Hans Hauser: Ein "westisch-fälischer Arier" - Die Absurdität der Rassentheorie.
Quelle: "Der verbrannte Traum" von Angelika Schindler,
Jüdische Bürger und Gäste in Baden-Baden, Elster Verlag, copyright 1992
Hans Hauser, Sohn des renommierten Baden-Badenener Rechtsanwalts Hugo
Hauser, schrieb mir in einem seiner Briefe: "Ich bin nicht ein Prototyp
eines deutschen Juden, weil ich ein jüdischer Deutscher bin und war -
und so war das auch mit meinem Vater. Ich kann für niemanden anderes
sprechen. Ja, ich bin - oder zumindest ich war - anders und kein gutes
Beispiel für Ihre Nachforschungen."
Als wir uns einige Wochen später in Stuttgart trafen, sass vor mir ein
schlanker, braungebrannter, gutaussehender Herr, in Turnschuhen und
Shorts, dem man seine 78 Jahre nicht ansah - dem man im dritten Reich,
wie er hervorhob, seine jüdische Herkunft nicht angesehen hatte: Hans
Hauser machte in seiner Jugend im nationalsozialistischen Deutschland
immer wieder die Erfahrung, dass er als "Arier" eingestuft wurde.
Während seines Jurastudium in Freiburg, das er als Sohn eines
kriegsverletzten Frontkämpfers auch nach 1933 fortsetzen durfte, wurde
ihm seine "arische Abstammung" sogar "wissenschaftlich" bescheinigt: Im
Wintersemester 1934-35 besuchte Hans Hauser die Pflichtveranstaltung
"Rassenkunde", freitags bei Professor Packheiser. Gemäß der
nationalistischen Rassentheorie wurde in diesem Seminar ausführlich die
"arische Rasse" in ihrer "ostischen, nordischen, fälischen und
westischen Ausprägung" behandelt.
Eingegangen wurde auf Knochenstruktur, Hautgewebe, Kopfform, etc.
Während der letzten Sitzung bot der Professor Freiwilligen aus dem
Seminar an, ihre "arische" Abstammung zu analysieren. Im Gegensatz zu
dem Seminarleiter wussten einige befreundete Komilitonen von Hans
Hausers jüdische Herkunft und drängten ihn, sich diesem Test zu
unterziehen. Er wurde daraufhin eingehend untersucht und als
"westisch-fälischer Arier" eingestuft. In den folgenden Tagen wurde das
Testergebnis öffnetlich bekannt gemacht. Hans Hauser entdeckte sein
Foto am Nachrichtenbrett beim Haupteingang, als Bespiel für den
Prototyp des "westisch-fälischen Ariers".
Für seine Freunde bedeutete der Vorfall einen Heidenspass, er selbst
empfand eine "innere Befriedigung, offiziell als Deutscher anerkannt
worden zu sein." Hans Hauser fühlte sich seinem deutschen Vaterland so sehr verbunden,
dass er sich während des Studiums im Januar 1933 freiwillig zum
Arbeitsdienst meldete, das auch für einen nichtjüdischen Sohn "aus
gutem Hause" und angehenden Juristen nicht unbedingt selbstverständlich
war. In einer Gruppe von 20 jungen Leuten, deren Aufgabe es war,
Strassen zu verbessern, fühlte er sich vollkommen integriert. Sein
Einsatz war allerdings nicht von langer Dauer. Bald nach der
Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde ihm mitgeteilt, dass seine
Mitarbeit aufgrund seiner jüdischen Herkunft unerwünscht sei.
Als Jude wurde Hans Hauser 1935 nicht zum Referendarsexamen zugelassen.
Er versuchte trotzdem, eine Ausnahme durchzusetzen, und wandte sich
direkt an den Reichjustizminister mit einem Schreiben, in dem er seine
nationale Gesinnung unter Beweis zu stellen versuchte: In seinem Brief
vom 16.7.1935 argumentierte er folgendermassen:
"Ich bitte um ausnahmsweise Bewilligung der Zulassung zum Examen aus folgenden Gründen:
1.
Mein Vater ist Frontkämpfer und schwerverletzt. Meine Vorfahren wohnen
seit unvordenklicher Zeit in Deutschland; schon mein im Jahre 1783
geborener Urgrossvater lebte in Rust (Baden).
2.
