03.05.2006
Anton Rindeschwender (1725-1803) - Wirtschaftspionier im Nordschwarzwald
Als Sohn eines mittellosen Tiroler Emigranten arbeitet sich Anton
Rindeschwender mit Talent und Weitblick, Energie und Fleiß, zu einer
Unternehmerpersönlichkeit empor, die zu den bedeutendsten der
Markgrafschaft Baden zählt. Als investitionskräftiger Geschäftsmann,
der im Holzhandel das erforderlich Kapital erwirtschaftet hat, zeigt er
sich 1772 beim Aufbau der Glashütte. Sie entwickelt er zu einer
leistungsfähigen Fabrik, die im Gegensatz zum genossenschaftlich
organisierten Betrieb der alten Glasermeister auf dem Mittelberg
bereits den frühindustriellen Unternehmen zuzurechnen ist.
Neben der Glashütte markiert das rund 90 Jahre ältere Hammerwerk - von
der markgäflichen Regierung erbaut und von Adam Ernst von der Decken
ursprünglich betrieben - den einzigen nennenswerten Gewerbebetrieb in
Gaggenau, der aber nicht annähernd so viele Arbeitskräfte beschäftigt.
Für Rindeschwenders Zielstrebigkeit und sein Durchhaltevermögen wird
die beschwerliche Kultivierung des Amalienberg zum klassischen Symbol.
Mit seinen Initiativen, insbesondere im Straßenbau und der
Murgregulierung, hat er nicht nur das Wohl der Gemeinde im Auge,
sondern sieht darin auch eine notwendige Voraussetzung für den
wirtschaftlichen Erfolg seiner Unternehmen. So fallen seine Anstöße zum
Bau einer befestigten Fahrstraße durch das Murgtal, deren Bau 1778
begonnen wird, nicht ohne Grund in die Anfangsjahre seiner Glashütte.
Dieses Projekt zeigt zugleich einen Rindeschwender, der über die
Grenzen Gaggenaus weit hinausblickt.
Es sind die auffallenden Leistungen seines Lebenswerks, die einen
erfahrenen Landesherrn wie den im Jahre 1803 zum Kurfürst
aufgestiegenen Carl Friedrich veranlassen, Rindeschwenders umfassende
Verdienste zu würdigen und in bleibender Erinnerung zu halten. Noch in
dessen Todesjahr läßt er keinen Geringeren als Friedrich Weinbrenner
einen Obelisken entwerfen, der in rotem Sandstein errichtet, folgende
Inschrift trägt:
Dem Stifter des Amalienberges, Beförderer des Landbaues, Gewerbfleisses und Handels seiner Gegend, Anton Rindeschwender, dankt Kurfürst Carl Friedrich MDCCCIII.
Der ursprüngliche Standort dieses Denkmals ist alles andere als
willkürlich gewählt. Gegenüber dem Amalienberg am rechten Ufer der Murg
gibt er den Blick frei auf Rindeschwenders Lieblingswerk, das zugleich
seine Passion für die Landwirtschaft am deutlichsten erkennen läßt. Als
die Benzwerke Gaggenau während des Ersten Weltkrieges expandieren, wird
die Ehrensäule im Jahre 1916 murgabwärts in Höhe zwischen Berliner- und
Schillerbrücke versetzt. Mag es Zufall sein oder nicht, der neue
Standort unmittelbar gegenüber der ehemaligen Villa Theodor Bergmanns
erschließt eine tiefe Symbolik. Denkmal und Villa stehen in ihrer
räumlichen Nähe für die beiden bedeutendesten Wirtschaftspioniere
Gaggenaus. Sie geben, wenn auch in unterschiedlicher Tragweite, den
Impuls für neue Industrien dieser Stadt.
Sein heutiges Domizil findet der ca. acht Meter hohe Obelisk 65 Jahre
später im Herzen der Stadt beim Rathaus - mit Blick auf Rindeschwenders
Amt als Oberschultheiß eine ebenso passende wie würdige Umgebung.
Hier eine chronologische Aufzeichnng der wichtigsten Daten seiner Biographie.
1725
Am 28. Januar wird Anton Rindeschwender als Sohn von Johann
Rindeschwender und seiner Frau Eva, geb. Fütterer in Gaggenau geboren.
Seine erste „Stellung“ findet der junge Rindeschwender als Jungknecht
bei einem Holzfuhrmann im benachbarten Ottenau. Als er kräftig genug
ist, erlernt er von seinem Vater die Technik des Holzfällens.
nach 1745
Durch Vermittlung von Caspar Berger, einem Landsmann seines Vaters,
wird Rindeschwender zunächst Oberknecht, später Meisterknecht beim
Holzhändler Boehringer in Buchenbronn (südwestlich von Pforzheim).
