07.02.2006
Johann Wolfgang von Goethe in Karlsruhe
Ich teilte ihm die neusten Szenen des "Faust" mit - Reisebeschreibungen 1775
"Nachdem die nunmehr als englisch angesprochenen Gläser unsere Zeche
verstärkt hatten, eilten wir nach Karlsruhe, getrost und heiter, um uns
zutraulich und sorglos in einen neuen Kreis zu begeben. Wir fanden
Klopstock daselbst, welcher seine alte sittliche Herrschaft über die
ihn so hoch verehrenden Schüler gar anständig ausübte, dem ich denn
auch mich gern unterwarf, sodass ich, mit den anderen nach Hofgebeten,
mich für einen Neuling ganz leidlich mag betragen haben.
Auch ward man gewissermassen aufgefordert, natürlich und doch bedeutend
zu sein. Der regierende Herr Markgraf, als einer der fürstlichen
Senioren, besonders aber wegen seiner vortrefflichen Regierungszwecke
unter den deutschen Regenten hoch verehrt, unterhielt sich gern von
staatswirtlichen Angelegenheiten.
Die Frau Markgräfin, in Künsten und mancherlei guten Kenntnissen tätig
und bewandert, wollte auch mit anmutigen Reden eine gewisse Teilnahme
beweisen; wogegen wir uns zwar dankbar verhielten, konnten aber doch zu
Hause ihre schlechte Papierfabrikation und Begünstigung des
Nachdruckers Macklot nicht ungeneckt lassen.
Am bedeutendsten war für mich, dass der junge Herzog von Sachsen-Weimar
mit seiner edlen Braut, der Prinzessin Luise von Hessen-Darmstadt, hier
zusammenkamen, um ein förmliches Ehebündnis einzugehen; wie denn auch
deshalb Präsident von Moser bereits hier angelangt war, um so
bedeutende Verhältnisse ins Klare zu setzen und mit dem Oberhofmeister
Grafen Görtz völlig abzuschliessen.
Meine Gespräche mit beiden hohen Personen waren die gemütlichsten, und
sie schlossen sich bei der Abschiedsaudienz wiederholt mit der
Versicherung: es würde ihnen beiderseits angenehm sein, mich bald in
Weimar zu sehen.
Einige besondere Gespräche mit Klopstock erregten gegen ihn, bei der
Freundlichkeit die er mir erwies, Offenheit und Vertrauen; ich teilte
ihm die Neuesten Szenen des Faust mit, die er wohl aufzunehmen schien,
sie auch, wie ich nachher vernahm, gegen andere Personen mit
entschiedenem Beifall, der sonst nicht leicht in seiner Art war, beehrt
und die Vollendung des Stücks gewünscht hatte.
Jenes ungebildete, damals mitunter genial genannte Betragen war in
Karlsruhe, auf einem anständigen, gleichsam heiligen Boden,
einigermassen beschwichtigt.
Ich trennte mich von meinen Gesellen, indem ich einen Seitenweg
einzuschlagen hatte, um nach Emmendingen zu gehen, wo mein Schwager
Oberamtmann war."
(Johann Wolfgang von Goethe - 1749-1832 - "Dichtung und Wahrheit", 1775)