer noch keine Arbeit
oder wenigstens Kinder hat, empfindet den Dreißigsten als
krisenhafter", erklärt Marchetti. "Viele 30-Jährige leben heutzutage
ein jugendliches Leben, obwohl sie nicht mehr zur Generation der
Jugendlichen zählen. Sie sind aber gleichzeitig auch nicht per se
erwachsen. Das bedeutet, dass das tatsächliche Alter und das soziale
Alter nicht mehr übereinstimmen. Solche empfundenen Defizite stauen
sich am 30.Geburtstag an, und die rituelle Inszenierung eines Übergangs
soll helfen diesen Druck abzubauen, indem Sinn erzeugt wird."
Ein weiterer Grund für die Suche nach Halt im Ritual ist, dass der
bisherige und auch der zukünftige Lebenslauf vieler End-Zwanziger in
den seltensten Fällen gradlinig verläuft: "Das neue Biografie-Modell
ist nicht mehr linear. Die Menschen müssen mit Brüchen in ihrer
Biografie umgehen. Und die Lücken müssen sie selbst mit Sinn füllen."
Marchetti selbst hat den 30. Geburtstag gerade erst überstanden - ohne
schwerwiegende Folgen übrigens, was daran liegen mag, dass er kurz
zuvor geheiratet und eine Stelle bekommen hat. "Und Sinn habe ich auch
genug produziert, immerhin habe ich ein Buch darüber geschrieben." Doch
auch diejenigen, bei denen sich angesichts des neuen Lebensjahrzehnts
eher Frust breitmacht, sollten sich, seinem Rat zufolge, an ihrem
Geburtstag nicht zu Hause verkriechen. Obwohl Marchetti keinen
psychologischen Ratgeber geschrieben hat, ist er davon überzeugt, dass
eine Feier zum Dreißigsten immer empfehlenswert ist. "Zumindest kann
man gemeinsam mit seinen Gästen ein schönes Fest erleben. Natürlich
wird man an solch einem Geburtstag in gewisser Weise zum 'Objekt' für
die anderen. Aber das hat ja auch etwas Schönes."
Und zumindest die baden-württembergischen 30-Jährigen können den
nächsten Jahren noch voller Gelassenheit entgegenblicken. Denn
"gescheit" wird man im Schwabenland bekanntermaßen sowieso erst mit
vierzig. (7240 Zeichen)
Nähere Informationen:
Seine Forschungsergebnisse hat Christian Marchetti auch in einem Buch zusammengefasst:
Christian Marchetti: Dreißig werden. Ethnographische Erkundungen an
einer Altersschwelle. Tübinger Vereinigung für Volkskunde, Bd. 28 der
Reihe Studien und Materialien. Tübingen 2005
Christian Marchetti ist momentan in Wien zu erreichen:
E-Mail christian.marchetti@online.ms
Tel. 00 43 699 81915914
Startseite -
Archiv -
Top-Tipps -
Wir über uns -
Artikel veröffentlichen -
Werbung -
Newsletter -
Hotels -
Tickets -
Routenplaner -
Adressen-Suche -
Suchhilfe Artikel -
Suchhilfe Adressen -
Aktuelle Artikel -
Impressum
Die 20 aktuellsten Artikel bei click2day:
Bollywooddreams - Petra Bertsch - Rastatt
Vollmondnächte - Siebentäler Therme - Bad Herrenalb
8. Karlsruher Comedy Night mit Ausbilder Schmidt - Badisch Brauhaus
Bauer in Love - Goethe goes Goppfstand - Literatur mal anders- Baden-Baden
Philosophischer & gesellschaftspolitischer Gesprächsabend - Kaffeehaus Schmidt - Karlsruhe
Stressbewältigung durch Achtsamkeit - Elke Olivia Hermann - Karlsruhe
Wieder freundlicher und wärmer
Presseschau - Deutschland
Handy und Schnurlostelefon - Gefahr für unsere Gesundheit? - GesundheitsInformationsBörse - Karlsruhe
LaLoba - Spirituell-erotische Ganzkörpermassagen - Karlsruhe
Decor selbst rahmen - Karlsruhe
Gattsbay - Christian Bertsch - Rastatt
Bachmann & Weiss Offsetdruck - Visitenkarten, Flyer, Broschüren - Karlsruhe
Asia House - Karlsruhe
Spinnrad - Naturtextilien - Karlsruhe
Zucker macht süchtig
Astronomischer Kurs - Planetarium - Stuttgart
Weingut Iselin - ökologische Weine - Weinprobe und Weinbergbegehung - Gernsbach
Der Oktober im Chawwerusch - Theatersaal in Herxheim
Steuern für Rentner: Millionen Erklärungen fehlen noch
|
|



Schönheits-OP-Selbstcheck
Sonnenschutz-Test
Biologisches Alter
Haarausfall-Test
Events
Festivals
Geschenkideen
Geschichten
Kino-Programm
Messen
Shopping
Theater
TV + Kino
Top-Tipps
Veranstalter
Winter-Events
Zitate
Werbemöglichkeiten:
BASIC (kostenlos)
BASIC XL
PROFI
PREMIUM
PREMIUM PLUS
pdf-Formular
Firmen-Eintrag
Bannerwerbung
Newsletter bestellen

|