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14.05.2007
Das Verbrechen des Karl Hau (1881 - 1926)
(Foto: Haehling von Lanzenauer) Am Abend des 6. November 1906 erleuchteten nur ein paar Gaslaternen das stille Villenviertel oberhalb des Kurhauses von Baden-Baden. Zwei Frauen gingen dort über die Kaiser-Wilhelm-Straße in Richtung Stadtmitte. Plötzlich fiel ein Schuss. Mit einem Schrei stürzte eine der Frauen zu Boden. Eine Revolverkugel hatte die Medizinalratswitwe Josefine Molitor aus nächster Nähe vom Rücken her ins Herz getroffen. Weinend beugte sich ihre 20-jährige Tochter Olga über die Sterbende. Sie hatte einen großen Mann mit dunklem Überzieher und Hut davoneilen sehen. Ansonsten hat niemand die Tat beobachtet, Spuren vom Täter ließen sich nicht sichern.
Der Tatverdacht
Unverzüglich nahm die zuständige Staatsanwaltschaft Karlsruhe gemeinsam mit der Baden-Badener Polizei die Ermittlungen auf. Bald verdichtete sich der Verdacht gegen den Schwiegersohn der Ermordeten. Karl Hau war im Jahre 1881 in Großlittgen bei Wittlich als Sohn eines Bankdirektors geboren worden, seine Mutter verstarb früh. Nach dem Abitur studierte der Sohn Rechtswissenschaft in Freiburg und Berlin. 1901 erlitt er einen Blutsturz, so dass er an verschiedenen Orten Erholung suchte, zuletzt in Ajaccio auf Korsika. Dort lernte er Frau Molitor mit ihren Töchtern Lina und Olga kennen. Es entwickelte sich ein Liebesverhältnis zwischen Karl und der älteren Lina, das nach der Rückkehr nach Deutschland andauerte. Schließlich kam es zu einer gemeinsamen Flucht der beiden in die Schweiz, an deren Ende stand ein Selbstmordversuch. Jetzt heirateten Lina und Karl, um einem Skandal zu entgehen. Sie zogen nach Washington, wo Karl seine Studien fortsetzte, Lina bald eine Tochter gebar. Der begabte Hau brachte es zum "assistant professor" und Rechtsanwalt. Als Sekretär des türkischen Generalkonsuls fuhr er wiederholt in den Orient, wo er offenbar allerlei verlustbringende Geschäfte abschloss.
Der Tathergang
Im Jahre 1906 reisten die Eheleute mit Kind und Kindermädchen nach Europa, legten einen Zwischenhalt in Baden-Baden ein. Von hier aus sollte die Reise über Paris und London zurück in die USA führen. Linas Schwester Olga schloss sich an, da man gemeinsam die französische Hauptstadt erfahren möchte. Im Hotel kam es zum Streit, denn Lina beobachtete eifersüchtig den Umgang zwischen ihrem Ehemann und ihrer jüngeren Schwester. Am 29. Oktober traf bei Mutter Molitor in Baden-Baden ein Telegramm ein: "Erwarte dich mit dem nächsten Zug. Olga krank. Komme sofort Lina." Als Frau Molitor in dem Pariser Hotel ankam, waren alle wohlauf, niemand wollte das Telegramm aufgegeben haben. So reiste die Mutter mit Olga zurück an die Oos, während Familie Hau nach London weiterfuhr. Dort im Hotel erreichte Hau eine Depesche, die ihn in dringenden Geschäften nach Berlin rief. Jetzt ließ er sich beim Friseur eine Perücke und einen falschen Bart verpassen, quartierte seine Angehörigen bis zu seiner Rückkehr in dem Londoner Hotel ein und setzte über zum Kontinent.
