26.06.2006 Achtelfinale im Staatstheater - Egon W. Kreuzer
Ein Kommentar zum Treiben hinter den Kulissen der FiFaFußballweltmeisterschaft.
Auf der Hauptbühne gibt man das Stück "Die deutsche Weltmeisterschaft"
Das hochbezahlte FiFa-Tournee-Ensemble bespielt in diesem Sommer die
schönsten deutschen Stadien, sowie die Arena auf Schalke und die
Allianz-Arena. Die Männer mit der deutschen Staatsbürgerschaft haben
bereits die ersten beiden Siege errungen, der dritte steht am Dienstag
Nachmittag auf dem Programm - und schon scheint ALLES möglich.
Nur das Bundeskabinett sitzt still in der Intendantenloge und hält die
Vorhänge - von gelegentlichen Jubelauftritten der Chefin abgesehen -
dicht geschlossen.
Passend dazu war jüngst zu erfahren:
Seit August 2005 wurde ein 500-seitiger Expertenbericht von der Regierung unter Verschluss gehalten.
Neugierig fragt sich Otto Normalbürger, welches schreckliche Geheimnis
da verborgen werden sollte, um dann enttäuscht festzustellen, dass
nichts als ein offenkundiger Gemeinplatz zum Staatsgeheimnis
hochstilisiert worden ist.
Im Angesicht deutscher Siege scheint wirklich ALLES möglich:
"Die Rente mit 67 ist Unfug"
Das haben also vor fast einem Jahr sogar die Experten herausgefunden.
Warum, so fragt man sich, durfte ausgerechnet das nicht bekannt werden?
Warum haben alle seitdem herrschenden Bundesregierungen versucht, die
Existenz dieser Erkenntnis zu verheimlichen?
Wenn man den Amtseid liest, den Kanzler und Minister abgelegt haben,
wenn man weiß, dass sie geschworen haben, den Nutzen des deutschen
Volkes zu mehren und Schaden abzuwenden, dann wird die Geheimnistuerei
verständlich:
Es könnte sein, dass sie es, wie jeder einigermaßen vernunftbegabte
Mensch, auch schon vorher gewusst haben. Und dann hätten sie wohl -
bewusst und vorsätzlich - gegen den Amtseid verstoßen, und in einem
solchen Fall hilft auch der Verweis auf ausgebliebene Hilfe höherer
Mächte ("... so wahr mit Gott helfe!"), nicht mehr aus der Klemme.
Gut, das ist trotzdem kein Meineid im eigentlichen Sinn. Darauf steht
weder Zuchthaus noch Gefängnis, der Amtseid kann im Grunde als
folkloristisches Beiwerk der Machtübernahme angesehen - und missachtet
- werden. Wer ihn bricht macht sich - alleine deshalb - vermutlich in
überhaupt keiner Weise strafbar, aber es ist halt schrecklich peinlich,
erwischt zu werden.
Klar, da hält man dann lieber stur an der falschen Idee fest und
folgerichtig die Wahrheit unter Verschluss, statt ein Versagen
öffentlich zuzugeben...
Doch längst stehen ganz andere Stücke auf dem Spielplan.
Angela Merkel hat sich an die wer-weiß-wie-vielte Neuinszenierung eines
längst in Grund und Boden gespielten Stückes gemacht und es, im
Schatten der Fußballweltmeisterschaft, verschämt auf den Spielplan des
Deutschen Bundestages im Reichstags gesetzt.
Die Gesundheitsreform
In einer wichtigen Nebenrolle darf Herr Lauterbach in der grandiosen
Manier des englischen Dandys einen winzigen Aspekt des
Gesundheitswesens richtig analysieren, aber nur, um dann mit dem darauf
aufsetzenden, völlig falschen Schluss, das Stichwort für das finale
Fiasko zu liefern.
