21.03.2005
Salon der Mélanie de Pourtalès im Schloß Robertsau
Ich hatte keine Lust. Noch so ein Schloß, wo Napoleon mal übernachtet
hatte und von dem Goethe schon sagte... Ich wollte nichts wissen, was
Goethe schon gesagt hatte. Denn Goethe hatte, als er in Straßburg war,
ein Schätzchen in der Stadt und eins auf dem Lande („Es schlug mein
Herz, geschwind zu Pferde!”), und die schöne Straßburgerin, die ich
kannte, war umgezogen auf die andere Seite des Rheins, hängte Gardinen
an die Fenster und hatte Kehrwoche.
Was sollte ich also in Straßburg? Nein, ich hatte einfach keine Lust.
Als ich dann endlich trotzdem um die Ecke bog, standen die
Schloßbesitzer gerade in dem Saal, in dem schon Franz Liszt... und
klopften sich den Staub aus den Ärmeln. Denn im Schloß wurde renoviert.
Wie tropische Bäume wuchsen in den Sälen Leitern mit Handwerkern aus
dem Boden, und von den Decken schneiten die Jahrzehnte. Die Sache fing
an, mir Spaß zu machen.
Die Schloßbesitzer lachten fröhlich über den Glanz, der unter den
Händen der Handwerker wieder hervorkam, und freuten sich über jede
reparierte Rostbeule am Balkongeländer. Dann zeigten sie mir das
Schloß. Sie hießen Harald und Ulrike und mit Nachnamen Leibrecht und
sahen gar nicht aus wie Schloßbesitzer, sondern wie nette Leute, die
gerne Besuch haben. Es gibt darum auch keinen Zaun um Schloß Pourtalès
und keine Mauer. Auf dem Rasen ist das Betreten nicht verboten und
nicht in den Zimmern. Das war schon immer so, schon als Goethe und
Napoleon hier... und auch später, als niemand mehr hier wohnte und in
den Sälen Bäume wuchsen und Schnee durch die eingestürzten Decken fiel.
Aber der Reihe nach:
Der Glanz begann im Jahre 1802. Da kaufte ein französischer Edelmann
das Schlößchen in der Robertsau, das seit gut hundert Jahren dastand,
ohne das Goethe oder Napoleon... Das sollte sich ändern. Denn
Paul-Athanase de Bussière, der Revolution knapp, aber glücklich
entkommen, heiratete die reiche Frédérique de Franck und ließ sich in
Straßburg nieder. Die neue Madame de Bussière tat, was man von einer
Frau aus gutem Hause erwarten konnte: sie führte einen Salon. In diesem
saß zum Beispiel König Ludwig von Bayern und hörte zu, wie der
12jährige Franz Liszt vierhändig spielte. Später spielte Liszt, wie
jeder weiß, die vierhändigen Stücke allein und erfand für jeden seiner
43 Finger noch ein paar Noten dazu – als 12jähriger jedoch war er auf
die Unterstützung des ebenfalls 12jährigen Barons von Turckheim
angewiesen, der seine Zuhörer mit dieser Anekdote noch als 100jähriger
langweilte, dabei Chopin-Balladen spielend.
Solcherart waren die Zerstreuungen im Schlosse der Bussières. In seinen
Zimmern wuchs derweil ein Mädchen heran, von dem, als es sechzehn Jahre
alt war, die Baronin von Stoeckel zum Marquis de Massa und der Marquis
zum Duc de Corrigliano und der Duc zum Kaiser Napoleon (dem Dritten)
und der Kaiser zur Kaiserin Eugénie sagte:
„Mélanie est réellement belle!”
Und Eugénie kniff die Lippen zusammen und zischte dann: „Wie ein Bild
von Greuze!”, denn das hatte sie schon in dem Roman „When men had time
to love“, den man bald überall kaufen konnte, gezischt, und darum mußte
das nun auch mal gesagt werden.
