21.04.2006 Aktuelles Interview mit Christof Weisenbacher von der Bürgerinitiative “Busse In Bürgerhand“ BiB - 21. April 2006
Der Gemeinderat der Stadt Pforzheim stimmte am Dienstag den 04.04.2006 für
die Privatisierung der Verkehrsbetriebe. Verluste sollen ausgeglichen
werden. Die Bürgerinitiative „Busse In Bürgerhand“, kurz BiB genannt,
will dies mit Bürgerbegehren verhindern. Sie warnen vor einer anderen
Bilanz. Teurere Fahrpreise, weniger Qualität. Ein möglicher Aufkäufer
könnte Connex sein. Ein weltweit operierendes Unternehmen mit 61288
Mitarbeitern in 23 Ländern und einem Umsatz von 3,613 Mrd. € in 2004.
Connex ist der Konzern, der auch in unserer Partnerstadt Nancy bereits
seine Spuren in einer gescheiterten Nahverkehrspolitik hinterlassen hat.
Wir verweisen hierbei auch auf die Schilderungen von Bürgern aus
unserer Partnerstadt Nancy und anderen französischen Städten. Und noch
eine Antwort vorweg auf die Frage, wie können wir die BiB-Initiative
unterstützen ? Helfen wir Unterschriften sammeln für das nächste
Bürgerbegehren, in Pforzheim !
Christof Weisenbacher gab folgendes Interview :
Auch in Karlsruhe wird manchmal von Privatisierung gesprochen, was haltet ihr davon ?
Wir halten nichts davon, da eine Privatisierung die Bedingungen für die
Bürger verschlechtert (Anstieg der Preise, verminderte Qualität).
Privatisierung ist die Enteignung der Bürgerschaft ! Privatisierung
geht immer zu Lasten der BürgerInnen und der Beschäftigten. Das Prinzip
dabei ist, die Profite zu privatisieren (abzuschöpfen durch private
Unternehmen) und die Verluste zu sozialisieren (auf die Sozial
Schwachen, die Bevölkerungsgruppe ohne Lobby abzuwälzen).
Wird es nicht preiswerter und besser für die Pforzheimer, wenn mehr Konkurrenz durch private Betriebe erfolgt ?
Die Privatisierung soll das Defizit der Städtischen Verkehrsbetriebe
reduzieren helfen und nicht die Fahrpreise reduzieren. Das wäre ein
unerwarteter Nebeneffekt. Bei Veränderung der Fahrgastzahlen nach unten
oder der Reduzierung der öffentlichen Zuschüsse sind
Fahrpreiserhöhungen vorprogrammiert. Warum sollte es mehr Konkurrenz
geben?
Es wird ein privates Unternehmen beteiligt. Der Absatzmarkt ist
vorhanden, die meisten Menschen haben zeitabhängige Fahrkarten und sind
auf den Bus angewiesen. Sie haben keine andere Wahl als mit dem Bus zu
fahren. Es wird keinen Wettbewerb geben, zumindest nicht für den
Kunden.Statt Konkurrenz wird das Diktat des Verkehrs-Konzerns kommen,
das wird auch der Gemeinderat nicht verhindern können.
Man hört viel Bedenkliches nicht nur aus anderen Ländern wie England
wegen der Privatisierung, auch aus Deutschland. Seht ihr da einen
Zusammenhang?
Der Zusammenhang besteht darin, dass überall die Gewinne der jeweiligen
Unternehmen im Mittelpunkt stehen und nicht die Fahrgäste. Die
neoliberale Politik/Ideologie ist weltweit im Gange. Bei den
transnationalen Oligarchiestrukturen hat sich herumgesprochen, dass der
öffentliche Sektor ein riesiger Markt ist, der noch nicht oder
unzureichend ausgeschöpft ist. Die Unternehmenspolitik der
transnationalen Konzerne ist von deren Rendite bzw. von den
Aktienkursentwicklungen abhängig. Die transnationalen Banken sind dabei
oft mit einem großen Aktienpaket daran beteiligt und unterstützen diese
Politik entsprechend.
Kommunale Betriebe sind sehr gut dazu geeignet Profite abzuschöpfen,
Aktienkurse steigen zu lassen. Denn das Investitionsrisiko ist minimal
und der Staat/die Kommune ein hochkreditwürdiger Betrieb.
Wie geht die Stadt mit eurer BürgerInitiative um?
Inzwischen werden wir nicht mehr als Horde wildgewordener Bürger
apostrophiert. Durch unseren Einsatz haben wir die Privatisierung der
SVP um ca. ein Jahr verzögert.
Der Gemeinderat hat die Privatisierung am 04.04.2006 beschlossen.
Der Verkehr soll an den transnationalen Konzern Connex vergeben werden.
Der Beschluss berücksichtigt ein Bürgerbegehren bzw. einen
Bürgerentscheid, das bedeutet das Bürgerbegehren, das wir seit
13.04.2006 durchführen hat eine aufschiebende Wirkung. Solange der
Bürgerentscheid nicht stattgefunden hat, werden die Verträge mit Connex
nicht unterschrieben. Wenn die BürgerInnen entscheiden, das keine
Privatisierung erfolgen soll, dann ist der Gemeinderatsbeschluss null
und nichtig.
Wird euch das demokratische Recht zugestanden oder gibt es das nicht in Baden-Württemberg ?
Es wird uns zugestanden, ein Bürgerbegehren zu veranstalten. Aber mit
juristischen Tricks durch einen "anerkannten" Fachmann wurde es bis
jetzt zumindest erfolgreich unterlaufen.
Die Argumentation ist, dass es keinen präventiven Bürgerentscheid geben
kann, was völliger Unsinn ist und jeglicher rechtlichen Grundlage
entbehrt. Die Gesetze werden so interpretiert wie es die politische
Klasse gerade brauchen kann.
Herr Christof Weisenbacher, herzlichen Dank für dieses Gespräch.
Die Bürgerinitiative informiert im Internet anschaulich über die
Hintergründe des Versuchs der Privatisierung und über die Erfahrungen
ihres Engagements einer erfolgreichen Verhinderung.
Pforzheim / Karlsruhe 20.4.2006, Wolfgang Theophil
Spendenkonto der BiB :
Konto-Nr.: 66281
BLZ: 666 613 29, Raiffeisenbank Kieselbronn
Verwendungszweck: Spende an "BiB - Busse in Bürgerhand"