Russische Kurgäste in deutschen Bädern im 19. Jahrhundert. Die
Baugeschichter der russischen Kirche in Baden-Baden. Das Gemeindeleben.
Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts gab es zwischen Baden und Russland
enge dynastische Beziehungen, in deren Folge in der Residenz in
Karlsruhe und in Baden-Baden russische Kirchen errichtet wurden.
Im Jahre 1793 heiratete der russische Tronfolger Alexander Pawlowitsch
die badische Prinzession Luise, die nach ihrem Übertritt zur
russisch-orthodoxen Kirche den Namen Elisabeth Alexejewna annahm.
Alexander trat im Jahr 1801 als Zar Alexander I. von Russland die Nachfolge von Zar Paul I. an und regierte bis 1825.
Der Fürsprache des russischen Zaren verdankte das Grossherzogtum Baden
(im Jahre 1803 wurde die Markgrafschaft drch territoriale
Neuerwerbungen zum Grossherzogtum erhoben), dass der territoriale
Bestand Badens auf dem Wiener Kongress bestätigt wurde.
Nach Beendigung des Kongresses besuchte das russische Kaiserpaar
erstmals die grossherzogliche Residenz in Karlsruhe, wo wenig später
eine russische Gesellschaft errichtet wurde.
Die Errichtung einer ständigen russischen Mission in Karlsruhe festigte
die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem
Grossherzogtum Baden und dem russischen Kaiserreich. Neben Kaufleuten
kamen auch die ersten Kurgäste (meist russische Generäle mit ihren
Familien) ins Grossherzogtum.
Unter ihnen befand sich z.B. Graf Fjodor Rostoptschin, der im Jahr 1817
die Sommermonate in Baden-Baden verbrachte.
Rostopschin hatte als Gouverneur von Moskau im Jahr 1812 beim Einmarsch
Napoleons, den Befehl gegeben, Moskau in Brand zu stecken, um so dem
napoleonischen Heer die Möglichkeit zur Überwinterung in der Stadt zu
nehmen.
Baden-Baden wurde rasch zu einem beliebten Kurort für begüterte
russische Familien, darunter bekannte Schriftsteller. So besuchte
zwischen 1836 und 1844 Nikolaj Gogol mehrmals die Stadt, ebenso Wasilij
Shukowskij, der Verfasser der russischen Nationalhymne.
Er nahm endgültig 1848 in Baden-Baden seinen Wohnsitz.
Im Jahr 1844 verbrachte Leo Tolstoj einige Wochen in der Stadt.
Von 1862 bis 1869 lebte Iwan Turgenjews ständig in Baden-Baden.
Turgenjews Haus wurde bald Treffpunkt der europäischen Geisteswelt:
Johannes Brahms, Franz Liszt, Clara Schumann, Giacomo Meyerbeer,
Richard Wagner und zahlreicheSchriftsteller und Philosophen verkehrten
in seinem Salon.
Unter den bekannten russischen Kurgästen der Stadt sind noch zu nennen:
Iwan Gontscharow, Nikolaj Nekrassow, Michail Saltykov-Schtschedrin,
Wladimir Solovjev und schliesslich Fjodor Dostojewskij.
Dostojewskij verspielte hier sein gesamtes Vermögen. Die mit der
Spielleidenschaft verbundene Erfahrung verarbeitete Dostojewskij in
seinem Roman "Der Spieler".
Das Spielkasino der Stadt war im übrigen auch ein Grund dafür, warum so
viele begüterte Russen, Adlige, Diplomaten, Offiziere und Kaufleute
sich von der Stadt an der Oos angezogen fühlten. Sie kamen in der Regel
mit ihren grossen Familien samt Dienstpersonal und verbrachten hier
ihre Sommermonate.
Nicht selten gehörten zu diesen begüterten "Reisegesellschaften" 20 bis
30 Personen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts verbrachten tausende
von Russen in den westeuropäischen Kurorten die Sommermonate.
Möglich wurde dies durch den Ausbau des europäischen Eisenbahnnetzes.
Zwischen 1860 und 1880 stieg die Zahl der Kurgäste sprunghaft an.
Kamen von 1860 nur einzelne, allerdings sehr reiche Familien, so seit
der 80er Jahren schon mehrere tausend Gäste.
Nach Bad Ems und Bad Kissingen, um nur zwei Beispiele zu nennen,
kamen seit der Jahrhundertwende jährlich zwischen 5000 und 8000
Kurgäste aus dem russischen Kaiserreich. Die russischen Familien
verbrachten in den Kurorten meist mehrere Wochen in den Sommermonaten.
Der lange Aufenthalt fern der Heimat weckte bei vielen Kurgästen den Wunsch zum Besuch orthodoxer Gottesdienste.
