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08.06.2006
Neue Ausstellungsstücke für die fürstbischöflichen Prunkräume in Schloss Meersburg
seit 04.07.2006
Den Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg ist es in den
letzten Jahren gelungen, mehrere Objekte aus den fürstbischöflichen
Sammlungen in Meersburg aufzuspüren. Recherchen bei der Vorbereitung
der Säkularisationsausstellung in Schloss Bruchsal im Jahr 2003 ergaben
die freudige Überraschung, dass nicht alles Kunstgut der Fürstbischöfe
verloren gegangen war. Die drei neu präsentierten Kunstobjekte sind
authentische und ausgesuchte Schaustücke, die mitten in die Lebenswelt
des 18. Jahrhunderts in Schloss Meersburg führen, der ehemaligen
barocken Residenz der Fürstbischöfe von Konstanz.
Die Elfenbeingruppe mit der Geißelung Christi aus dem 17. Jahrhundert
ist seit 1741, also noch zu Lebzeiten von Damian Hugo von Schönborn
(reg. 1740-1743) in den Meersburger Inventaren verzeichnet. Sie zierte
einst die Wohnung und Gastzimmer der Fürstbischöfe in ihrer Meersburger
Residenz. Die Gruppe gehört zu den wertvollen und schönen
Kunstgegenständen, die nach den Wirren der Säkularisation aus Schloss
Meersburg in badischen Schlössern aufgestellt wurden. 1833 stand
Schloss Meersburg zum Verkauf an. Zusammen mit anderen Stücken der
Schlossausstattung wurde die Gruppe mit der Geißelung Christi nach
Schloss Favorite bei Rastatt gebracht, um die dortigen Sammlungen zu
erweitern.
Die Madonnenfigur mit Kind aus Elfenbein, die im Besitz des
Fürstbischofs Maximilian von Rodt (reg. 1775-1800) war, diente zur
privaten Andacht. Nach dem berühmten Gnadenbild von Trapani ist diese
Figur gearbeitet. Die elfenbeinerne Madonnenstatuette geriet anlässlich
der Säkularisation 1802/1803 nach Karlsruhe und konnte von den
Staatlichen Schlössern und Gärten jüngst erworben werden.
Der funkelnde Deckelpokal aus dem 18. Jahrhundert mit dem Triumph des
Bacchus gehört zu den fürstbischöflichen Sammlungsstücken der
vergnüglichen Art. Die Preziose stammt aus dem Privatbesitz des
Kardinals Franz Konrad Rodt (reg. 1750-1755). Der Wein ist zum Thema
rund um den Pokal erhoben. Der Gott des Weines und der Stifter der
Weinkultur Bacchus zieht auf einem Geißbock ein. Die ausgelassene
Szenerie auf dem elfenbeinernen Becher des Pokals ist älter als die
silberne Fassung. Turnende, reitende und den Bacchuswagen ziehende
Putten sind unter einer voll mit Trauben umlaufenden Weinlaubranke
zugange. Durch die balgenden Figuren entsteht ein lebhafter und
betörender Reigen um den Weingott. Die liegenden Geißböcke, die
traditionell als Opfertiere des Bacchus gelten, schauen sich paarweise
an und tragen das Bacchus-Fest. Der Pokal konnte ebenfalls jüngst
erworben werden.
Alle drei Objekte werden ab dem 4. Juli 2006 im ehemaligen
Porzellankabinett, in dem ein Teil der fürstbischöflichen Sammlungen
untergebracht war, präsentiert und der Öffentlichkeit zugänglich
gemacht.
Ausblick
Die Staatlichen Schlösser und Gärten sind dabei, viel versprechenden
Anhaltspunkten auf Sammlungs- oder Ausstattungsstücke aus der
ehemaligen Residenz Meersburg nachzugehen. Wir hoffen sehr, die
fürstbischöflichen Schauräume im zweiten Obergeschoss des Neuen
Schlosses weiter ergänzen und damit den Lebensbereich der Fürstbischöfe
und seiner Gäste in den nächsten Jahren mit anschaulichen Beispielen
bestücken zu können.
Dr. Carla Th. Mueller
Konservatorin der Staatlichen Schlösser und Gärten BW
Ein Pokal für Meersburg
Der funkelnde Zeuge aus dem 18. Jahrhundert hat im Neuen Schloss
Meersburg nun seinen Platz gefunden. Zusammen mit weiteren
Einzelstücken, die einst die Wohnung und Gastzimmer der Konstanzer
Fürstbischöfe in ihrer Meersburger Residenz zierten, wird der in Silber
gefasste Elfenbeindeckelpokal im Porzellankabinett gezeigt. Mit Bacchus
und zwei Genien als silberne Deckelbekrönung, den vier silbernen Füßen
in Form von Geißböcken und dem belebten Puttenreigen unter einer Ranke
mit reifen Weintrauben in Elfenbein verströmt die Goldschmiedearbeit
reichlich Frohsinn und Freude.
