21.02.2007
Experte fordert nach Kyrill Umdenken bei Waldpflege
Ein Monat nach dem Orkan Kyrill haben Wissenschaftler grundlegende Änderungen bei der Waldpflege gefordert. Ein aus Nadel- und Laubbäumen bestehender gemischter Wald sowie stufige Waldränder mit jungen, niedrigen Bäumen am Rand seien wichtig, um die Wälder sturmsicherer zu machen, sagte Christoph Hartebrodt in einem dpa-Gespräch. Er ist Abteilungsleiter Forstökonomie der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden- Württemberg in Freiburg.
«Wir brauchen die Abkehr vom Glauben an einen sturmfreien Wald, in dem immer der frühere Normalzustand herrscht», sagte Hartebrodt. Die Orkane Vivian und Wiebke im Jahr 1990 hätten viele Waldbesitzer noch für Einzel-Ereignisse gehalten. «Nach Lothar 1999 und Kyrill vor wenigen Wochen müsste jedem klar sein, dass wir auch künftig schwere Stürme haben werden», sagte der Forstexperte. Der Klimawandel sei Fakt und darauf müsse man sich einstellen.
Insgesamt sei der Sturm Kyrill im Vergleich zu Lothar noch gnädig gewesen. «Bei Kyrill hatten wir einen Sturmschaden von 20 Millionen Kubikmeter Holz in Deutschland, bei Lothar waren es 30 Millionen Kubikmeter allein in Baden-Württemberg», sagte Hartebrodt. Allerdings seien auf lokaler Ebene manche Waldbesitzer schwer geschädigt worden.
Die jetzt zu treffenden Maßnahmen könnten nur langfristig in einem Zeitraum von 30 bis 40 Jahren wirksam sein. Hierzu zähle unter anderem eine richtige Waldraumgestaltung, bei der man stufige Waldränder einrichte. Am Rande sollten dabei möglichst junge, niedrige Bäume stehen, sagte Hartebrodt. Treffe der Wind auf eine senkrechte Wand von Bäumen, entstünden Wirbel, die die Luft beschleunigten und den Schaden vermehrten. Eine schrägere Baumwand lenke den Sturm hingegen eher gleichmäßig über den Wald. Außerdem sollten Baumarten gemischt werden, da ein Mischwald stabiler sei. Die Kosten für die Maßnahmen hielten sich in Grenzen, es sei aber ein Umdenken nötig, sagte Hartebrodt. «Ein sturmsicherer Wald ist aber definitiv nicht bestellbar.»
Angesichts der klimatischen Herausforderungen der Zukunft fordert die Forstkammer Baden-Württemberg eine deutliche Herabsetzung des Alters der Wälder. Geschäftsführer Martin Bentele sagte in Stuttgart: «Durch das hohe Alter und die Überbevorratung haben viele Wälder Probleme mit Stabilität und Vitalität. Alte Wälder sind heue vielfach anfälliger gegenüber Trockenheit und Insekten. Dies zeigt sich seit 2003. Dazu wird es schwerer, das meist qualitativ geringer wertige Starkholz zu einem angemessenen Preis zu verkaufen.» Die forstliche Planung sollte angesichts der Herausforderung Klimawandel auf eine frühere Nutzung umstellen. Als Baumart gehört laut Bentele der Douglasie die Zukunft. Sie werde an vielen Standorten die Fichte ersetzen, sagte er.
Die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg besteht seit 1958 und bietet im Rahmen von Forschungs- und Entwicklungsprojekten Informationen für Waldbesitzer, Förster und die Öffentlichkeit. Sie ist dem Stuttgarter Landwirtschaftsministerium zugeordnet. Eine enge Zusammenarbeit besteht mit der Forstwissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg. Die Abteilung Forstökonomie umfasst nach eigenen Angaben zehn Forstwissenschaftler. Fünf von ihnen werden über Drittmittel finanziert.