Was er nunmehr unternahm, konnte der Karlsruher Staatsanwalt Dr. Bleicher bald aufklären: Statt nach Berlin war Hau nach Frankfurt gefahren, dort hielt er sich in einem Hotel auf, ließ seine Perücke umfärben und einen langen braunen Vollbart anfertigen. Am 6. November fuhr er mit dem Zug nach Baden-Baden, wo er um 13.08 Uhr eintraf. Nun trieb er sich in der Umgebung des Molitor'schen Hauses herum, so als ob er jemanden erwarte. Mehrere Zeugen haben den Vollbärtigen dort beobachtet, einige hielten den maskierten Mann gar für den Schwiegersohn von Frau Molitor. Gegen 17.45 schrillte in deren Villa das Telefon. Ein Postinspektor Graf erklärte dem Zimmermädchen, Frau Molitor solle sofort aufs Postamt kommen, die Urschrift der ominösen Pariser Depesche sei soeben eingetroffen. Da machte sich die Witwe mit ihrer Tochter auf den Weg - wenige Minuten später geschah der Mord. Rasch stellte die Polizei fest, dass ein Postinspektor Graf gar nicht existierte, sehr wohl aber auf dem Postamt ein Unbekannter mit falschem Bart und Perücke gegen 17.45 Uhr ein Gespräch zur Villa Molitor durchstellen ließ. Droben in der Villa ist sich das Zimmermädchen beinahe sicher, die Stimme des Ehemanns von Lina Hau erkannt zu haben. Hau hatte inzwischen um 18.15 Uhr den Abendzug von Baden-Baden nach Karlsruhe genommen, um von dort über Ostende nach London zu fahren. Kaum war er im Hotel eingetroffen, als englische Polizeibeamte an die Tür klopften und ihn verhafteten. Im Januar 1907 wurde Hau an die deutsche Justiz ausgeliefert und in das Gefängnis in der Karlsruher Riefstahlstraße verbracht. Nach anfänglichem Bestreiten räumte er ein, zur Tatzeit in Baden-Baden gewesen zu sein und auch den fingierten Anruf zum Hause Molitor ausgeführt zu haben. Mit der Ermordung seiner Schwiegermutter habe er aber nichts zu tun, er habe lediglich vor der Abreise in die USA nochmals seine Schwägerin Olga sehen wollen.

Das Gebäude des Landgerichts Karlsruhe um 1900, in dem 1907 der Prozess gegen Karl Hau stattfand und vor dem sich der "Volkszorn" gegen das Urteil artikulierte. Foto: Stadtarchiv
Der Prozess
Ende Mai 1907 erhob der Staatsanwalt Anklage wegen Mordes. Das Motiv sah er in der desolaten Finanzlage Haus, der gehofft habe, über seine erbberechtigte Ehefrau an das Vermögen seiner überaus wohlhabenden Schwiegermutter zu gelangen. Die Hauptverhandlung fand von 17.-23. Juli 1907 vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Karlsruhe statt. Das Gericht war besetzt mit drei Berufsrichtern und zwölf Geschworenen. Den Vorsitz führte Landgerichtsdirektor Dr. Eller, als Strafverteidiger trat Dr. Dietz auf. Auf dem Richtertisch stand ein Glasbehälter mit dem in Spiritus eingelegten Herzen des Opfers. Am Pressetisch drängten sich über 20 Reporter aus dem In- und Ausland. Der Fall war nämlich inzwischen zu einer einmaligen Pressesensation gediehen, ging es doch wohl um eine mysteriöse Beziehungstat innerhalb der wohlhabenden Gesellschaftsschicht des weltbekannten Badeortes. In Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträgen hat man daher die Schuldfrage immer von neuem gestellt, alle für und gegen den Verdächtigen sprechenden Umstände wurden ausführlich dargelegt. Und in der Bevölkerung wogte der Meinungsstreit: Die einen plädierten für, die anderen gegen den verhafteten Rechtsanwalt. Hatte nicht gar ein unbekannter Dritter die Tat ausgeführt? Angesichts der öffentlichen Wißbegierde druckte die lokale Presse während des Prozesses Wortprotokolle der Zeugenaussagen und der Ausführungen der Sachverständigen. Als am Ende der Hauptverhandlung der Staatsanwalt die Todesstrafe beantragte, kam die Erregung der Karlsruher zum offenen Ausbruch. Schon im Laufe des Abends hatte sich unter den Fenstern des Gerichtssaals eine ständig anwachsende Menge Neugieriger gebildet. Bald blockierten die Massen das Gerichtstor, im Bereich von Stephanienstraße und heutiger Hans-Thoma-Straße gab es kein Durchkommen mehr. Die Menschenmenge begann laut zu johlen und zu pfeifen. Als die Zeugin Olga Molitor ins nahe Hotel gehen wollte, hat man sie bedroht, Scheiben des Hotels wurden eingeschlagen. Jetzt musste die Polizei das Militär zu Hilfe rufen. Leibgrenadiere rückten mit aufgepflanztem Bajonett an, sie wurden mit einem Pfeifkonzert und Steinwürfen empfangen. Mit Mühe konnten die Randalierer abgedrängt und einige von ihnen verhaftet werden.