Nur zur Verdeutlichung:
Wenn der Vorsitzende des Kleingärtnervereins feststellt, dass alle
Jahre im Frühsommer die Stare in Scharen auftauchen, um die Kirschen
von den Bäumen zu fressen, dann ist das sicherlich eine zwar triviale,
aber vollkommen richtige Feststellung über die Beziehungen zwischen
Frühsommer, Staren und Kirschen.
Wenn Herr Lauterbach erkennt, dass die Unternehmen der Privaten
Krankenversicherung sich die besten Risiken herauspicken, und damit
gesunde und gutverdienende Beitragszahler aus der Solidargemeinschaft
der gesetzlichen Krankenversicherung herausbrechen (was Herr Lauterbach
"schmarotzen" genannt hat), dann hat er damit eine nicht minder
triviale, aber ebenfalls richtige Beobachtung gemacht.
Aber wenn der Kleingärntervereinsvorsitzende seine Gärtnerkollegen auf
Grund dieser Erkenntnis dazu verdonnern würde, die Kirschenernte
künftig kollektiv auf Ende März/Anfang April vorzuziehen, um den
Staren, die erst Ende Juni nach Kirschen suchen, zuvorzukommen, dann
wäre das trotz der richtigen Analyse ein totaler Blödsinn.
Dass Herr Lauterbach zur Abhilfe des richtig erkannten Missstandes
einen "Gesundheitsfonds" befürwortet, in den die Private
Krankenversicherung einzahlen soll, entbehrt ebenfalls jeder
vernünftigen Begründung, doch leider bleibt das außerhalb des
Erfahrungshorizontes des Normalbürgers und wird daher von vielen
einfach als die süße Frucht mühsam erworbenen Expertenwissens
angenommen. Dabei gibt es nicht den geringste Anhaltspunkt für die
Annahme, dass der angeprangerte Missstand ausgerechnet durch einen
"Gesundheitsfonds" aufgelöst werden könnte.
Bitte entschuldigen Sie, dass ich hier etwas ausschweifen muss, aber
wenn die Thematik auch nur einigermaßen korrekt beleuchtet werden soll,
dann muss man sich ein bisschen Zeit dafür nehmen.
Ein Gesundheitsfonds, in den Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Steuerzahler
und die Unternehmen der Privaten Krankenversicherung einzahlen, und aus
dem dann die Gelder auf die Träger der gesetzlichen Krankenversicherung
verteilt werden, ist eine derart aberwitzige Konstruktion, dass man
lange nachdenken muss, um einen Sinn darin zu finden.
Details gibt es ja noch nicht, die Stichworte, die bislang in die
Diskussion geworfen wurden, helfen auch kaum weiter. Da geht es um die
Entlastung der Arbeitgeber von Lohnnebenkosten, es geht um die
steuerfinanzierte Krankenversicherung von Ehegatten, Kindern, Rentnern, Arbeitslosen und Strafgefangenen,
es ist immer noch nicht klar, ob es neben der einkommensbezogenen Komponente auch noch eine kleine Kopfpauschale geben soll,
es ist nicht klar, wo das Geld im Bundeshaushalt herkommen soll, das dafür benötigt wird,
es ist nicht klar, ob es weitere Leistungskürzungen gibt,
es ist nicht klar, warum jetzt schon klar sein soll, dass den gesetzlichen Kassen im nächsten Jahr 10 Milliarden Euro fehlen,
es ist nicht klar, ob Zinsen und Mieteinnahmen, Spekulationsgewinne und
Erbschaften in die Beitragspflicht aufgenommen werden sollen,
es ist nicht klar, ob Privatversicherten vom Finanzamt ein Krankenversicherungsbeitrag zum Fonds auferlegt wird,
es ist nicht klar, nach welchen Kriterien die Unternehmen der PKV zur Finanzierung des Fonds beitragen sollen, kurz es ist überhaupt nichts klar.
Und so wie die "Rente mit 67" niemals eine vernünftige Begründung
erfahren hat, und nun auch in den Augen der Experten als "unsinnig"
gilt, gibt es auch für den Gesundheitsfonds keine vernünftige
Begründung. Nur gilt der Fonds derzeit noch als "die einzige Lösung"
(auf die sich die Große Koalition zu verständigen vermag).
