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17.02.2007
Herzog von Enghien (1772 - 1804) - Ettenheim




Seit 1801 lebte hier in dem schlichten, hübschen, barocken Ichtratzheimischen Hause unweit der Pfarrerkirche Louis Antoine Henri de Bourbon-Condé, Herzog von Enghien.


Der junge Mann hatte den Kardinal Rohan gebeten, sich in Ettenheim nierlassen zu können, weil die Nichte des Fürstbischoffs, Charlotte de Rohan, die er liebte, dort bei ihrem Onkel lebte. In die Fenster des Rohanschen Schlosses in Zabern hatte er schon für Sie Verse von Racine und Corneille geritzt, aber auch solche eigener Erfindung, wie diese:


Belle Charlotte, votre nom est gravé

dans mon coeur comme mon cul dans mes culottes.


In Ettenheim nun lebte Enghien still und bescheiden mit Hilfe einer englischen Pension, kümmerte sich um Politik gar nicht, machte kleine Reisen, vor allem in die Schweiz, ging oft nach Straßburg, jagte bei Freunden im Elsaß und empfing den Besuch französischer Emigranten, die ihn als Angehörigem des französischen Königshauses ihre Reverenzen erweisen wollten.


Seine Umgebung bestand aus dem Marquis de Trumery, dem Freiherrn Ritter von Groensteyn, einem Leutnant Schmidt, den Abbés Michel und Wembronn und seinem Sekretär Jacques.


Zu Beginn des Jahres 1804 wurde in Paris eine Verschwörung gegen das Leben des ersten Konsuls Napoléon Bonaparte aufgedeckt. Zu den Verhafteten gehörten die Generäle Pichegru und Moreau, sowie einer der gefürchtetsten royalistischen Bandenführer, der der "Chouan" George Cadoudal. 


Polizeiminister Fouché leitete persönlich die Untersuchung des Falles, der auf die Tätigkeit des österreichischen Geheimdienstes hinzuweisen schien, und daher fiel auch ein Verdacht auf den jungen Herzog, dessen harmlose kleine Reisen im Elsass und der Schweiz dem Minister wohl bekannt waren. Vor allem witterte Fouché hinter den heimlichen Besuchen des Herzogs im Ettenheimer Amtshause geheime Machenschaften mit dem Kardinal. Enghiens Besuche bei ihm hatten aber, wie gesagt, mit dieser Angelegenheit nicht das Geringste zu tun, sondern ganz andere Gründe. 


Ende Februar 1804 erschien ein Fremder in Ettenheim, setzte sich in die Wirtschaft zur Sonne und ließ im Gespräch den Namen Enghien fallen. Bald hatte er alles erfahren, was die Einwohner über das Leben des interessanten, vornehmen jungen Herren wussten. Man berichtete es dem Herzog voller Sorge, der sich über die Ängste seiner Freunde lustig machte.


Vierzehn Tage später, am 13. März morgens um acht Uhr, tauchten zwei Männer auf, deren einer dem anderen Haus und Umgebung zu erklären schien. Der Diener meldete es dem Herzog, der sich nicht viel daraus machte.


In Paris waren inzwischen weitere Verhaftungen erfolgt; es hieß, dass einer der bourbonischen Prinzen in der Hauptstadt erwartet oder dass er sogar im Palais des österreichischen Botschafters Grafen Kobenzl versteckt gehalten würde. Auch Bonaparte nahm die Sache ernster als alle bisherigen Komplotte, da Angehörige der alten Noblesse ihre Hand im Spiel hatten und eine Wiedereinsetzung der Bourbonen seine ehrgeizigen Pläne empfindlich gestört hätte.


