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27.02.2006
Karl Ignaz Hummel - Der badische Lügenbaron
Rastatt - Am Schicksal des Hochstaplers Oskar Daubmann alias Karl Ignaz
Hummel entzündeten sich Volkszorn und monatelanger Jubel der Massen.
Mit seinen Lügen als vermeintlich letzter Kriegsheimkehrer hielt
Daubmann vor mehr als 70 Jahren Millionen Deutsche zum Narren. Und doch
verstaubten die dokumentierten Erinnerungen an diese "badische
Köpenickiade" über Jahrzehnte in den Akten und Kartons der Archive.
Seine Geschichte wurde verschleiert, verschwiegen oder verzerrt.
Studenten aus Karlsruhe haben die "Affäre Daubmann" und ihre Aufdeckung
am Vorabend der Nazi-Herrschaft nun mit einer kleinen Ausstellung
zurück ins Rampenlicht gebracht. Briefe, originale
Vernehmungsprotokolle, Fotos und Zeitungsausschnitte dokumentieren im
Wehrgeschichtlichen Museum im Schloss Rastatt Daubmanns Geschichte.
Mit einem Bahnticket begannen die teils sagenhaften Geschichten des
Lügenbarons, der seine falsche Identität nach dem Ersten Weltkrieg
einem Millionenvolk, der Politik und den Medien über Monate glaubhaft
zu verkaufen wusste. Nach einer gescheiterten Flucht vor
Arbeitslosigkeit und vor einer schwangeren Frau erlog sich der in
Italien gestrandete Hummel die Geschichte seines Schulfreundes
Daubmann. Dieser war im Krieg gefallen. Hummel nahm dessen Identität an
und erfand die Geschichte vom letzten Kriegsheimkehrer nach
heldenhafter Gefangenschaft in den Klauen des Erzfeindes Frankreich.
Nach einem Fluchtversuch sei er 1917 von den Franzosen wegen Totschlags
zu 20 Jahren Haft verurteilt und in ein algerisches Gefangenenlager
transportiert worden, behauptete Hummel. Erst 1932 habe er sich nach
gelungener Flucht bei seinen Eltern in Endingen am Kaiserstuhl
zurückgemeldet.
Soweit die erlogenen Erlebnisse, für die der vermeintliche Daubmann
nach seiner Rückkehr frenetisch gefeiert wurde. "Aus nationalistischem
Interesse und wegen der starken Vorurteile gegen den einstigen
Kriegsfeind Frankreich waren seine Erzählungen Wasser auf die Mühlen
der Deutschen", erklärt Clemens Rehm vom General-Landesarchiv
Baden-Württemberg.
Mehr als 15.000 Menschen sollen ihn bei seiner Heimkehr in Endingen
erwartet haben, Tausende besuchten seine Vorlesungen. Niemand hegte
Zweifel, zumal ja auch Daubmanns Eltern den verloren geglaubten Sohn
feierten. "Wir wissen nicht, warum sie nichts sagten. Vielleicht
trauten sie sich nicht", meint Rehm.
Ein französischer Kriegsgefangener und Matrosen brachten schließlich
die Wahrheit ans Licht: In einem Brief des Ex- Fremdenlegionärs
entpuppten sich Daubmanns Angaben zum Lager als "völlig falsch". Auch
die Besatzung eines Dampfers, mit dem Daubmann nach Europa gefahren
sein wollte, bekannte, der Mann sei "weder persönlich noch dem Namen
nach bekannt". Vom Konsulat hieß es außerdem, Daubmann könne sich auf
seiner abenteurlichen Flucht gar nicht - wie von ihm erzählt - von
Kokosmilch ernährt haben: Es wüchsen in der Region gar keine
Kokosnüsse. Fingerabdrücke brachten den eindeutigen Beweis: Daubmann
ist Hummel, ein mehrfach vorbestrafter Schneider aus der Schweiz.
Der Hochstapler wird wegen schwerer Urkundenfälschung und Betrugs zu
dreieinhalb Jahren Haft verurteilt, gefolgt von Sicherheitsverwahrung.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg - befreit ausgerechnet von den
Franzosen - kann er sich in Deutschland eine neue bürgerliche Existenz
aufbauen.
"Die Affäre Daubmann wurde schnell vergessen, weil sie den Nazis
peinlich war, dann folgte der Krieg, danach waren andere Themen
natürlich wichtiger", sagt Rehm. Nur den Endingern, die Daubmann damals
den roten Teppich ausgerollt hatten, ist Daubmann noch ein Begriff: Sie
werden im Streit und im Scherz nach wie vor als "Daubinger" bezeichnet,
wenngleich den meisten nicht mehr bewusst ist, auf wen dieser Name
zurückgeht.
Das Wehrgeschichtliches Museum im Internet:
www.wgm-rastatt.de
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