Der Wein ist zum Thema rund um den Pokal erhoben. Dargestellt ist ein
Bacchanal. Oben auf dem Deckel zieht der Gott des Weines und Stifter
der Weinkultur Bacchus auf einem Geißbock ein. Er bringt die Frucht des
Weinstocks herbei. Der Geißbock gilt traditionell als Opfertier des
Bacchus und erscheint deswegen häufig im Gefolge des römischen Gottes.
Sein eigentliches Attribut, den Thyrsosstab mit einem Pinienzapfen als
Abschluss, trägt ein ihn begleitender, vorwärts drängender Knabe zu
seiner Linken. Der Triangel spielende, zweite Knabe tanzt freudig auf
der anderen Seite und der helle Klang des metallenen Instruments mag
für den einen oder andern durch die Figur gar zum Klingen gebracht
werden. Auf dem Deckelgrund wogen Rocaille-Ornamente und dazwischen
gestreute Weintrauben.
Die ausgelassene Szenerie auf dem elfenbeinernen Becher des Pokals ist
älter als die silberne Fassung und wohl in zweiter Verwendung
verarbeitet. Der Triumph des Bacchus wird als Kinderbacchanal gezeigt.
Turnende, reitende und den Bacchuswagen ziehende Putten sind unter
einer voll mit Trauben umlaufenden Weinlaubranke zugange. Auf einem
Löwen sitzend, hält ein Putto dem symbolischen Bacchus-Tier das Maul
auf, während er sich gleichzeitig in den Haaren des folgenden Putto
festhält. Nach oben gereckt, greifen andere nach reifen Trauben oder
der Halt gebenden Ranke. Durch die balgenden Figuren entsteht ein
lebhafter und betörender Reigen um den Weingott. Die liegenden
Geißböcke schauen sich paarweise an, ruhen und tragen das Bachus-Fest.
Die Preziose stammt aus der Privatsammlung des Konstanzer Fürstbischofs
und Kardinals Konrad von Rodt (1706-1775), der ab 1750 als weltlicher
und geistlicher Herrscher regierte. Seit der Zeit, als Rodt mit
Unterstützung des kaiserlichen Hofs am 9. November 1750 zum Bischof von
Konstanz gewählt worden war, kaufte er regelmäßig bei den Augsburger
Silberschmieden. Am 5. April 1756 erfolgte Rodts Ernennung zum Kardinal
und bald darauf verlieh ihm Kaiserin Maria Theresia zur Verbesserung
seines Finanzhaushalts mehrere Einkünfte, v. a. aus Abteien.
Ab 1760 sind Erwerbungen bei dem Augsburger Goldschmied Johann Jakob
Adam (um 1720-1791) belegt, der dabei auch altes Silber zu renovieren
hatte. Zwischen 1765 und 1767 fertigte Adam den zweiten Elfenbeinpokal
für Rodt, der sich seit geraumer Zeit im Eigentum des Landes
Baden-Württemberg befindet, während der erste Pokal nicht überkommen
ist.
Sucht wer im Schloss nach vergleichbaren Themen, wird er im großen
Festsaal fündig. Im Deckenfresko, 1762 von Guiseppe Appiani fertig
gestellt, regiert die göttliche Vorsehung. An der Seeseite zeigt sich
Bacchus mit seinem rebenumwundenen und mit einem Pinienzapfen besetzten
Thyrosstab und einem Kantharos (Trinkgefäß für Wein) in Händen als
allegorische Darstellung des Herbstes. Flora, die Darstellung des
Frühlings, mit Blütengirlanden und Ceres, der Sommer, mit Kornähren
abgebildet, liegen in seiner Nähe. Figurenreich ist sein Gefolge.
Herumtollende Putten beleben den Ausschnitt, dazu eine Fülle von
Weinranken und Trauben. Selbst der bocksfüßige Satyr Silen, ein
Mischwesen, zecht offensichtlich. Die Weinszene wird über dem Fenster
zur Seeseite mit zwei sich räkelnden Putten aus Stuck erweitert, der
eine einen Kelch hochhaltend, der andere aus einer Kürbisflasche
trinkend. Und selbst die Triangel findet sich im Festsaal unter den
zahlreichen Musikinstrumenten, die als Stuckmo tive gebündelt und
einzeln erscheinen, passenderweise zum neu präsentierten Elfenbeinpokal
im linken Bereich der Seeseite wieder.