(Demokratie könnte so schön sein,
würden sich die Demokraten bloß nicht immer wieder ausgerechnet die
größten Autokraten als Volksvertreter wählen.)
Also: Die Begründung fehlt - doch Absichten sind zu vermuten.
Eine gute Absicht wäre es zum Beispiel,
das gesamte Gesundheitswesen unter staatliche Fittiche zu holen. Der
Fonds, als einzige Geldquelle, könnte unter einer Regierung, die den
Nutzen des Volkes mehren will, durchaus dazu dienen, die Gier der
mächtigen Interessengruppen aus dem medizintechnisch-pharamkologischen
Komplex zu beherrschen und allzu dreiste Raubzüge zu unterbinden.
Eine gute Absicht wäre es auch,
wirklich alle Einkommen zur Finanzierung des Gesundheitswesens
heranzuziehen. Schließlich haben auch alle etwas davon. Gesunde Kinder
lernen besser, gesunde Jugendliche absolvieren ihre Ausbildung
erfolgreich, gesunde Erwachsene können nach Kräften arbeiten und
genießen, also produzieren und konsumieren, gesunde Rentner können den
Lebensabend selbstverantwortlich gestalten - folglich ist allgemeine
Gesundheit der Königsweg zu allgemeinem Wohlstand und gesundem
Wachstum. Jeder gesunde Mensch bringt ein Stück Kaufkraft in den Markt,
die eben nicht nur den Unternehmen des Gesundheitswesens, sondern allen
Anbietern des Binnenmarktes zugute kommt, und damit letztlich auch die
Dividende der Aktionäre steigert.
Eine gute Absicht wäre es letztlich auch,
die Gewinne der Privaten Krankenversicherung zu begrenzen, die
Rosinenpickerei zu beenden und die Beitragsmittel der PKV tatsächlich
zur Förderung der Gesundheit der Bevölkerung, statt zur Mehrung des
Reichtums der Versicherungseigentümer einzusetzen.
Aber darf man einer Regierung, deren Erklärungen ebenso fragwürdig
sind, wie die Rente mit 67, deren Taten aber ganz eindeutig nur ein
Ziel erkennen lassen, nämlich die Umverteilung von unten nach oben
immer stärker zu beschleunigen, tatsächlich solch gute Absichten
unterstellen? Oder sollte man nicht lieber doch, schon bevor der
nächste Geheimbericht öffentlich wird, auf den eigenen gesunden
Menschenverstand vertrauen?
Wie gesagt, die Informationen über den Fonds sind so spärlich und vage,
dass letztlich nur eine Behauptung unbestritten von allen Beteiligten
aufrecht erhalten wird, nämlich, dass es teurer werden wird.
Die Arbeitgeber, die nicht aufhören, über die angeblich zu hohen
Lohnnebenkosten zu jammern, obwohl sie mit ihren Exportgütern auf den
Weltmärkten einen Rekord nach dem anderen hinlegen, werden sich an
diesen 8 bis 10 Milliarden nicht beteiligen wollen. Wofür ist Angela
denn Kanzler geworden, fragt sich die deutsche Industrie schon lange
und macht weitere Investitionen in Deutschland vom Wohlverhalten der
Regierung abhängig.
Bei den Arbeitnehmern, die in Massen aus ehemals gutbezahlten
Arbeitsverhältnissen hinausgedrängt werden und bestenfalls mit 40
Wochenstunden ohne Urlaubs- und Weihnachtsgeld den gleichen Job
weitermachen dürfen, schlimmstenfalls als Ein-Euro-Jobber tagtäglich
ihre Arbeitswilligkeit am untauglichen Objekt für einen Hohn von Lohn
beweisen müssen, ist auch nicht mehr noch mehr zu holen. Im Gegenteil:
Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse
schrumpft und damit die Höhe der Beitragseinnahmen ebenfalls. Natürlich
werden die Beschäftigten über weitere Zuzahlungen und einen höhere
Praxisgebühr bei weiter eingeschränkten Leistungen die 10 Milliarden
mitfinanzieren, nur lässt sich halt der Beitragssatz nicht so ohne
weiteres steigern - und das nicht nur wegen der Arbeitgeber ...
