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12.06.2005
Agenda 2010 - Ohne soziale Gerechtigkeit gibt es keine wirkliche Freiheit
Bundeskanzler Gerhard Schröder hat eine offensive Debatte über die
Zukunft der sozialen Demokratie in Deutschland gefordert. Bei der
Anpassung des Erfolgsmodells der sozialen Marktwirtschaft an die
veränderten Bedingungen in der globalisierten Wirtschaft müsse die
soziale Gerechtigkeit erhalten bleiben: Sozial könne sich eine
Wirtschaftsordnung nur dann nennen, wenn sie den wirtschaftlichen
Erfolg allen zugute kommen lässt, sagte der Kanzler am Montag in Berlin.
Damit der erforderliche gesellschaftliche Wandel nicht zu sozialen
Verwerfungen führt, müsse der Reformprozess politisch gestaltet werden,
sagte der Bundeskanzler am 13. Juni auf einem Kongress der
SPD-Bundestagsfraktion zum Thema "Soziale Marktwirtschaft".
Gerhard Schröder warnte vor Kräften, die aus ökonomischem
Interesse unter dem Deckmantel einer "neuen sozialen Marktwirtschaft"
den bewussten Rückzug aus dem Sozialen betrieben. Wer die Mitbestimmung
einschränken und den Kündigungsschutz abschaffen wolle, lege die Axt an
die Wurzeln der sozialen Marktwirtschaft.
"Das System der sozialen Marktwirtschaft hat unser Land stark und
erfolgreich gemacht. Es hat Wachstum, Wohlstand und sozialen
Fortschritt ermöglicht. Es hat Freiheit für den Einzelnen und
Sicherheit für alle gewährleistet", sagte Schröder. Gemeinsinn und
sozialer Zusammenhalt seien kein "Schönwetter-Luxus", den man sich in
schwierigen Zeiten nicht leisten könne. Viele ausländische
Investoren wüssten das zu schätzen. Damit das auch in Zukunft so
bleibe, gelte es, die von der Bundesregierung eingeleiteten Reformen
konsequent fortzuführen.
Freiheit ist mehr als Gewerbefreiheit
Den offenen Märkten der globalisierten Wirtschaft könne sich
Deutschland als ein exportabhängiges Land nicht verschließen, sagte
Schröder. Die Politik könne und müsse der Marktwirtschaft im Sinne der
Menschen aber einen stabilen Ordnungsrahmen geben. Denn Freiheit sei
mehr als nur Gewerbefreiheit, unterstrich der Bundeskanzler: "Für uns
ist der höchste Wert der sozialen Demokratie die Freiheit vieler."
Dazu gehöre auch Chancengleichheit, die jeden Einzelnen in die Lage
versetzt, sein Schicksal auch tatsächlich selbst in die Hand nehmen zu
können - und so teilzuhaben am wirtschaftlichen Wohlstand und an den
Entscheidungen in der Gesellschaft. Persönliche Autonomie,
Selbstverwirklichung und eigenverantwortliche Lebensgestaltung bildeten
die "Kernelemente der freiheitlichen Demokratie". Deshalb stelle die
Schaffung geeigneter Bedingungen dafür eine Hauptaufgabe für Politik
und Staat dar.
Interessenausgleich und Teilhabe: Modell ohne Alternative
Zur Zeit gebe es Versuche, so der Kanzler, das Modell der Teilhabe
und Arbeitnehmerrechte systematisch zu diskreditieren, um es dann
ganz abzuschaffen. Gerhard Schröder zeigte sich überzeugt, dass die
Wirtschaftsordnung auch in Zukunft nur als soziale Marktwirtschaft
gestaltet werden könne. Ohne einen starken und sozialen Staat, der
fördert und fordert, sei Eigenverantwortung und Selbstbestimmung nicht
möglich.
Dabei gelte aber auch: "Nur der schlanke Staat ist ein starker
Staat", so Schröder. Ein moderner und effizienter Staat, der nach innen
effizient und bürgernah arbeite und nach außen die Interessen der
heimischen Unternehmen im internationalen Wettbewerb stütze. Umgekehrt
müsse die Wirtschaft sich darüber bewusst sein, dass ihr daraus
Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft erwachsen: "Verpflichtungen,
denen sie nachzukommen hat!", wie der Kanzler unterstrich.
Internationales Engagement für soziales Wirtschaften
Der sozialen Dimension des Wirtschaftens will der Bundeskanzler auch
auf internationaler Ebene im Rahmen der EU und der UNO stärker Geltung
verschaffen. So habe sich die Bundesregierung bereits bei den
EU-Regelungen zu einer europäischen Aktiengesellschaft für Elemente der
Mitbestimmung eingesetzt. Die Ablehnung der EU-Verfassung, die eine
wettbewerbsfähige soziale Marktwirtschaft festschreiben soll, in
Frankreich und den Niederlanden bedeute einen Rückschlag dieser
Bemühungen, sagte der Kanzler.
"Ausländische Investoren und Kapitalanleger sind und bleiben in
unserer Volkswirtschaft hoch willkommen", stellte Schröder
klar. Finanzmarktakteure wie kurzfristig orientierte Hedge-Fonds,
die Unternehmen unter Druck setzen, sollten allerdings zu höherer
Transparenz verpflichtet werden. Auf dem bevorstehenden G8-Gipfel will
sich der Bundeskanzler dafür aussprechen, internationale
Mindeststandards für diese Fonds zu entwickeln. Auf europäischer Ebene
sollen die Hedge-Fonds in die EU-Investmentfonds-Richtlinie einbezogen
werden.
Die Idee eines sozial ausgerichteten Wirtschaftsmodells zum
Nutzen der Unternehmer wie der Beschäftigten versteht
Bundeskanzler Gerhard Schröder als ein wertvolles Exportgut: "Die
soziale Marktwirtschaft, die unser Land wirtschaftlich stark gemacht
hat, ist kein Auslaufmodell", bekräftigte der Bundeskanzler. "Sie ist
ein Modell für globales Wachstum."
Kontext
>> Die Rede des Bundeskanzlers im Wortlaut
>> Alle Informationen zur Agenda 2010

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