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21.03.2005
Der Kardinal Rohan und das Halsband - Straßburg



Überreich war das 18. Jahrhundert an erfolgreichen, merkwürdigen, extravaganten und originellen Persönlichkeiten, besonders auch unter der hohen Geistlichkeit. Denken wir nur an die bedeutende Karriere der Schönborn, deren grandioser Aufstieg zu den höchsten Würden des Reichs, ja bis zur Reichunmittelbarkeit führte.

Eine ähnliche Stellung nahmen die Rohan auf dem fürstbischöflichen Stuhl zu Straßburg ein. Allerdings können sie sich mit den Schönborn nicht messen. Während diese wirlich in die grosse Politik einzugreifen imstande waren, ist dies den Rohan versagt geblieben, da alle politischen Entscheidungen ersten Ranges im Kabinett des Königs von Frankreich zu Versailles getroffen wurden. Vier Herren des Hauses folgten einander zwischen 1704 und 1790 auf den Straßburger Bischofsthron: Armand Gaston Prince de Rohan-Soubise, der das Straßburger Palais baute, Armand Auguste Prince de Rohan-Soubise-Ventadour, Louis Constant Prince de Rohan-Guéméné, der "Grosse Kardinal" und als letzter Louis René Prince de Rohan-Guéméné, der das Zaberner Schloss baute und 1790 vor der Revolution ins badische Ettenheim, das zum Bistum gehörte, flüchten musste.

Das Jahrhundert neigte sich dem Ende zu. Die Grossen, deren Namen Europa begeisterten, Maria Therasia und Friedrich II. von Preußen, waren tot. Die Menschen spürten, dass eine Epoche zu Ende ging, dass die Szene sich rasch veränderte, dass etwas unheimliches in der Luft lag. Sensationen und Gerüchten war man mehr als bisher ausgeliefert. Hinter ihnen traten die wichtigsten Ereignisse zurück. Friedrichs des Grossen Tod zum Beispiel wurde kaum so beachtet wie der neueste Skandal in Paris, in dem die Königin Marie Antoinette verwickelt war und mit dem es sich so verhielt.

Es war gewiss nicht leicht, für einen geistlichen Fürsten in Frankreich, zwei Herren zu dienen: dem Papst und dem Monarchen und es war sicherlich ebenso schwer, als Landesherr und Reichsfürst in Deutschland in der einen Hand das Schwert und in der anderen das Kreuz zu halten, aber dennoch gibt es in der Reihe der Kirchenfürsten in beiden Ländern mehr eindrucksvolle Gestalten als man gemeinhin glaubt. Zu diesen allerdings gehört der, von dem hier die Rede ist, Louis René Prince de Rohan, nicht. Doch muss man billigerweise zugeben, dass in der prekären Lage, in die er geriet, auch festere Naturen gescheitert wären.

Es begann damit, dass der Kardinal-Fürstbischof und Grossalmosenier von Frankreich, Louis René Prince de Rohan, durch eine Indiskretion, die dem Ansehen der unbeliebten Königin sehr schadete, bei Hofe in Ungnade gefallen war.

Alle Anstrengungen des Kardinals, sich zu rechtfertigen, waren gescheitert, man wünschte ihn in Paris nicht mehr zu sehen. Er sah sich aus der Hauptstadt nach Straßburg verbannt, wohin er ja auch als Bischof gehörte, und hier oder in Zabern hielt er Hof. Louis René Prince de Rohan war ein schöner, aber bis zur Dummheit eitler Mann. "Er sieht vortrefflich aus", berichtete die Baronin Oberkirch, "ist aber alles andere als fromm und hat eine bedenkliche Neigung zu den Frauen. Zwar voller Geist und Liebenswürdigkeit, legt er dennoch eine Leichtgläubigkeit an den Tag, die ihm schon teuer zu stehen gekommen ist. Die Worte seines Generalvikars, des Abbé Georgel, bestätigen ergänzend: "Zu seinem guten Aussehen und zum Zauber jugendlicher Züge verfügt er nicht allein über die Gabe der Beredsamkeit im allgemeinen, sondern, im besonderen auch über die Kunst der Überredung."