Der Steuerzahler muss es richten. Der gute brave Steuerzahler. Aber wer
ist das? Die Arbeitgeber, deren Anteil an den Beitragszahlungen
begrenzt und eingefroren werden soll, die sind es nicht, die den
Mehrbedarf aufbringen, im Gegenteil: Die Unternehmer sollen per
Unternehmenssteuerreform (die ausgerechnet im "Jobgipfel" ersonnen
wurde) um 8 Milliarden Euro entlastet werden. Es sind also wieder die
Lohnsteuerzahler und Mehrwertsteuerzahler, die Arbeiter und
Endverbraucher, innerhalb derer die Umverteilung der Lasten
stattfindet. Was dem Niedriglöhner an Beitrag nicht mehr zugemutet
werden kann, zahlt er eben demnächst an der Ladenkasse als
Mehrwertsteuer mehr.
Die aus dem Gedankengebäude der Bürgerversicherung stammenden Pläne,
alle Einkunftsarten zur Finanzierung des Gesundheitswesens
heranzuziehen, werden schnell wieder in der Schublade verschwinden.
Sollten sie wider Erwarten von der SPD doch durchgedrückt werden, dann
ist das auch nicht wirklich schlimm, denn in kürzester Zeit wird eine
solche Regelung vom Bundesverfassungsgericht kassiert werden.
Schließlich handelt es sich um Vermögenseinkünfte, und wenn schon
Vermögen nicht gerecht besteuert werden können, wie soll es dann bei
Vermögenseinkünften möglich sein. Die meisten verschleiern sie doch
sowieso ...
Wenn's hochkommt, wird sich die Große Koalition auf eine Regelung
verständigen, bei der es dem braven Bürger hochkommt. Zum Beispiel so,
dass demnächst der Kleinsparer, der seinen Freistellungsauftrag bei der
Bank abliefert, aus den portentiell ersparten Steuern zunächst einmal
eine pauschale Krankenversicherungsabgabe in Höhe von 632 Euro (für
Ledige) bzw. 1264 Euro (für Verheiratete), sowie weitere 316 Euro für
jedes unterhaltsberechtigte Kind abzuführen hat. Schließlich macht
Kleinvieh Mist, während das Kapital, das scheue Reh, wie man weiß,
sofort die Flucht ergreift.
Und was ist mit dem löblichen Versuch, die PKV zur Mitfinanzierung des Fonds heranzuziehen?
Nur wer keine Ahnung von den betriebswirtschaftlichen Realitäten in der
Assekuranz hat, wird auch nur einen Augenblick glauben, dass diese
Lasten, wenn es denn dazu kommen sollte, tatsächlich den Gewinn der PKV
beeinträchtigen.
Es werden einfach die Beiträge erhöht.
Und dass das ganz ohne Probleme funktionieren kann, das hat drei einfache Gründe:
Im Neugeschäft stehen den niedrigen Einstiegstarifen und allerbesten
Leistungszusagen für absolut gesunde junge Menschen weiterhin hohe und
höchste Beiträge der gesetzlichen Krankenversicherung gegenüber. Es
wird sich also in jungen Jahren weiter lohnen, in die PKV auszuweichen.
