Noch heute glaubt man, daß unter dem Straßburger Münster ein gewaltiges
Gewölbe liege, das einen geheimnisvollen See verbirgt. Auf diesem See
kann man in einem Boot, durch unterirdische Gänge und Kanäle bis zu dem
Ort hin- und herfahren, wo der im Jahr 1576 errichtete Fischbrunnen
steht.
Nachts, wenn es ganz still ist, haben schon viele Bürger ganz deutlich
das Geplätscher und das Fluten des Wassers gehört, und die
Ruderschläge, die den Nachen auf dem düsteren See vorwärtstreiben.
Dumpf und hohl dröhnt es unter der Erde, und alle, die es hören,
erfüllt es unwiderruflich mit Grauen.
Dem Münster gegenüber, unter dem Haus neben der Apotheke "Zum
Hirschen", soll ehemals ein Eingang zu dem Gewölbe gewesen sein. Es war
ein finsteres, unheimliches, mit einer starken Tür verschlossenes Loch.
Viele hatten versucht, durch die Öffnung hinunter zu gelangen in
das Gewölbe und auf den See hinab. Keinem wollte es je gelingen.
Jedesmal, sobald man die Tür geöffnet hatte, wehten furchtbare
Windstöße herauf aus der kalten Tiefe, und mit Sturm und Qualm
verlöschten die Lichter der Wagemutigen, die hinab wollten.
Ebenso vergeblich waren die Bemühungen, mit langen Stangen in den
schwarzen Schlund hineinzustoßen, um zu ergründen, wohin die Höhle sich
windet. Umsonst war alles Forschen. Jähes Grausen überfiel unvermittelt
auch die Beherztesten, und sie mußten sich mit zerrütteten Nerven
zurückziehen.
Wenn drüben im Fluß das Wasser ansteigt, erheben sich die Fluten auch unten in dem unerforschten See.
Schlangen, Kröten, Molche und anderes Ungeziefer, seltsame Wesen
mit roten Augen, krochen dann keuchend und glitschig durch das Loch
heraus aus dem unterirdischen Schacht. Schrecken erfaßte alle, die in
der Nähe waren, und um weiterem Unheil vorzubeugen, wurde fortan die
Öffnung samt der Tür vermauert und verkalkt.
Kein einziger Mensch, auch der kühnste und phantasiebegabteste, wäre
imstande, sich das unheimliche Treiben unten im Gewölbe vorstellen zu
können, geschweige denn, seinen Anblick zu ertragen.
Und noch jetzt, wenn man nach Mitternacht am Münster vorbeigeht, soll
man oft, dumpf und weit weit entfernt, aber doch noch ganz deutlich
vernehmbar, aus der Tiefe herauf das Fluten und Anschlagen der Wellen
und das Schaukeln und Wiegen der Boote, die über den See gleiten,
hören; und manchmal sogar das Fletschen und Keuchen der Wesen, die dort
unten herumkriechen.
Die Haare sträuben sich einem dann über soviel Unfaßbares, und man eilt
durch die Nacht, weg von dieser Stelle, der warmen, sicheren Wohnung zu.
Quelle: nach alten Quellen des Straßburger Stadt-Archivs, bearbeitet von Stadtbibliothekar Dr. Ludwig Schneegans.
Ludwig Schneegans, Straßburger Münster-Sagen, St. Gallen 1852