Zugleich erhält er die Möglichkeit, sich selbst im Holzhandel zu
versuchen.
1747
Rindeschwender heiratet die Lehrerstochter Franziska Wolf, nach deren Tod im
Wochenbett ehelicht er im Jahre 1766 die Forstmeistertochter Sabina
Lump, nach deren Tod heiratet er 1786 seine Wirtschafterin Anna
Fütterer. Aus den drei Ehen gehen 30 Kinder hervor, wovon ihn nur neun
überleben.
In die Anfangsjahre seiner ersten Ehe fällt auch Rindeschwenders
steiler Aufstieg im Holzhandel, als ihn der Rotterdamer Holzherr Van
Derven zu seinem Faktor (Geschäftsführer) ernennt. Er dehnt seine
Geschäfte immer mehr aus und schließt mit zahlreichen Landherren,
Klöstern, Städten und Gemeinden Verträge.
1752
Rindeschwender erhält von der Landesherrschaft den Ehrentitel
Schultheiß. Sechs Jahre später ernennt ihn Markgraf Ludwig Georg von
Baden zum Oberschultheiß. Zum Schutz vor Hochwasser veranlaßt
Rindeschwender den Bau von Dämmen an der Murg, verwandelt Ödland in
fruchtbares Feld, läßt Straßen und Wege anlegen und Häuser, Ställe und
Scheunen errichten.
1768
Rindeschwender wird Anteilseigner der Murgschifferschaft, einer
einflußreichen Interessengemeinschaft aus Waldbauern, Sägern und
Holzhändlern. Sieben Jahre später gelingt ihm der Erwerb weiterer
Anteile. Damit schafft er die Grundlage für eine maßgebliche Ausweitung
seiner Handelsgeschäfte.
Altes Abbild der Gaggenauer Glashüttensiedlung
1772
Rindeschwender erhält von Markgraf Carl Friedrich die Erlaubnis, in
Gaggenau eine Glashüttenanlage zu errichten. Bereits seit 1760 ist er
Teilhaber einer Glashütte auf dem Mittelberg. Die neue Anlage beim
Glasersteg umfaßt insgesamt 20 Häuser und 25 Nebengebäude, darunter
Glashütte, Herrenhaus und Wohnsiedlung.
Rindeschwenders Glaswaren werden im In- und Ausland abgesetzt, wobei
für den Export Frankreich und die Schweiz als Hauptkunden gelten. Mit
seinem Tod geht die Blütezeit der Glashütte zu Ende. Unter den
zahlreichen Nachkommen kommt es zu Erbstreitigkeiten, die den Betrieb
enorm schwächen.
1782
Rindeschwender beginnt mit der aufwendigen Kultivierung des Hilpert,
einem öden Stück Land am südlichen Ende von Gaggenau und errichtet
einen 84 Morgen (1 badischer Morgen = 36 ar) großen Gutshof mit einem
ansehnlichen Wohnhaus und zahlreichen Nebengebäuden. Mit 6 Pferden und
24 Rindern gilt sein Gut für die damalige Zeit als Großbetrieb. Zu
Ehren der badischen Fürstin Amalie, Schwiegertochter des Markgrafen und
späteren Großherzogs Carl Friedrich, die das Gut zusammen mit ihrem
Mann, Erbprinz Karl Ludwig, mehrfach besucht, gibt Rindeschwender dem
Hilpert den Namen Amalienberg.
1797
Vor allem aufgrund seiner Verdienste als Unternehmer und Landwirt wird
Anton Rindeschwender vom badischen Hof zum fürstlichen Okönomierath
ernannt.
um 1800
In der Floßbarmachung der Alb sieht Rindeschwender seine letzte große
Herausforderung als Unternehmer. Er schließt mit dem Kloster Frauenalb
einen Floßvertrag, um den herrschaftlichen Holzhof in Karlsruhe mit
Brennholz zu versorgen. In aufwendiger Arbeit läßt er das Flußbett
ausräumen und Schwallungen anlegen.
1803
Am 5. Mai stirbt Anton Rindeschwender im Alter von 78 Jahren. Er
hinterläßt ein reiches Erbe: über 126 Morgen fruchtbares Land, 23
Wohnhäuser,25 Nebengebäude an Scheunen, Stallungen und Remisen ....
unter 51 Dächer gestellt. Hinzu kommen die Glashütte und seine Anteile
an der Murgschifferschaft. Insgesamt erreicht sein Vermögen eine
Größenordnung von 200 000 Gulden. Die Nachkommen können das Lebenswerk
des Vaters nur im Ansatz forsetzen. Während der Amalienberg bereits im
Sommer 1805 in fremde Hände wechselt, bleibt die Glashütte noch 66
Jahre im Besitz der Familie.