Im Bestandsgeschäft kann die PKV machen was sie will. Wer einmal privat
versichert ist, der darf nicht mehr zurück, in die gesetzliche
Krankenversicherung. Das ist Gesetz, und dieses Gesetz sichert den
Privaten Krankenversicherern einträgliche Geschäfte auch dann, wenn die
ehemals gesunden Jungen irgendwann doch zu kränkelnden Alten werden,
denn
Die PKV trennt in ihren Tarifen säuberlich sogenannte "Kohorten" von
Versicherten. Ein Tarif, der einige Jahre mit Erfolg an Junge verkauft
worden ist, wird einfach geschlossen, oder aber einfach nur im Verkauf
nicht mehr angeboten. Neukunden werden nach einem neuen, eigenständigen
Tarif versichert.
Was kaum jemand weiß: Der
Risikoausgleich in der PKV findet ausschließlich innerhalb des
einzelnen Tarifes, nicht etwa innerhalb der Versicherungsgesellschaft
statt. Jeder Tarif wird gesondert kalkuliert. Wenn also ein Tarif nicht
mehr an junge Menschen verkauft wird, werden die Versicherten in einem
"Tariftopf" immer älter und verursachen immer höhere Kosten, die Folge:
Die Prämien für die Versicherten steigen sehr schnell und in ziemlich
astronomische Höhen.
Jetzt wird, auch wenn der Tarif offiziell immer noch verkaufsoffen ist,
kein Neukunde auf die Idee kommen, sich in diesen teuren Tarif
einschreiben zu lassen. Das Schicksal der Tarifkohorte ist damit
besiegelt. Die Kosten steigen immer schneller weiter - und wer das
nicht mehr zahlen kann, oder will, der darf - auch das ist Gesetz - in
einen Tarif zurückfallen, der nicht mehr kostet, als den Höchstbeitrag
der gesetzlichen Krankenversicherung, aber auch nicht mehr leistet. In
die GKV zurück führt im Regelfall kein Weg mehr.
Der Staat ist also über diese Mechanismen der "Zuhälter", der ganz
perfekt dafür sorgt, dass die PKV ihre Gewinne machen kann, während die
gesetzlichen Krankenkassen Verluste schreiben - und daran ändert sich
prinzipiell nichts, auch dann nicht, wenn die PKV per Gesetz zur
Einzahlung in den Fonds verpflichtet werden sollte und wenn die Klagen
der PKV von den höchsten Instanzen abgewiesen werden sollten (was
beides höchst unwahrscheinlich ist).
So reiht sich also die sogenannte "Gesundheitsreform" als ein neues
Glied in die Kette der gesamten sogenannten "Reformbemühungen" ein, die
allesamt dazu dienen, die Bevölkerung aller kollektiven Systeme zu
berauben, die sie bisher davor bewahrten, sich - aus purem
Überlebensinteresse - versklaven lassen zu müssen.
Sinkende Löhne und Gehälter, sinkende Lohnersatzleistungen,
Streichungen bei Arbeitslosengeld und Sozialhilfe führen direkt und mit
voller Absicht zu sinkenden Beitragseinnahmen der gesamten
Sozialversicherung.
Weil aber die Exportindustrie und Kapitaleigner immer noch weiter
entlastet werden wollen, müssen die letzten verbliebenen Werktätigen
immer größere Anteile für ihre eigene und die gesamtgesellschaftliche
Daseinsvorsorge aufwenden - und weil die Beitragssätze nicht steigen
dürfen, muss ihnen das Geld halt über die Lohnsteuer, die
Mehrwertsteuer, die Ökosteuer, die Mineralölsteuer, die Biersteuer und
die Branntweinsteuer abgenommen werden.
Betrachtet man die bekannt gewordenen Bruchstücke der Reformpläne, dann
scheint es das höchste Ziel der Regierung zu sein, Umsatz und Gewinn
von Pharmakonzernen, Medizintechnik-Herstellern und Klinikunternehmen
zu erhalten.
Haben wir es nicht gerade erst hautnah erlebt?
Assistenzärzte mussten monatelang streiken, um ihre vergleichsweise
niedrigen Stundenlöhne wenigstens ein bisschen anheben zu können. Und
wie wurden sie dafür von den Politikern gescholten!