So durchzieht das sinnliche und durchaus christliche Thema des Weines
das Neue Schloss Meersburg über den Weinbergen mit Blick auf ein
traumhaftes See- und Alpenpanorama. Das Bacchanal steigert und überhöht
somit den berühmten Weinort Meersburg und tritt besonders augenfällig
auf dem neuen Pokal und im Deckenbild des Festsaals in Erscheinung.
Text: Carla Th. Mueller
Veröffentlicht in: Schlösser Baden-Württemberg Ausgabe 3 / 2006
Elfenbeinmadonna
Die kostbare und qualitätvolle Figur aus Elfenbein ist nach dem
berühmten Gnadenbild von Trapani gefertigt. Sie stammt nachweislich aus
dem Besitz des Fürstbischofs Maximilian Christoph von Rodt im Neuen
Schloss in Meersburg und diente zur privaten Andacht des hohen
geistlichen Würdenträgers. Den vorhandenen Marken gemäß fertigte der
bekannte und an der Pariser Akademie ausgebildete Bildhauer,
„Wachsbossierer“ (ein Wachsbildhauer) und Goldschmied Joseph Benedikt
Curiger der Ältere (1754-1816/19) in Einsiedeln die Figur um 1780.
Die Madonnenstatuette ist als authentisches Schaustück und als
didaktisches Element für das Leben am fürstbischöflichen Hof von
tragender und aussagekräftiger Bedeutung und soll deswegen in ihrer
Funktion als exemplarischer Andachtsfigur in die heute öffentliche
Sammlung der fürstbischöflichen Appartements in das Neue Schloss
Meersburg zurückkehren. Die elfenbeinerne Madonnenfigur geriet
anlässlich der Säkularisation 1802/1803 in den Besitz des Hauses Baden.
Text: Carla Th.Mueller
Geißelungsgruppe
Die Geißelungsgruppe aus Elfenbein zeigt Christus an der Geißelsäule
mit zwei geißelnden Schergen. Im Sockelbereich sind die Reliefs mit der
Dornenkrönung, Kreuztragung und Kreuzigung eingepasst. Die Arbeit wurde
im 2. Viertel des 17. Jahrhunderts gefertigt.
Das Kunstwerk ist seit 1741 in den Inventaren des Meersburger Schlosses
verzeichnet. Die Gruppe gehört zu den wertvollen Kunstgegenständen, die
nach der Säkularisation aus Schloss Meersburg entfernt wurden und in
badische Schlösser kamen. 1833 stand Schloss Meersburg zum Verkauf an.
Zusammen mit anderen Stücken der Schlossausstattung wurde die
Geißelungsgruppe 1833 nach Schloss Favorite bei Rastatt gebracht, um
die dortigen Sammlungen zu erweitern.
Text: Carla Th.Mueller
Was ist Elfenbein?
Elfenbein gehört zu den edelsten, kostbarsten und faszinierendsten
Materialien. Seit der Steinzeit dient es zur Herstellung von
Kunstgegenständen und Kultfiguren. Gründe für seine ununterbrochenen
Beliebtheit liegen in seiner Dauerhaftigkeit, guten Verarbeitbarkeit
und der geheimnisvollen Aura des Elefanten, der diesen Rohstoff mit
seinen Stoßzähnen liefert. Der Elefant galt immer als magisches Tier
und einem Becher aus seinem Stoßzahn wurde die Macht nachgesagt, jedes
Gift zu neutralisieren. Sein matter Glanz und seine an die menschliche
Haut erinnernde schimmernde Farbe machte Elfenbein zu einem idealen
Material für die Darstellung des menschlichen Körpers.
Verarbeitetes Elfenbein reagiert empfindlich auf allzu große
Schwankungen der Luftfeuchtigkeit. Es können sich Risse bilden oder
Teile abplatzen. Um diese Gefahr zu verhindern, wurde für die kostbaren
Elfenbeinarbeiten im Neuen Schloss Meersburg eine spezielle
klimatisierbare Vitrine konzipiert, die die Luft im Inneren auf ca. 50%
relative Feuchtigkeit hält. Die Stücke waren in so gutem Zustand, dass
sie von den SSG-Fachrestauratoren des Badischen Generaldepots nur
oberflächlich behandelt werden mussten.
Werner Hiller-König
Leiter der Restaurierungswerkstätten der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg
Presse- und Medienservice der Staatlichen Schlösser und Gärten
beim Staatsanzeiger-Verlag
Breitscheidstr. 69
70176 Stuttgart
Tel: 0711/6 66 01 38
Fax: 0711/ 6 66 01 86
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Neues Schloss Meersburg
Öffnungszeiten:
Sommer (bis 31. Oktober):
Mo–Fr 10–13 und 14–18 Uhr
Sa, So, Fei 10–17 Uhr
Führungen, Anmeldung für Gruppen:
Meersburg Tourismus Tel. 07532. 4404400
www.meersburg.de www.schloesser-magazin.de
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