Er erklärte im Staatsrat:

"Das Volk von Paris behauptet, dass sich Prinzen der abgesetzten Familie im Palais der österreichischen Botschaft aufhalten, und dass ich es nicht wagen würde, sie dort zu suchen! Sind wir denn in Athen, wo die Verbrecher nicht in den Minervatempel hinein verfolgt werden dürfen? Der Marquis  de Bedmar, der im Herzen der Republik Venedig konspirierte, wurde er nicht auf Befehl des Senats in seinem eigenen Haus verhaftet und wurde er nicht gehängt ohne Furcht vor den Spaniern? Gut! Wenn ich heute die Gewissheit hätte, dass sich eine Persönlchkeit von hohem Rang in der österreichischen Botschaft versteckt hielte, würde ich nicht zögern, den Schuldigen und seinen privilegierten Hehler greifen zu lassen. Sie verstehen richtig, meine Herren, seinen privilegieren Hehler, um beide vor ein Tribunal zu stellen, dass sie ohne Zweifel verurteilen würde. Und ich würde das Urteil vollstrecken lassen ..."


Es war bekannt, dass England, sowohl den königlichen Prinzen als auch eine Menge von Emmigranten Pensionen zahlte, aber alle in Frage kommenden Prinzen waren abwesend und man kannte ihre Aufenthaltsorte. Daher, so schloss Fouché, konnte nur Enghein die treibende Kraft sein. Ettenheim war bald von Spionen umringt. Eines morgens meldete sich ein Agent bei General Leval in Straßburg und sagte:


"Il est arrivé hier à Ettenheim chez le Duc d'Enghien, M. Dumérié."


Er meinte, damit den Revolutionsgeneral Dumouriez, der ebefalls gesucht wurde, und den der Herzog sicher nicht aufgenommen hätte. Ohne Zweifel hatte er den Namen Dumouriez mit dem des Marquis Trumery verwechselt.


Nun holte Paris zum Schlag aus. Napoleons Aussenminister Talleyrand teilte dem badischen Staatsminister in Karlsruhe, Baron Edelsheim, mit, dass der Erste Konsul eine Bande von "Briganten" durch zwei kleine Détachements ausheben wolle.


Es bestünde kein Anlass zur Beunruhigung. Das Schreiben wurde jedoch erst übergeben, als die Truppen schon in Ettenheim eingetroffen waren.


Zwei Schwadronen umzingelten in der Nacht vom 14. auf den 15. März die Stadt. Die Einwohner beruhigte man mit der Versicherung, es geschehe mit Genehmigung der badischen Regierung und handele sich lediglich um eine Aktion gegen einige Emigranten.


Der Herzog wurde von seinem verstörten Diener geweckt: "Monseigneur! Ce sont les Francais!" Schon betrat Oberst Charlot das Haus: "Qui de vous est le ci-devant duc d'Enghien?" Der Prinz trat ruhig vor, wurde verhaftet, nach Straßburg gebracht und von dort am 18. März in die Festung Vincennes bei Paris überführt. Seinen Hund, den er sehr liebte, durfte er mitnehmen. Ein vom ersten Konsul bestelltes Scheingericht begann sofort nach seinem Eintreffen, um zwei Uhr nachts, das Verhör. Der Herzog erklärte, er habe nie einer Verschwörung angehört, habe nie gegen sein Land, wohl aber gegen die Revolution gefochten. Er erklärte weiter, er habe in der englischen Armee dienen wollen, doch habe man ihn angewiesen, am Rhein zu bleiben, wo er noch eine Rolle spielen werde. "J'attendais, Monsier,. Jen'ai plus rien à vous dire."


Diese unglückliche Aussage besiegelte sein Schiksal. zwar versuchten später der Präsident des Gerichts, die Aussage abzuschwächen, und Enghien verlangte nochmals, den Konsul zu sprechen, doch die Komission ging darauf nicht ein und fällte nach kurzer Beratung das Todesurteil.


In den frühen Morgenstunden des 20, März wurde der Prinz in den Festungsgraben geführt, wo ein Pelloton und Offiziere warteten. "Grace à Dieu, je mourrai de la mort d'un soldat! Que Dieu pardonne á mes juges, comme je leur pardonne. Allons! Messieurs faisons tous notre devoir".