Die Anteilseigner des Pharmaunternehmens Merck haben in einer
geschickten Übernahmespekulation schnell einmal 400 Millionen Euro
Gewinn eingefahren, weil Merck Schering-Anteile eingesammelt und dann
an Bayer weiterverkauft hat. Haben Sie schon einmal überschläglich
ausgerechnet, wie viele Assistenzärzte von 400 Millionen Euro ein Jahr
lang bezahlt werden könnten?
Bayer hat diese 400 Millionen, die bei Merck als Gewinn verbucht
wurden, praktisch aus der Portokasse auf den Tisch gelegt. Statt 86
Euro pro Aktie waren 89 fällig. Aus diesen drei Euro Unterschied hat
Merck 400 Millionen gemacht!
Und woher hat Bayer die Milliarden für die Gesamt-Übernahme?
Dreimal dürfen Sie raten.
Richtig: Zum großen Teil aus den Kassen der gesetzlichen Krankenversicherung.
Eigentlich sollte man eher über die Verstaatlichung der
Pharma-Industrie nachdenken, als über die Frage, wer wie viel in einen
Fonds einzahlen muss, damit die Gier der Konzerne noch ein paar Jahre
lang befriedigt werden kann.
Ganz am Rande:
Gleich nach dem 1:0 gegen Polen wurde in Deutschland das Elterngeld verabschiedet.
Millionen potentieller Eltern können sich nun ausrechnen, dass ihnen
der bisher mögliche staatliche Zuschuss glatt um die Hälfte gekürzt
wurde.
Frau von der Leyen ist jedoch überzeugt, eine familienministerielle
Glanzleistung und Großtat vollbracht zu haben, denn aus der massiven
Kürzung der Mittel für die Bedürftigeren finanziert sie die Erhöhung
der Förderung für den materiell gesegneten Teil der Gesellschaft und
behält noch ein paar Milliarden übrig, die Herr Steinbrück in die
Senkung der Unternehmenssteuern stecken kann.
Fazit des Elterngeldes:
Wer es sich leisten kann, ein Kind zu haben, bekommt künftig dreieinhalb Mal so viel Geld vom Staat, wie bisher.
Wer es sich eigentlich nicht leisten kann, bekommt nur noch die Hälfte.
Weil es aber mehr potentielle Eltern gibt, die es sich nicht leisten
können, also solche, die es sich leisten können, gehen die Schätzungen
dahin, dass das neue Elterngeld etliche Milliarden weniger kosten wird,
als das bisherige Erziehungsgeld.
Möglicherweise sollte mit dem Elterngeld aber noch ein ganz anderes
Ziel erreicht werden. Vielleicht verbirgt sich dahinter ein
unkonventioneller Lösungsansatz für die Pisa-Misere, nach dem Motto:
Wenn klar ist, dass Kinder aus ärmlichen Verhältnissen schlechtere
schulische Ergebnisse einfahren, dann darf es die eben in Zukunft nicht
mehr geben.
(Nicht die ärmlichen Verhältnisse. Nur die Kinder daraus.)
Schließlich steht es allen Armen frei, keine Kinder zu bekommen, und
sich so die Kosten für Windeln, Game-Boys, Pommes mit Majo und
Schulhefte zu ersparen, was wiederum den Bundeshaushalt entlastet, weil
die Regelsätze für ALG II und Sozialhilfe daraufhin weiter nach unten
angepasst werden können.
Glauben Sie bitte auch diesmal nicht, ich übertriebe.
hielt ich das für eine schöne satirische Übertreibung. Heute laufen
tatsächlich Abgeordnete des Deutschen Bundestages frei herum, die genau
dies ernsthaft und ohne rot zu werden fordern.
Noch wird Protest dagegen formuliert, aber was ist, wenn der letzte
Rest an Verstand im Weltmeisterschaftstaumel verloren gegangen ist?
Dann ist alles möglich. ALLES.
Egon W. Kreutzer
Schrobenhausener Str. 15
D - 86556 Kühbach - Unterbernbach