Nicht nur in Deutschland, überall im westliche Europa wuden daher seit
Mitte des 19. Jahrhunderts russische Kirchen errichtet, um diesem
religiösen Bedürfnis zu entsprechen.
In Bad Ems gab es eine russische Kirche seit 1876, in Bad Homburg seit
1899, in Bad Kissingen seit 1901, in Bad Nauheim und Bad Brückenau seit
1908. Doch auch im übrigen europäischen Ausland entstanden rusische
Kirchen. In Marienbad (1902) und Karlsbad (1897), in den italienischen,
französischen und Schweizer Kurorten wurden mehr als zwei Dutzend
weitere Kirchen errichtet.
In vielen Orten fanden aber schon orthodoxe Gottesdienste
lange vor dem Bau solcher Kurpastorien statt.
In angemieteten Sälen der Hotels und Krankenhäuser gab es in den
Sommermonaten provisorische Kirchen, in denen regelmässig Gottesdienste
von aus Russland angereisten Priestern zelebriert wurden.
2. Die Baugeschichte der russischen Kirche in Baden-Baden
Auch in Baden-Baden führten die ständig steigenden Besucherzahlen zu
dem Wunsch nach einer eigenen Kirche. Zu dieser Zeit gab es in der
Stuttgarter Residenz (seit 1854) und in Wiesbaden (seit 1855) bereits
russische Kirchen.
Die Initiative zum Bau einer Kirche in Baden-Baden ergriffen der
russische Gesandte in Karlsruhe, Fürst Nikolaj Stolypin, un d die
ständig in Baden-Baden lebende Fürstin Jelena Trubeckaja.
Sie begannen Anfang de 50er Jahre mit Geldsammlungen unter den
Kurgästen. Schliesslich wurde im Jahr 1859 in einem angemieteten
Privathaus dem "Maison de la poste aux lettres" in der Lichtenthaler
Str. eine kleine Hauskirche geweiht.
Die Kirche blieb bis 1866 in diesem Haus, dann wurde sie in die Schllerstr. 5 verlegt, wo sie noch bis 1882 weiter bestand.
Obgleich die Gottesdienste fast ausschliesslich in den Sommermonaten
zelebriert wurden, entwickelte sich doch ein recht aktives kirchliches
Leben.
In den 70er Jahren wurden im Durchschnitt pro Jahr 50 bis 60 Liturgien
von Geistlichen der Karlsruher Hofkirche und dem Geistlichen in
Wiesbaden, Erzpriester Johann Bazarov, in Baden-Baden zelebriert.
Die Idee zum Bau einer eigenen russischen Kirche griff im Jahr 1880
Grossherzogin Maria Maximilianowna, geborene Fürstin Romanowskij -
Leuchtenberg, wieder auf.
Fürstin Maria Maximilianowna, eine Enkelin des Zaren Nikolaus I.
(1825-1855), hatte im Jahre 1863 den badischen Prinzen Wilhelm
(18291897) geheiratet.
In der Folge wurde im Jahre 1865 in der Karlsruher Residenz eine
orthodoxe Kirche zu Ehren des Festes der "Kreuzerhöhung" errichtet.
Kurz nach ihrer Heiat besuchte das Paar Baden-Baden und die russische
Kirche.
Vermutlich war es dieser Besuch, der die örtliche Kur- und
Stadtverwaltung motivierte, sich für den Bau eine russischen Kirche
einzusetzen, wobei man natürlich - wie in anderen Kurorten auch, vor
allem an die zahlungskräftigen russischen Kurgäste dachte.
In allen Hotels wurden Spendenlistenzum Bau der Kirche ausgelegt, die
Stadtverwaltung unterstützte die Baupläne durch die Schenkung des
Grundstücks in der Lichtenthaler Str. 74.
Laut Schenkungsvertrag blieb die Stadt Eigentümerin des Grundstückes samt Kirche.
Sie verpflichtete sich aber im Gegenzug zum Erhalt der Kirche, falls
"alle Russen einmal aus der Stadt wegziehen würden und keine
Gottesdienste mehr in der Stadt gefeiert würden".
Später, im Jahre 1893, wurden dann Grundstück und Kirche auf den Namen
der Prinzessin "Wilhelm" (Maria Maximilianowna) von Baden umgechrieben,
die den Besitz im Jahre 1905
dem russischen Staat vermachte.
Nach Ausbruch des 1. Weltkrieges wurde die Kirche geschlossen.
Das vergoldete Kupferblech des Zwiebelturms wurde als Feindvermögen beschlagnahmt und eingeschmolzen.