Die Familie des Kardinals gehörte zu den vornehmstem Fankreichs.
Diesem Rang entsprechend führet Louis René einen glänzenden Hofhalt, eigedenk der Devise des Hauses. "Roi ne pus, Duc ne daigne, Rohan suis" (König kann ich nicht, Herzog will ich nicht, Rohna bin ich). Georgel berichtet in seinen Erinnerungen:

In dem beinah königlich zu nennenden Palais in Zabern des Kardinals Rohan zählt man 700 Betten, 180 Pferde, 14 Maitres d'Hotel, 25 Kammerdiener.

Die ganzre Provinz kommt fort zusammen. Manchmal gibt der Kardinal 200 Gästen samt Dienerschaft Wohnung. Jederzeit findet man bei ihm 20-30 liebenswürdige Damen der Provinz. Diese Zahl wird oft erhöht durch den Besuch von Damen des Hofes oder Pariserinnen. Des Abends um 9 Uhr wird supiert und das gleicht immer einem Fest. Der Kardinal selbst ist dessen schönster Schmuck, er ist schön, gewählt gekleidet, galant und von ausgesuchter Höflichkeit . . .

In dieser Zeit traf der berühmte Magier Graf Cagliostro mit seiner Freundin Serafina in Straßburg ein, der Kardinal lud ihn sogleich zu sich und fiel sofort auf den Schwindler herein. "Ihre Seele", erklärte Cagliostro eines Tages dem Fürsten, "ist meiner würdig. Sie verdienen es, Mitwisser aller meiner Geheimnisse zu sein."

Dem in Versailles so wenig geschätzten Kardinal lag alles dran, wieder in Gnaden angenommen zu werden. Einer seiner ehemaligen Geliebten, eine Gräfin de la Motte-Valois behauptete, ihn mit der Königin versöhnen zu können, hatte aber nur die Absicht, den leichtgläubigen Kardinal für ihre eigenen Zwecke auszunutzen.
So kam es zu der berüchtigten Halsbandaffaire.

Frau de la Motte wusste, dass die Hofjuweliere Böhmer und Bassenge in Paris ein herrliches Diamanthalsband im Wert von 1.600.000 Livres besassen, das Ludwig XV. einst für die Dubarry bestimmt hatte. Die la Motte machte nun dem Kardinal weis, dass die Königin entzückt sein würde, diesen Schmuck zu besitzen, sie habe aber das Geld nicht und würde sich glücklich schätzen, ihn aus der Hand des Kardinals zu empfangen, wenn dieser in Vorlage treten würde.

Gegen eine Anzahlung würde ihm der Schmuck übegeben. Die la Motte stellte dem Kardinal eine Audienz bei der Königin in Aussicht; er solle sich zu einer bestimmten Nachtstunde, es war im August 1784, in den Gärten von Versailles einfinden.

Dort werde er die Königin sprechen und Verzeihung erlangen. Die Begegnung fand im "Boskett der Venus" statt. Nur erschien anstatt der Königin, die von nichts wusste, eine tief verschleierte Vertraute der la Motte. Der Kardinal glaubte die Worter zu vernehmen, dass ihm verzeiehen sei. Er übergab das Halsband der la Motte, die sogleich ihrem Mann mit einem teil der kostbaren Steine nach London schickte.

Als die Juweliere nach längerer Zeit immer noch kein Geld sahen, wandten sie sich an den Hof. Der Schwindel wurde offenbar. Marie Antoinette war ausser sich vor Zorn und Ludwig XVI. musste einschreiten.

Im August 1785 wurde der Kardinal nach Versailles befohlen. Man legte ihm in Gegenwart des Königs den Bericht Böhmers und Bessange vor, und der unglückliche Fürst erkannte, dass er das Opfer eines gross angelegten Betrugs geworden war.


Seine Festnahme erfolgte vor versammeltem Hof, doch gelang es ihm noch, den Abbé georgel zu benachrichtigen, er sollte alle Papiere vernichten. Daher lag im folgenden Prozess kein Beweismaterial vor. Rohan kam aber in die Bastille, wo bald darauf auch Frau de la Motte eingeliefert wurde, die alle Schuld den Machenschaften Cagliostros gab, der zwar damals Rohan Vertrauter in Zabern war, die doch ebefalls nun zu den Düpierten gehörte. Er wurde zwar auc hzunächst festgesetzt, später aber wieder freigelassen.