Mélanie ist aber gar nicht von Greuze, sondern von Franz Xaver
Winterhalter gemalt worden, der auch schon die Kaiserin Sissi mit
aufgelöstem Haar... Mélanie war ein schönes Mädchen, und der dritte
Napoleon war ein Kenner der Frauen und Eugénie eine Kennerin ihres
Mannes und so kam es, daß Napoleon (der Dritte) und Eugénie oft zu Gast
im Schlosse der Bussières waren - auch dann noch, als Mélanie längst
verheiratet war und nun Pourtalès mit Nachnamen hieß. Außer Napoleon
(dem Dritten) versammelten sich die europäischen Potentaten, die
Literaten und die Musiker im Salon von Mélanie de Pourtalès, dabei
wurden Häppchen gereicht und Kriege verhindert. Bis auf einen. Zwar hatte Mélanie die französischen Generäle in ihren
Salon gebeten und ihnen erzählt, was sie an preußischen Kaminen
vernommen hatte: daß das Schloß an der Robertsau nämlich bald deutsch
werden würde. Aber die französischen Generäle lachten nur und Napoleon
(der Dritte) sagte „sois belle et tais-tois” zu Mélanie: „Sei schön und
halt den Mund!”
Kurz darauf marschierte Bismarck in den Spiegelsaal von Versailles und
ließ den deutschen Kaiser hochleben und alle riefen hurra, daß die
Spiegel nur so klirrten. Das Elsaß wurde deutsch und wer dabei nicht
mitmachen wollte, wurde rausgeschmissen. Nur im Schloß in der Robertsau
wurde weiter französisch gesprochen. Mélanie gründete eine französische
Theatergesellschaft und umgab sich erneut mit französischen Literaten
und französischer Musik. Der deutsche Statthalter in Straßburg, ein
Graf von Wedel, hatte nichts dagegen. Er war längst dem Charme und der
Schönheit der Schloßherrin erlegen.
1898 kam Baron von Turckheim, der als 12jähriger schon mit Liszt... -
in einem Automobil herangefahren, einem „Lorraine-Dietrich”. Auch
Mélanie besaß alsbald ein Auto, ihr Schloß wurde zur ersten
Kfz-Werkstatt im Elsaß. Es gab elektrischen Strom und fließendes Wasser
und fließend wurde auch weiterhin französisch gesprochen.
Mélanie starb 1914, kurz bevor das nächste Schlachten begann. Danach
herrschte ihre Tochter im Schloß, und zu den Goethes und Napoleons
zählte nun auch Albert Schweitzer, der...
Später nutzte das Militär das Schlößchen, es blieb erstaunlich gut
erhalten, bis nach dem zweiten Weltkrieg zunächst ein Begegnungszentrum
für osteuropäische Studenten in ihm einzog. Dann zog der Ostblock in
Europa den Eisernen Vorhang ein, und die Studenten blieben aus. Das
Schloß stand leer, und langsam wuchsen aus den Holzfußböden die Bäume.
1970 beschloß irgendein Rat, den alten Kasten einfach abzureißen.
Gerettet haben ihn ein paar Schulkinder, die bei der Zeitung anriefen
und Protestlieder sangen. Statt eines Baggers kam ein Käufer, Walter
Leibrecht, ein deutscher Professor, der eine Privatuniversität für
amerikanische Studenten gegründet hatte und ständig neue Standorte
suchte.
Noch immer ist das Schloß eine Uni, aber auch Gästehaus mit 40 Zimmern,
und Sälen und Salons und zwei Konzertflügeln. Zu den Dauergästen
gehören heute, wie vor hundert Jahren, die Europapolitiker der Epoche –
das Straßburger Parlament ist nur ein paar Fahrradminuten entfernt. In
einigen der Zimmer haben freundliche Europaabgeordnete ihr eigenes Bad
einbauen lassen und dafür freies Wohnen für die nächste
Legislaturperiode erhalten.
Man kann aber auch billiger übernachten, sagte Walter Leibrechts Sohn
Harald, als er sich den Staub aus den Ärmeln klopfte. Am Anfang hätten
sie sich ein bißchen geschämt, überhaupt was zu verlangen, sagte
Ulrike, seine Frau. Es sei alles so familiär und aus Gästen würden hier
schnell Freunde. „Wir haben eben gerne Besuch.” Wenn die Kehrwoche um ist, rufe ich die schöne Straßburgerin an und
lade sie ins Schloß ein. Und dann schlafen wir in dem Bett, in dem
schon Napoleon (der Dritte)... Und kurz bevor wir das Licht ausknipsen,
werde ich sie fragen: „Weißt Du eigentlich, was Goethe von diesem
Schloß gesagt hat? „...?...”