Nur notdürftig wurde die blaue Kuppel mit Eisenblech eingedeckt und
blau angestrichen. Die "blaue Kuppel" blieb bis zum Jahr 1988 erhalten,
da die kleine Gemeinde nicht das Geld aufbringen konnte, um notwendige
Renovierungsarbeiten durchzuführen.
Erst Mitte der 80er Jahre konnten dann umfangreiche Renovierungsarbeiten durchgeführt werden.
Bis zur 1000 Jahresfeier der Christianisierung Russlands im Jahr 1988
wurde das Äussere der Kirche in seinen ursprünglichen Zustand wieder
hergestellt: die Fassade aus Sandstein wurde gründlich gereinigt, das
Dach wurde repariert, und schliesslich auch die Zwiebelkuppel
mit vergoldetem Kupferblech wieder hergestellt.
Die Renovierungsarbeiten erstreckten sich über fast 10 Jahre
und waren nur mit finanzieller Unterstützung deutscher Stellen möglich.
Das Gemeindeleben
Bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges fanden in der Kirche in Baden-Baden
regelmässige Gottesdienste - vor allem in den Sommermonaten - statt.Die
Kirche wurde von ständig in der Stadt lebenden Russen und Kurgästen
besucht.
Nach dem Ende des Bürgerkrieges lebten zeitweise bis zu 500 russische
Emigranten in Baden-Baden, wo es seit 1919 auch ein "Büro für
Angelegenheiten russischer Flüchtlinge" gab, das von Baron Ludwig von
Korring geleitet wurde.
Im Juni 1920 wurde zum ersten Mal in der russischen Kirche wieder ein
Gottesdienst von Priester P. Gireckij zelebriert, der aber nur kurz in
Baden-Baden blieb. 1921 trat der Kirchenverein mit Priester Michail
Stefirza in Kontakt, der im russischen Kriegsgefangenenlager bei
Cottbus lebte. Nach seiner Entlassung traf Stefirza im März 1921 in
Baden-Baden ein und nahm sofort die Gottesdienste auf.
Vater Michail betreute die Gemeinde bis zu seinem Tode im Jahr 1979.
Im Gegensatz zu anderen russischen Kirchen in Deutschland wurde das
kirchliche Leben in Baden-Baden nie unterbrochen. Zur Gemeinde gehörten
zunächst über 100 Personen. Unter den rusischen Familien befanden sich
auch solche die mitsamt
ihren Familien aus Russland geflüchtet waren, doch auch völllig
verarmte und mittellose Emigranten,
die nur ihr Leben haben retten können.
Die Gemeinde schmolz rasch zusammen: Inflation und Wirtschaftskrise
führten zur Auswanderung nach Frankreich und Belgien, wo es in der
Kohle- und Eisenindustrie Arbeitsplätze gab.
So blieben nur wenige Familien in Baden-Bden zurück, insgesamt etwa 50 Personen.
Nach dem Ende des 2. Weltkrieges veränderte sich die kirchliche
Situation der nun französischen Besatzungszone von Baden-Württemberg.
War die Baden-Badener Gemeinde über Jahrzehnte die einzige russische
Gemeinde gewesen, so lebten hier nach 1945 fast 20.000 Flüchtlinge aus
der Sowjetunion.
In zahlreichen Flüchtlingslagern gab es nun eigene russische Kirchen,
so u.a. in Biberach, Wangen, Neutrauchburg, Leutkirchen, Wurzach,
Dettlingen, Lindau, Tuttlingen, Freiburg, Ravensburg, Friedricshafen,
Sigmaringen, Osterhofen, Ludwigshafen, Konstanz, Balingen und Saulgau.
Doch blieb die Masse der Emigranten, wie bereits nach dem 1. Weltkrieg, nur wenige Jahre in Deutschland.
Die meisten Flüchtlinge wanderten in den Jahren 1948-1954 nach Übersee aus, die Kirchen wurden wieder geschlossen.
Dennoch blieben viele Famlilien zurück, die nun wieder weite Wege
auf sich nehmen mussten, um Gottesdienste zu besuchen.
Sie besuchten seitdem die Gottesdienste in den "benachbarten"
russischen Gemeinden in Baden-Baden, Heidelberg, Stuttgart, Mannheim
oder Strasbourg.
Die Betreuung der Baden-Badener Gemeinde wurde 1978 Archimandrit Mark übertragen.
Er ist Vorsteher der Gemeinde, in der noch zwei weitere Priester
zelebrieren, Erzpriester Miodrag Glisic und Priester Ewgwnij Skopinzew.
Zur Gemeinde gehören heute ausser Russen auch serbische und deutsche
Familien. Das Einzugsgebiet der Gemeinde umfasst das ganze südliche
Bundesland Baden-Württemberg, wo es seit Mitte der 60er Jahre keine
russischen Kirchen mehr gibt.