24.02.2007
Martin Walser - Über das Rauchen - Auszug aus dem Tagebuch
Vielleicht werde ich nie mehr eine Zigarette rauchen, aber das schwöre ich nicht. Ich kann nur dann nie mehr eine Zigarette rauchen, wenn ich mir vorstelle, dass ich dann und wann eine rauche. Sobald ich dieser Vorstellung sicher bin, ist es fast kein Problem, nie mehr eine zu rauchen.
In einem herrlichen Dokumentarfilm über Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze kommt eine Fotografie vor, auf der Ingeborg Bachmann mit ihrer brennenden Zigarette die von Henze hingehaltene Zigarette anzündet.
Dieses nichts als innige Bild könnte ich einen Abend lang anschauen. Ein solches Bild wird es, wenn alle Gesetze zur Verhinderung des Rauchens verabschiedet worden sind, nicht mehr geben. Dafür werden kein göttlicher Humphrey Bogart mehr mit siebenundfünfzig an Kehlkopfkrebs und kein noch göttlicherer Enrico Caruso mit achtundvierzig an einer kaputten Lunge sterben.
Da diese Welt so geschaffen ist, dass man für fast alles, was schön ist, gestraft wird, muss man für das Rauchen zahlen, und sei's mit dem Leben.
Werke
Ein immer wiederkehrendes Motiv Martin Walsers ist das Scheitern am Leben. Walsers Helden tragen meist einsilbige Nachnamen („Dorn”, „Halm”, „Zürn”, „Lach”,"Gern"), und sie sind den Anforderungen, die ihre Mitmenschen oder sie selbst an sich stellen, nicht gewachsen. Der innere Konflikt, den sie deswegen mit sich austragen, findet sich in allen großen Walser-Romanen wieder. Dass die Kämpfe nur in der Seele seiner Helden brodeln, während die äußere Handlung meist Nebensache bleibt, macht Martin Walser zu einem typischen Vertreter der deutschen Nachkriegsliteratur (wie Heinrich Böll, Peter Handke oder Siegfried Lenz) und setzt ihn in Gegensatz zur angelsächsischen Literaturtradition, in der das Vorantreiben einer äußeren Handlung weit bedeutender ist. Nicht vergessen werden dürfen hier Walsers Theater-Arbeiten (die Liste unten ist nicht vollständig). Gleich mit seinem ersten Stück Der Abstecher sorgte er für heftige Diskussionen. Zum Beispiel, weil darin erstmals eine Bühnenfigur Umgangsdeutsch sprach, aber auch wegen der unverhohlenen Kritik an gesellschaftlichen Missständen.