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23.11.2005
Die Martinsgans - Gedicht - Joseph Viktor von Scheffel





Der Mensch ist ein Barbar von Natur,
Er achtet nicht im mindesten die Nebenkreatur,
Tut sieden sie und braten,
Verspeist sie mit Salaten.
Schütt't Wein oben drauf aus güldnem Gefäß
Und nennt das gelehrt: Ernährungsprozeß.

Mich gutes Gans haben s' auch erwischt
Und allezeit gerupft und aufgetischt.
 Zum Könige Gambrinus
 Sprach einst schon Sankt Martinus:
"Die Welt, edler Herr, ist nicht viel nütz,
Doch trefflich schmeckt zu Bier wie Wein ein Pfaffenschnitz."

Der eilfte Novembris war der Tag,
Allwo er dieses Wort mit Nachdruck sprach;
Drum braten brave Leute
Die Martinsgans noch heute,
Ich armer Vogel, ist das mein Lohn,
Daß man mich tot verzehret auf Subskription?

Wie anders war's, da auf der Weid
Als Gänsulein ich prangte im Flügelkleid?!
Auf einem Fuße stehend
Und Aug' und Schnabel drehend
Zum Liebsten, der just über den Rhein
In männlicher Reife als Gänserich kam heim.

O hätt' ich nie gemußt in die Stadt,
Wo niemals eine Köchin eine Bildung hat!
Sie lachte sehr gemeine
Und preßt' mich an die Beine
Und sprach: "Ob's dich auch drückt und verkropft,
Mit Welschkorn wirst du jetzt vollgestopft!"

So werd' ich schon bei lebender Zeit
Zu braten und Pasteten vorbereit't;
Mein Geist geht sehr zurücke,
Die Leber nur wird dicke;
Sie fragen nicht mehr: Ist schön ihr Gesicht?
Sie fragen allein: Wie fällt sie ins Gewicht?

Ist das der Dank, daß unsere Schar
Der Hauptstadt der Welt Erretterin einst war?
Von wegen Weinverkosten,
Schlief alles auf den Posten,
Ohn' unser tapfer Schnattern und Schrei'n
Hätt' Rom schon anno Tubak französisch müssen sein.

Ihr schmausende Herrn, doch spart Euern Hohn,
Wir retten nicht zum zweitenmal die Zivilisation:
Und stürmt am Kapitole
Rheinwein, Bordeaux und Bowle,
Keine Gans wird Euch mehr warnen und krähn,
Doch jammernd werden morgen die Katzen vor Euch stehn.



Quelle: Gaudeamus,  J.V. von Scheffel

Diese humorvollen Zeilen stammen aus der Feder des Dichterjuristen Joseph Viktor von Scheffel (1826 - 1886), dem Namensgeber des in der "Kulturbrauerei Heidelberg AG" gebrauten Bieres.

Sie sind Teil der 1868 von Scheffel herausgegeben Sammlung sogennanter Studentenlieder "Gaudeamus", deren populärer Inhalt, darunter das bekannte Gedicht über den trinkfreudigen Zwerg Perkéo, die Vorstellung vom unbeschwerten, feucht-fröhlichen Studentenleben im alten Heidelberg nachhaltig prägten.

Das Bild vom "tollkühnen Saufkumpan" blieb bis heute an dem in Wirklichkeit sehr bescheidenen und in dieser Hinsicht eher zurückhaltenden Künstler haften. Joseph Viktor, der älteste von drei Geschwistern, erbte sein dichterisches Talent von der Mutter. Sie galt, im Gegensatz zum strengen und nüchternen Vater, als fröhlicher, phantasievoller Mensch, war sehr belesen und selbst schriftstellerisch tätig, wenn auch nur mäßig erfolgreich. Während seiner Schulzeit von 1833 bis 1843 am Lyzeum seiner Geburtstadt Karlsruhe waren dem schüchternen und stillen Musterschüler (meist Klassenbester) seine poetischen Fähigkeiten allerdings noch nicht anzumerken.

Quelle:
Günther Mahal, J.V. von Scheffel zu unrecht vergessen?
Verlag C.F.Müller-Karlsruhe

Sein auf Wunsch der Eltern begonnenes Jura-Studium führte ihn 1844/45 und 1846/47 an die Heidelberger Universität, wo er 1848 auch sein mündliches Staatsexamen machte.

Obwohl Scheffel sich niemals wirklich für sein Studium begeistern konnte, schloß er 1849 sein Doktorexamen mit "Magna cum laude" ab. Seine Zeit während des Studiums widmete er vermehrt dem künstlerischen und geistigen Leben seiner Studienstädte, neben Heidelberg auch München und Berlin.

Beim geselligen Beisammensein in den urigen Studentenlokalen Heidelbergs zeigte sich schon bald Scheffel's eigene Begabung, seine Freunde und Verbindungskameraden mit selbstgedichteten, humorvollen und vor allem sangbaren Versen zu unterhalten. Scheffel's berufliche Karriere als Jurist erfüllte ihn erwartungsgemäß nicht, Abstand und Erholung fand er in seinen zahlreichen Wanderungen und Reisen, die ihn unter anderem bis nach Italien führten.

Seinen ursprünglichen Berufswunsch Maler, zu dessen Zweck ein Aufenthalt in Italien auch diente, gab Scheffel zugunsten der Schreiberei aber ebenfalls bald auf. 1854 erschien der "Trompeter von Säckingen", ein Lied vom Schwarzwald und glücklicher Liebe, die Scheffel selbst allerdings nie fand. Schon drei Jahre nach seiner Hochzeit 1864 mit Caroline von Malsen trennten sich die Eheleute. Der gemeinsame Sohn Victor wurde von Scheffel allein erzogen. 1855 erscheint sein neben dem "Trompeter von Säckingen" und "Gaudeamus" bekanntestes Werk "Ekkehard".

Diese und andere Veröffentlichungen machten Scheffel ab ca. 1870 zu einem der beliebtesten und gefeiertsten Schriftsteller des gehobenen Bürgertums. Denkmäler und Ehrenbürgerschaften, unter anderem auch in seinem geliebten Heidelberg, folgten.

Er blieb der Stadt zeit seines Lebens eng verbunden, kehrte oft hierhin zurück und verbrachte viele Abende im Kreis des "Engeren", einer Tischrunde, der er bereits seit 1848 angehörte.

1876 wird er vom badischen Großherzog in den erblichen Adelsstand erhoben. 1886 stirbt Joseph Viktor von Scheffel in Karlsruhe im Beisein seines Sohnes und seiner Frau, mit der er sich auf dem Sterbebett endlich versöhnte.

www.heidelberger-kulturbrauerei.de


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