Man verweigerte ihm den Priester,  und eine grobe Stimme rief: "Il veut mourir comme un capucin!" Als man ihm befahl, niederzuknien, rief er: "Monsieur, un Condé ne fléchit le genou que devant Dieu" - das waren seine letzten Worte. Als die Salve verhallt war, hörte man das klägliche Heulen des Hundes.


Napoleon zeigte sich sehr überrascht von der Nachricht und sagte: "Voilà un crime, qui ne mène à rien", und Talleyrand, der die Nacht beim Spiel im Hause von Freunden verbrachte, soll die Uhr gezogen und bemerkt haben: "Il est six heures! Le duc d'Enghien ne doit plus exister." Abends gab er einen grossen Ball.


Frankreich, ja Europa waren empört! Der Graf Ségur schreibt: "Wir sind zu den Greueln des Jahres 1793 zurückgekehrt; diesselbe Hand, die uns aus dem Abgrund gezogen hat, stösst unsd wieder hinein. Ich bin vernichtet. Bisher bin ich stolz gewesen auf den grossen Mann, dem ich diente. Nun aber ..."


Und der Dichter Chateubriand äusserte sich gegen Madame de Stael über die Hinrichtung und den Code Civil, der einen Tag vor dem Tode Enghiens in Kraft getreten war: "Welch ein Werk! Die Welt hat ähnliches seit den Pandekten de Justinian nicht mehr erlebt ... Das ist Bonaparte, der Mann, dem die Welt Standbilder errichten sollte. Aber wären sie errichtet, so müssten sich de Freunde der Gerechtigkeit, die Gläubigen der Freiheit zusammenschliessen und sie wieder niederreissen. Denn dieser Konsul herrscht nicht durch das Gesetz über uns, sondern durch den Staatsstreich, durch die blinde Ergebenheit seiner Truppen und durch Fouchés geheime Staatspolizei-. O Madame, wie zerrissen bin ich! Der Urheber des Code Civil und der Mörder Enghiens sind ein und dieselbe Person - heißt das Mensch sein, aus solchen Widersprüchen zu bestehen? Lebe wohl, Bonaparte! Mein Weg wendet sich von deinem ..."




Reaktionen und Folgen

Innenpolitisch hatte Bonaparte jedoch mit dieser „terroristischen Hinrichtung“ (Louis Bergeron) alle weiteren royalistischen Komplotte erstickt und die Zustimmung der breiten Bevölkerung hinter sich. Bezeichnenderweise meinte Napoleon selbst als Reaktion auf die Empörung des Auslandes nur knapp: „Ich bin die Französische Revolution“. Joseph Fouché urteilte über Napoleons Entscheidung später mit dem (oft dem Außenminister Talleyrand zugeschriebenen) Aphorismus „Das war mehr als ein Verbrechen, das war ein Fehler“.


Napoléon suchte später die Schuld auf den damaligen Polizeiminister Savary und auf Talleyrand abzuwälzen und behauptete in den "Mémoires de Ste-Hélène", es sei ihm ein Brief des Herzogs erst zwei Tage nach dessen Tod von Talleyrand überreicht worden; Enghien hat aber gar keinen Brief geschrieben. Savarys Rechtfertigungsschrift "Sur la catastrophe de M. le duc d'Enghien" (Paris 1823) veranlasste mehr als 20 verschiedene Schriften, die einen der Bände der "Collection de mémoires sur la révolution française" bilden, aber eben nur Napoleons Schuld konstatieren; auch Talleyrand wusste sich bei Ludwig XVIII. zu rechtfertigen. Dupin hat die Aktenstücke bekannt gemacht und das Gesetzwidrige in dem Verfahren gegen den Herzog aufgedeckt.


Nach der Restauration wurde Enghiens Leichnam ausgegraben und ihm von Ludwig XVIII. und den Kammern in der Kirche zu Vincennes ein Denkmal gesetzt.





www.ettenheim.de


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