Das Urteil
Unterdessen hatte das Schwurgericht nachts gegen 3 Uhr sein Urteil verkündet: Hau wurde wegen Mordes an seiner Schwiegermutter zum Tode verurteilt. Die hiergegen eingelegte Revision verwarf das Reichsgericht in Leipzig im Oktober 1907. Jetzt drohte die Strafvollstreckung durch Enthaupten mit der Guillotine. Eilends reichte der Verteidiger ein Gnadengesuch ein, woraufhin Großherzog Friedrich II. den Urteilsspruch gnadenweise in lebenslängliche Zuchthausstrafe verwandelte. Anfang Dezember 1907 wurde Hau in das Zuchthaus Bruchsal eingeliefert. Untergebracht in einer Einzelzelle sah er sich mit Papierarbeiten und Polstern von Matratzen beschäftigt. Seine freien Stunden füllte er mit Lesen aus. Auch übersetzte er in jahrelanger Schreibarbeit ein dreibändiges Geschichtswerk über römisches Recht in die englische Sprache. Nach einigen vergeblichen Anträgen wurde ihm schließlich vorzeitige Entlassung gewährt unter der Auflage, den Strafprozess oder die Strafverbüßung keinesfalls zu Filmdarstellungen oder sensationellen Veröffentlichungen zu verwenden. Am 27. August 1924, über siebzehn Jahre nach der Inhaftnahme, öffnete sich das Zuchthaustor für den Verurteilten.
Selbstmord nach der Entlassung
Der Entlassene begab sich nach Bernkastel zu seiner Stiefmutter, der zweiten Frau seines inzwischen verstorbenen Vaters. Hier verfasste er die Schriften "Das Todesurteil" und "Lebenslänglich", in denen er sich mit der nach wie vor bestrittenen Straftat und mit seinen Erfahrungen aus dem Strafvollzug auseinander setzte. Die 1925 erschienenen Broschüren wurden zu einem Verkaufserfolg. Weiter beteiligte sich Hau an einem kommerziellen Film über sein Schicksal. Mit all dem hatte er gegen die amtlichen Auflagen verstoßen, weshalb die Strafaussetzung im Oktober 1925 widerrufen wurde. Nun flüchtete Hau nach Italien. Zuletzt wohnte er unter falschem Namen in einem Hotel in Tivoli. Am 5. Oktober 1926 fand man bei der Villa des Adrian nahe Tivoli einen bewusstlosen, stöhnenden Menschen. Er verstarb alsbald im Krankenhaus. Nach dem Obduktionsergebnis war von Selbsttötung durch Vergiften auszugehen. Späterhin konnte der Tote als Karl Hau identifiziert werden.
In den Medien und in der Literatur wird die Taturheberschaft des Rechtsanwalts seit nahezu hundert Jahren immer wieder hinterfragt. Wer sich indessen mit dem im Generallandesarchiv Karlsruhe verwahrten Aktengut vertraut macht, der wird erkennen, dass allein Karl Hau das Verbrechen verübt haben kann.
Eine eingehende Fallschilderung wird in der Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 153 (2005), eine Übersicht über die Literatur zum Fall Hau wird im Jahresheft AQUAE 2005 des Arbeitskreises Stadtgeschichte Baden-Baden erscheinen.
Dr. Reiner Haehling von Lanzenauer, Jurist und Historiker
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