Ich selbst habe mich im Rahmen des Möglichen bemüht, alle Bedingungen
zu erfüllen, die gestellt werden; so habe ich mich im Januar 1933 zum
freiwilligen Arbeitsdienst gemeldet und war auch dort einige Zeit
tätig, musste aber dann nach Erlass der neuen Gesetze zurücktreten.
Meine Gesinnung kann daraus entnommen werden, dass ich seit Jahren dem
Verband nationaldeutscher Juden angehöre. Ausserdem besitze ich schon
lange das deutsche Reichssportabzeichen.
3.
Wenn ich Gewicht darauf lege, das erste und zweite juristische Examen
zu machen, so geschieht das ausschliesslich deshalb, weil mein Wunsch
dahin geht, meinem Vater, der 55 Jahre alt ist, später in seinem
Anwaltsberufe zu unterstützen und zu ersetzen, da seine Arbeitskraft
auch mit Rücksicht auf die Kriegsverwundung nur noch beschränkte Zeit
andauern kann.
Der nationalsozialisistische Staat liess sich von einer solchen
Argumentation nicht beeindrucken. Zwar hat Hitler zunächst noch bei der
Zulassung von jüdischen Beamten und Rechtsanwälten Ausnahmen für
Frontkämpfer gemacht - in der irrigen Annahme, dass es sich dabei nicht
um eine grosse Zahl handeln könne. 1935 korrigierte er diese Politik
aber dahingehend, dass auch ehemalige Frontkämpfer falls sie Beamte
waren, mit einem Berufsverbot belegt wurden.
Wie für so viele deutsche Juden, die sich mit ihrem Vaterland
identifizierten, war es für Hans Hauser unvorstellbar, dass gegen das
nationalsozialistische Konzept des "Rassejuden" nichts auszurichten war.
Die Verherrlichung von Deutschtum und soldatischen Tugenden durch das
Nationalsozialistische hatten bei vielen die Illussion gefördert,
jüdische Patrioten und Frontsoldaten könnten in diese Hochschätzung
eingeschlossen sein. Aber Juden mit nationaler Gesinnung" wurden von
der NSDAP noch schärfer abgelehnt als solche, die für das Reich weniger
Loyalität bezeugten. Der Patriotismus der "nationaldeutschen" Juden
wurde von den Nationlsozialisten als "krankhaft anmutende und plumpe
Anbiederung" verhöhnt.
Bezeichnenderweise wurden die jüdischen Organisationen, die den
Schwerpunkt auf ihr Deutschtum legten, stärker bekämpft als
zionistische Vereine und Verbände. Letztere bereiteten ihre Mitglieder
auf die Auswanderung nach Palästina vor, welche - unter dem Druck der
nationalistischen Diktatur - zu einem konkretem Ziel geworden war und
von der NSDAP gefördert wurde. Der Verband nationaldeutscher Juden, dem
Hans Hauser angehörte, wurde bereits im Herbst 1935 verboten.
Da Hausers Eingabe keinen Erfolg hatte, begann er eine neue
sechsmonatige Ausbildung zum Sportlehrer an der jüdischen Sportschule
Bloch in Stuttgart. Vom 1.1.1937 bis 30.7.1938 gabe er Sportunterricht
an zwei jüdischen Schulen in Wiesbaden und Mainz und bei dem jüdischem
Sportverein "Schild" in den beiden Städten. Im Mai 1933 waren die
bestehen Sportgruppen des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten zum
"Schild-Sportbund des RJF" zusammengefasst worden. Er trat in
Konkurrenz zu der zionistischen Sportorganisation "Deutscher
Makkabikreis". Hans Hauser charakterisiert den "Schild"
folgendermassen: "Der Schild war noch richtig deutsch, die Mitglieder
waren noch stolz darauf, deutsch zu sein".
Als der Sportverein 1938 seine Tätigkeit einstellen musste, kehrte Hans
Hauser nach Baden-Baden zurück. Er lebte bei seinen Eltern, sein Vater
arbeitete noch als einziger jüdischer Rechtsanwalt in Baden-Baden. Die
Arbeitslosigkeit füllte Hans Hauser mit ehrenamtlichen Tätigkeiten aus.
Für 15 jüdische Mädchen und Jungen am Ort organisierte er Ausflüge und
Sportunterricht und mietete zeitweise eine Kegelbahn in der
Büttenstrasse.
Auch das Novemberpogrom erlebte er in Baden-Baden. Er wurde am 10.11.1938
von zu Hause, sein Vater aus der Praxis abgeholt. Von seiner Mutter
erfuhr er später, welche Ängste die jüdischen Mütter und Ehefrauen an
diesem Tag ausgestanden hatten.
