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28.02.2005
Karl Ignaz Hummel - Der badische Lügenbaron



Die "Affäre Daubmann" um den Hochstapler im Museum in Rastatt.

Rastatt - Am Schicksal des Hochstaplers Oskar Daubmann alias Karl Ignaz Hummel entzündeten sich Volkszorn und monatelanger Jubel der Massen. Mit seinen Lügen als vermeintlich letzter Kriegsheimkehrer hielt Daubmann vor mehr als 70 Jahren Millionen Deutsche zum Narren. Und doch verstaubten die dokumentierten Erinnerungen an diese "badische Köpenickiade" über Jahrzehnte in den Akten und Kartons der Archive. Seine Geschichte wurde verschleiert, verschwiegen oder verzerrt.

Studenten aus Karlsruhe haben die "Affäre Daubmann" und ihre Aufdeckung am Vorabend der Nazi-Herrschaft nun mit einer kleinen Ausstellung zurück ins Rampenlicht gebracht. Briefe, originale Vernehmungsprotokolle, Fotos und Zeitungsausschnitte dokumentieren im Wehrgeschichtlichen Museum im Schloss Rastatt Daubmanns Geschichte.

Mit einem Bahnticket begannen die teils sagenhaften Geschichten des Lügenbarons, der seine falsche Identität nach dem Ersten Weltkrieg einem Millionenvolk, der Politik und den Medien über Monate glaubhaft zu verkaufen wusste. Nach einer gescheiterten Flucht vor Arbeitslosigkeit und vor einer schwangeren Frau erlog sich der in Italien gestrandete Hummel die Geschichte seines Schulfreundes Daubmann. Dieser war im Krieg gefallen. Hummel nahm dessen Identität an und erfand die Geschichte vom letzten Kriegsheimkehrer nach heldenhafter Gefangenschaft in den Klauen des Erzfeindes Frankreich.

Nach einem Fluchtversuch sei er 1917 von den Franzosen wegen Totschlags zu 20 Jahren Haft verurteilt und in ein algerisches Gefangenenlager transportiert worden, behauptete Hummel. Erst 1932 habe er sich nach gelungener Flucht bei seinen Eltern in Endingen am Kaiserstuhl zurückgemeldet.

Soweit die erlogenen Erlebnisse, für die der vermeintliche Daubmann nach seiner Rückkehr frenetisch gefeiert wurde. "Aus nationalistischem Interesse und wegen der starken Vorurteile gegen den einstigen Kriegsfeind Frankreich waren seine Erzählungen Wasser auf die Mühlen der Deutschen", erklärt Clemens Rehm vom General-Landesarchiv Baden-Württemberg.

Mehr als 15.000 Menschen sollen ihn bei seiner Heimkehr in Endingen erwartet haben, Tausende besuchten seine Vorlesungen. Niemand hegte Zweifel, zumal ja auch Daubmanns Eltern den verloren geglaubten Sohn feierten. "Wir wissen nicht, warum sie nichts sagten. Vielleicht trauten sie sich nicht", meint Rehm.

Ein französischer Kriegsgefangener und Matrosen brachten schließlich die Wahrheit ans Licht: In einem Brief des Ex- Fremdenlegionärs entpuppten sich Daubmanns Angaben zum Lager als "völlig falsch". Auch die Besatzung eines Dampfers, mit dem Daubmann nach Europa gefahren sein wollte, bekannte, der Mann sei "weder persönlich noch dem Namen nach bekannt". Vom Konsulat hieß es außerdem, Daubmann könne sich auf seiner abenteurlichen Flucht gar nicht - wie von ihm erzählt - von Kokosmilch ernährt haben: Es wüchsen in der Region gar keine Kokosnüsse. Fingerabdrücke brachten den eindeutigen Beweis: Daubmann ist Hummel, ein mehrfach vorbestrafter Schneider aus der Schweiz.

Der Hochstapler wird wegen schwerer Urkundenfälschung und Betrugs zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt, gefolgt von Sicherheitsverwahrung. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg - befreit ausgerechnet von den Franzosen - kann er sich in Deutschland eine neue bürgerliche Existenz aufbauen.

"Die Affäre Daubmann wurde schnell vergessen, weil sie den Nazis peinlich war, dann folgte der Krieg, danach waren andere Themen natürlich wichtiger", sagt Rehm. Nur den Endingern, die Daubmann damals den roten Teppich ausgerollt hatten, ist Daubmann noch ein Begriff: Sie werden im Streit und im Scherz nach wie vor als "Daubinger" bezeichnet, wenngleich den meisten nicht mehr bewusst ist, auf wen dieser Name zurückgeht.

Die Ausstellung ist bis zum 27. März freitags bis sonntags von 9.30 bis 17.00 Uhr sowie an Feiertagen geöffnet.

Buchbesprechung:

Die Farben der Schneiderkreide Roman von Rainer Wedler (2004, Casimir-Katz-Verlag).

Er war eine Art badischer Felix Krull, der Schneider Karl Ignaz Hummel. Seine Geschichte wurde gründlich vergessen, bis der Schwetzinger Schriftsteller Rainer Wedler per Zufall auf ihn stieß, in allerhand Archiven recherchierte und daraus einen eigentümlichen und spannenden Roman gemacht hat. Aufgewachsen in einem ärmlichen Elternhaus, später in einer Besserungsanstalt, wird Hummel rasch zum Kleinkriminellen. Angesichts der Massenarbeitslosigkeit Ende der zwanziger Jahre und einer schwangeren Frau flieht Hummel Richtung Algerien, um Fremdenlegionär zu werden. Doch er kommt nicht weit. In Italien muss er unter widrigen Umständen umkehren. Bei der abenteuerlichen Rückreise mutiert er allmählich zu Oskar Daubmann, dem letzten Kriegsheimkehrer nach 16 Jahren heldenhafter Kriegsgefangenschaft in den Klauen des Erzfeides Frankreich. Mit diesem "Fake" fasziniert Hummel die badischen Massen.

Rainer Wedler rekonstruiert mit der Genauigkeit eines Historikers anhand der Akten über den Hochstapler, wie Hummel in den besten Hotels absteigt, wie er enttarnt wird und den Zweiten Weltkrieg in Sicherungsverwahrung zubringt (was sein Glück ist), schließlich das Happy End: Ein kleinbürgerliches Dasein nach dem Krieg. Wedler erzählt aber auch behutsam das Schicksal eines Unterprivilegierten, der sich mit jedem Befreiungsschlag tiefer in den Schlamassel zieht. Er erfindet dabei weit mehr, als er den Akten entnommen hat.

Knapp, lakonisch, mitunter fast primitiv ist Wedlers Sprache, und so entsteht ein lebendiges und mitreißendes Psychogramm eines schlichten Gemüts. Erschienen ist der Roman "Die Farben der Schneiderkreide" im Gernsbacher Casimir Katz Verlag. Ohne Zweifel hätte sich wohl kaum ein anderer Verlag bereit gefunden, diese abseitige, dafür aber um so interessantere Geschichte zu publizieren.





www.matthias-kehle.de
www.wgm-rastatt.de



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