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24.01.2006
Die große Flut - Studie belegt immer schneller steigenden Meeresspiegel
Wird etwas erwärmt, dann dehnt es sich aus - so auch die Ozeane. Die
Wärmequelle dabei wäre etwa die wärmere Atmosphäre. Bislang mangelte es
dazu an Daten, doch damit macht eine australische Studie jetzt Schluss:
Fazit: Der Pegel steigt rascher als erwartet.
Im letzten Weltklima-Report der Vereinten Nationen schrieb John Church
als Hauptautor das Kapitel über Wasserstände und Meeresspiegel. Damals
grämte sich der Australier noch. Denn es gab da einen Widerspruch. In
den Computermodellen der Klimaforscher beschleunigte sich der
Meeresspiegelanstieg während des 20. Jahrhunderts. Das leuchtet auch
unmittelbar ein. Denn steigen die Außentemperaturen immer weiter,
sollte sich auch Meerwasser immer stärker thermisch ausdehnen.
Doch aus
Pegelstandsmessungen ließ sich ein solcher Trend nicht ablesen. Die
Geräte bestätigten zwar, dass der Meeresspiegel steigt. Aber nicht,
dass das immer schneller geschieht. Mit ihrer neuen Studie lösen Church
und sein Kollege Neil White den Widerspruch jetzt auf. Beide arbeiten
für die australische Forschungsorganisation Commonwealth Scientific and
Industrial Research Organisation CSIRO in der Stadt Hobart:
Dies ist die erste Studie, in der eine Beschleunigung des
Meeresspiegel-Anstiegs nachgewiesen wurde. Als ein langfristiger
Prozess, der nun schon über Jahrzehnte, ja sogar mehr als ein
Jahrhundert lang andauert.
Church und sein Co-Autor rekonstruierten den mittleren Meeresspiegel in
den letzten 135 Jahren - zurück bis 1870. Schon damals gab es
funktionierende Pegelstandsmesser, doch nur einige wenige. Viel ließ
sich aus ihren Daten bisher nicht ableiten. Doch den Australiern gelang
es, den lokalen Messwerten im Nachhinein eine größere Aussagekraft zu
verleihen - durch den Vergleich mit heutigen Satelliten-Höhenmessungen
in den betreffenden Meeresregionen. Dafür war eine Menge Mathematik
nötig. Doch John Church ist von Haus aus Physiker ... und Mathematiker:
Im gesamten Zeitraum seit 1870 ist der Meeresspiegel um 19,5 Zentimeter
gestiegen - im Mittel um 1,4 Millimeter pro Jahr. Betrachtet man das
20. Jahrhundert, dann sieht man eine Beschleunigung. Denn da sind es
1,7 Millimeter.
Verschärft hat sich der Trend insbesondere im letzten Jahrzehnt, in den
90er Jahren. Wie Satelliten- und Pegelstandsmessungen übereinstimmend
zeigen, klettert der Meeresspiegel seither um drei Millimeter pro
Saison ...
Es gab auch Perioden, in denen der Meeresspiegel vorübergehend gefallen
ist. Das passiert immer nach größeren Vulkanausbrüchen. Die
ausgeschleuderte Asche kühlt ja die Erde. Also sinkt auch der
Meeresspiegel für einige Jahre um ein paar Millimeter. Zwischen 1963
und 1991 gab es drei große Vulkanausbrüche: den Agung in Indonesien,
den El Chichon in Mexiko und den Pinatubo auf den Philippinen. Sie
haben den langfristigen Trend der Meeresspiegelzunahme überschattet, so
dass man ihn nicht klar erkennen konnte.
Die australischen Klimaforscher wagen auch einen Ausblick in die
Zukunft. Church hat berechnet, was geschieht, wenn der Meeresspiegel
weiter mit der gegenwärtigen Beschleunigungsrate zulegt:
Bis zum Jahr 2100 wird der Meeresspiegel nach unseren Abschätzungen um
weitere etwa 30 Zentimeter ansteigen. Das heißt, dass heutige, tief
liegende Küstenabschnitte an das Meer verloren gehen werden. Aber noch
wichtiger ist vielleicht, dass wir mit häufigeren und stärkeren
Überflutungen rechnen müssen. Wenn der Meeresspiegel steigt, dann
erreichen auch Sturmfluten größere Höhen und dringen umso weiter an
Land vor.
Das alles erscheint heute schon fast unabwendbar. Denn der Ozean
reagiert wie in Super-Zeitlupe auf die Klimaerwärmung. Selbst wenn der
Mensch von heute auf morgen keine einzige Tonne Treibhausgas mehr in
die Luft bliese - das Meerwasser würde sich dennoch jahrzehntelang
weiter thermisch ausdehnen.
(Volker Mrasek)
Quelle: www.dradio.de
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