Sie konnten nicht wissen, ob ihre Männer und Söhne in der brennenden
Synagoge waren. Frau Hauser hatte im Verlauf des Nachmittags in
Erfahrung bringen können, dass Sohn und Ehemann zum Bahnhof geführt
wurden. Dort steckten sie den beiden einen Rucksack zu, deren Inhalt -
"ein Fläschle Kirschwasser, Schwarzwälder Speck, Brot" - sie auf der
Zugfahrt ins Ungewisse nach Dachau mit Galgenhumor zu sich nahmen. Sie
sassen in vier Waggons, die den zumeist älteren Männern beim Ein- und
Aussteigen Schwierigkeiten bereiteten. Für Hans Hauser war es kein
Problem, aus dem hohen Wagen zu springen, doch als er den alten Leuten
behilflich war, wurde er von SS Leuten mehrfach geschlagen.
In Dachau wurde Hans Hauser in Block 18 zusammen mit 800 Männern
untergebracht, er selbst wurde nicht misshandelt, und die tägliche
Demütigungen - auch in Form von unzähligen Kniebeugen in eisiger
Novemberkälte - konnten ihm als jungem Sportllehrer nichts anhaben.
Als der Blockwart auf seine sportlichen Fähigkeiten aufmerksam wurde,
verpflichtete er Hans Hauser an seiner Stelle, mit den Häftlingen Sport
zu treiben. Herr Hauser nutzte diese Aufgabe, um die alten Männer zu
schonen. In einer entfernten Ecke liess er sie langsam gehen, Lieder
singen . . . nur wenn sich ein Aufseher zeigte, schlug er einen anderen
Ton an und verschärfte das Tempo.
Erst nach Entlassung aus Dachau am 9.12.1938 beschlossen Hausers
Deutschland zu verlassen - "vorher hatten wir nie emigirieren wollen,
wir lebten in einer Traumwelt". Als Auswanderungsland kamen die USA in
Frage, wo eine Tante der Familie lebte. Um ihr nicht zur Last zu
fallen, sollte zunächst nur der Sohn auswandern. Für seine Eltern hatte
diese Rücksichtsnahme fatale Folgen.
Am 13.4.1939 emigirierte Hans Hauser über England in die USA. 1940 trat
er in die amerikanische Armee ein. Seine Eltern wurden im Oktober 1940
in das Lager Gurs in den Pyrenäen verschleppt. Hans Hauser, der schon
immer ungewöhnliche Wege eingeschlagen hatte, wandte sich an die Frau
des Präsidenten Roosevelt mit der Bitte um ein Einreisevisum für seine
Eltern. Zwei Wochen später erhielt er ein Telegramm, in dem ihm zwei
Visa zugesichert wurden. Für seine Eltern war es jedoch zu spät. Es
gelang ihnen nicht mehr rechtzeitig, ein Schiffspassage zu bekommen.
Sie wurden in Ausschwitz vergast.
Hans Hauser sollte seine Heimatstadt bereits 1945 bei Kriegsende
wiedersehen. Mit der 76. Infanteriedivision hatte er den Rhein bei
Echternach überschritten. Als sein Divisionskommandeur von der
Besetzung Baden-Badens durch die Franzosen hörte, bekam Herr Hauser
einen Jeep und zwei Wochen Urlaub, um die Lage zu erkunden. In
Baden-Baden wurde er auf der Strasse wiedererkannt und schon am zweiten
Tag seines Aufenthalts suchte ihn eine Delegation Baden-Badener Bürger
in seinem Hotel auf.
Herren im Gehrock und Zylinder boten ihm den
Posten des Oberbürgemeisters an. Hans Hauser lehnte ab. Er vermutet
heute, dass die Baden-Badener unter dem Eindruck der französischen
Besatzung hofften, mit einem Oberbürgermeister, der Jude und
Angehöriger der US Streitkräfte war, sich einen gewissen Schutz sichern
zu können.
Hans Hauser lebt heute in Kalifornien. Nach seiner Entlassung aus der
Armee arbeitete er bis zu seiner Pensionierung in der
Nachrichtenabteilung des Verteidigungsministeriums bei San Francisco.
Quelle: "Der verbrannte Traum" von Angelika Schindler,
Jüdische Bürger und Gäste in Baden-Baden, Elster Verlag, copyright 1992.