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06.05.2005
Brückenschlag zu Silbermann
von Christian-Markus Raiser, Kantor und Organist an der Ev. Stadtkirche
Karlsruhe: Bei meinem Amtsantritt an der Stadtkirche 1996 war von einer
neuen
Orgel noch keine Rede. Zur Verfügung stand die Steinmeyer-Orgel von
1958, die bei mir zunächst einen zwiespältigen Eindruck hinterließ. Was
soll ein Organist mit einem solchen Instrument, wenn er französischen
Barock liebt und alte Musik wie die von Frescobaldi und Bull gerne
spielt?
Aber es war Liebe auf den zweiten Blick: Denn die Firma Steinmeyer
griff beim Orgelneubau 1957/58 zwar den symphonisch-romantischen
Klangcharakter ihrer Vorgängerorgel wieder auf, gab ihr aber
gleichzeitig eine "zweite Klangsprache", nämlich die der Orgelbewegung
mit ihrer neobarocken Ausrichtung. So kann man, wenn man bei der eher
romantischen Seite bleibt, wunderbar deutsche und auch französische
Romantik auf dem Instrument darstellen. Nimmt man die andere
"Klangseite", so kann man auch Bach adäquat spielen.
Diese Beobachtungen veranlassten uns bei der Überlegung über die
Zukunft der Steinmeyer-Orgel dazu, die Klangsprache zu lassen wie sie
ist und nur die Teile zu sanieren, die altersbedingt erneuert werden
müssen. Ein einziges neues Register kommt hinzu, die Gambe 8' im
Schwellwerk, da die Streicher doch deutlich unterrepräsentiert sind.
Hinzu kommt auch eine externe Setzeranlage, mit der Klangkombinationen
vorprogrammiert werden können; ein Orgelcomputer sozusagen, der bei
einer Orgel dieser Größenordnung unverzichtbar für den Konzertbetrieb
ist. Auch lassen sich Registrierfehler mit einer Setzeranlage
minimieren. Extern deshalb, weil wir nicht in den Bau des Spieltischs
eingreifen wollten.
In großartiger Zusammenarbeit mit dem Orgelsachverständigen der
Landeskirche, Dr. Martin Kares und dem Orgelbauer, Karl Göckel, der die
Firma Steinmeyer übernommen hat, konnte eine Konzeption entwickelt
werden, mit der die große Orgel in ihrer Gestalt erhalten wird.
Ergänzende Möglichkeiten kommen nun in einem zweiten Instrument zum
Ausdruck: der neuen Chororgel. Sie sollte nicht nur als "kleine
Schwester" der großen Orgel im Altarraum stehen, sondern eine völlig
eigene Klangsprache bekommen und neue Möglichkeiten beim Musizieren in
der Stadtkirche schaffen. So ist sie natürlich zunächst wunderbar bei
Trauungen oder kleineren Gottesdiensten einzusetzen, da Organist und
Liturg endlich Blickkontakt haben können; sie kann aber auch bei
Konzerten mit Chor und Orgel zum Einsatz kommen.
Das wichtigste Element des neuen Instrumentes ist aber die besonders
charaktervolle Klanglichkeit, die die Orgeln Rémy Mahlers auszeichnen.
So schlägt das Instrument in ihrem Klang und ihrer Bauweise eine Brücke
zurück zur ersten Orgel der Stadtkirche, dem Instrument Andreas
Silbermanns, ist aber weit davon entfernt, eine Silbermann-Kopie zu
sein. Auch hier zeigte sich das Geschick der Beteiligten, die in
unermüdlichem Einsatz mit dem Orgelbauer diskutierten und verbesserten,
um klanglich, technisch und architektonisch die optimale Lösung für die
Stadtkirche zu finden.
Glücklich kann auch der Umstand bezeichnet werden, dass der
Architekt, der den Wiederaufbau der Stadtkirche plante, Prof. Dr. Horst
Linde, um Rat und Meinung gefragt werden konnte, und dieser spontan
seiner Begeisterung Ausdruck verlieh. Stilistisch sind nun auch die
eingangs erwähnten Spezialgebiete der Orgelliteratur auf wunderbare
Weise darstellbar.
Als Organist kann man sich nichts Schöneres wünschen als Herr über zwei
solch wertvolle Instrumente zu sein. Ganz herzlicher und großer Dank
gebührt allen Ehrenamtlichen, die durch unermüdlichen Einsatz die
Orgelplanungen Realität werden ließen; allen „Paten“ von Orgelpfeifen,
allen Spendern und Sponsoren! Ohne dieses großartige Zusammenwirken
wären wir nicht so schnell unserem Ziel so nahe gekommen, die
unterschiedlichsten Orgelklänge „im Herzen der Stadt“ erklingen zu
lassen!
Christian-Markus Raiser, Kantor und Organist an der Ev. Stadtkirche Karlsruhe
www.stadtkirche-karlsruhe.de Die Chororgel in Karlsruhe
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