Damals schrieb Marie Antoinette ihrem kaiserlichen Bruder nach Wien:
"Sie werden schon, mein lieber Bruder, von der Katastrophe des Kardinals Rohan gehört haben . . .Der Kardinal hat in meinem Namen auf Grund einer Unterschrift, die er für die meinige hielt, ein Diamantcollier für 1.600.000 Francs gekauft. Er behauptet, durch eine Mme. Valois de la Motte getäuscht worden zu sein. Diese Intrigantin von niedriger Herkunft hat niemals nach hier gehört oder hat jemals Zugang zu mir gefunden. Sie ist seit 2 Tagen in der Bastille und obgleich sie beim ersten Verhör zugegeben hat, mit dem Kardinal viele Beziehungen gehabt zu haben, leugnet sie standhaft, irgend am Handel des Halsbandes beteiligt zu sein. Die Artikel der Abmachung für den Kauf sind tatsächlich von der Hand des Kardinals geschrieben zur Seite eines jeden ist das Wort "approuvé" von der gleichen Handschrift, die auch zum Schluss mit Marie Antoinette de France unterschrieben hat. Man nimmt an, dass die unterschrift von der besagten Valois de la Motte stammt, denn man hat die Schrift mit den Briefen verglichen, die bestimmt von ihrer Hand sind. Man hat sich keinerlei Mühe gegeben, meine Schrift zu fälschen, da diese jener in keiner Weise ähnelt, und ich habe niemals de France gezeichnet..."

Friedrich der grosse soll zu Beginn des Prozesses gesagt haben, der Kardinal werde alle Geisteskräfte aufwenden müssen, um seine Richter zu überzeugen, dass er wirklich ein solcher Tölpel gewesen sei, wie er sich den Anschein gegeben habe. Tatsächlich wurde er freigesprochen und wiederrum nach Straßburg verbannt, während La Motte öffentlich ausgepeitscht, gebrandmarkt und in das Gefängnis Salpétrière gebracht wurde, von wo sie später entfloh.

Der Halsbandprozess ist nicht nur eine Katastrophe für den Kardinal gewesen, sondern mehr noch für die Monarchie. Man stand am Vorabend der Revolution, und man kann sich denken, welchen Auftrieb der Prozess den unzufriedenen Elementen, den Revolutionären gegeben hat, denn es war ja nicht der Prozess allein, der die gemüter erregte, ews war das Regierungssystem, dass man vor allem in den Kreisen der Intellektuellen hasste, und das durch diese Vorgänge schwer erschüttert wurde.

"Welch ein grosses und vielverheissendes Ereignis", rief einer der Frondeure im Parlament voller Freude aus. "Ein Kardinal als Gauner entlarvt! Die Königin in einen Skandalprozess verwickelt! Welcher Schmutz an einem Bischofsstab und dem Szepter. Welch ein Triumph für die Idee der Freiheit!"

So törricht diese Worte sein mögen, denn es war ja klargestellt, dass die Königin nichts mit der Sache zu tun hatte und dass der Kardinal das Opfer seines sträflichen Leichtsinns und Ehrgeizes geworden war, aber man nutzte jetzt eben die Situation aus, um der Monarchie den Todesstoss geben zu können.

In den Augen der Masse stand die Königin als Schuldige dar, und auf der Strasse, in den Bostros sang man Spottlieder auf Marie Antoinette und auf ihre um ein Halsband käuflicher Tugend. Wenige Jahre später wurde sie aufs Schaffott geschleppt und die Halsbandaffaire hat an ihrem grauenvollen Schicksal grossen Anteil gehabt.

Der Kardinal, das andere Opfer, musste sein glänzendes Schloss in Zabern verlassen und über den Rhein fliehen; die um die kostbaren Steien betrogenen Juweliere in Paris aber waren gezwungen, Konkurs anzumelden.

Die Familie Rohan hat übrigens an die Erben der Juwelenhändler bis ins 20. Jahrhunderrt hinein die Schulden des Kardinals für das Halsband abbezahlt, was unseres Wissens kaum bekannt geworden ist.








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