14.11.2005
Murphy's Gesetze - Das Gesetz vom Scheitern
Es war einmal ein kleiner, dicker Luftfahrttechniker aus Amerika mit
Namen Edward Aloysius Murphy. Er sollte für die Luftwaffe unfallsichere
Pilotensitze konstruieren. Und weil er im Laufe seiner Karriere viele
Pannen, Fehler und Malheurs aller Art erlebt hatte, glaubte er, daran
ein Gesetz ableiten zu können: «Alles, was schiefgehen kam, das geht
auch schief.» So ungefähr jedenfalls. Aber das ist eine längere
Geschichte... (Foto: Edward Aloysius Murphy (rechts) mit dem Objekt, das ihn zu seinem «Gesetz» inspirierte.)
Das schönste Beispiel für Murphys
Gesetz «Wenn irgend etwas schiefgehen kann, dann geht es auch schief»
ist - Murphys Gesetz. Denn genau dies hat Murphy so nie gesagt.
Was Murphy wirklich gesagt hat, war folgendes: «Wenn es mehr als eine
Möglichkeit gibt, eine Sache zu erledigen, und eine der Möglichkeiten
endet in einem Desaster, dann findet sich jemand, der diesen Weg
einschlägt.» Zumindest sagt Frau Murphy, Herr Murphy hätte das so
gesagt.
Ich wollte Edward Aloysius Murphy Jr. besuchen, doch als ich ihm
endlich auf die Spur gekommen war, hatte ihn - ganz im Sinne von
«Murphy‘s Law» - sein eigenes Gesetz eingeholt. Seine Witwe, Mrs. Effie
Murphy, hat mir dann freundlicherweise seine Geschichte erzählt und mir
geholfen, die Wahrheit so gut wie möglich zu ergründen. Die Wahrheit
über eine Welt voller Fehler, die Murphy 1949 in einem genialen - aber
eben missverstandenen - Gedankenblitz geprägt hat.
Murphys Gesetz ist so alt wie die Menschheit
Natürlich ist die Erkenntnis, dass sich der Himmel gegen uns
verschworen habe, nicht gerade neu. Murphys Geist ist mindestens 4000
Jahre alt. In einem ägyptischen Gedicht («Der Mann, der seines Lebens
müde war») aus dem Jahre 1990 v. Chr. heisst es: «Das Fehlerhafte
durchstreift die Erde und kein Ende ist in Sicht.» Julius Cäsar soll
gesagt haben: «Quod malum posset futurum», was frei übersetzt ein
echter Murphy ist. Die Volksweisheit vieler Kulturen zeigt immer wieder
Murphysche Ideen. «Der verborgene Stein findet den Pflug», seufzen die
Esten. «Der Fleck landet immer auf dem besten Kleidungsstück», klagen
die Spanier. «Sogar das ungeladene Gewehr feuert alle zehn Jahre, und
alle hundert Jahre kann sogar ein Rechen schiessen», behaupten die
Russen, obwohl mir das nicht sehr überzeugend vorkommt.
Es gibt auch eine britische Version von Murphy - einen gewissen
Mister Sod - der einen ähnlich düsteren Lehrsatz aufgestellt hat. Sods
Gesetz lautet: «Das Ausmass des Versagens steht in direktem Verhältnis
zu Aufwand und Erfolgsdruck.» Ein Sod-Kenner, Richard Boston aus
London, hat den Lehrsatz auf ein Sprichwort zurückverfolgt, das
erstmals 1871 aktenkundig geworden ist: «Das Brot fällt immer auf die
Butterseite.» Ein Bericht der britischen Zeitschrift «The Listener»
zitiert eine Untersuchung, nach der ein Toast tatsächlich in sechs von
zehn Fällen auf die Butterseite fällt - wegen des Gewichts der Butter.
Ich habe versucht, die Studie mit Pumpernickel zu wiederholen. Leider
ohne Erfolg, weil ich den Luftwiderstand des Schwarzbrotes unterschätzt
habe. Murphy überall.
Papageien äfften nach
Murphys Gesetz leuchtet jedem ein: Ob jemand glaubt, das Leben
sei ein Schwank, ob er über den Sinn des Lebens philosophiert oder ob
er es für eine Tragödie hält. Es lässt sich viel leichter behalten als
die Gesetze von Newton, Ampère oder Einstein. Murphy traf den heutigen
Zeitgeist auf den Kopf (um hier einmal Metaphern zu pürieren). Seine
Worte wurden zum Sinnspruch für die ausgehenden Tage des 20.
Jahrhunderts, eine Epoche, in der die Wirklichkeit die Satire nahezu
aussterben liess.
Von Anfang an hat Murphy eifrige Schüler angelockt, die auf des
Meisters Worten ihre eigenen Sprüche klopften; Murphy hat dagegen nie
den Drang verspürt, sein grosses Werk zu verbessern. Einer der
zahlreichen Vorschläge ist Murphys Zweites Gesetz: «Nichts ist so
einfach, wie es aussieht.» Oder sein Drittes: «Alles dauert länger, als
du glaubst.» Frau Murphys Gesetz: «Alles, was schiefgehen kann, geht
schief, wenn Murphy nicht zu Hause ist.» Murphys Satz der
Thermodynamik: «Alles wird schlimmer unter Druck.»
Sogar ein «Murphy-Zentrum»…
Paul Dickson aus Garret Park, Maryland, hat vor 20 Jahren sogar
ein «Murphy-Zentrum für die Kodifizierung von Gesetzen über die
Menschheit und deren Organisationsformen» gegründet - ein «Institut»,
das aus einem Schuhkarton voll seltsamer Interpretationen von Murphys
Gesetz entstanden ist. Drei Bücher hat Dickson über sein Lieblingsthema
geschrieben, und noch immer trudeln bei ihm Hunderte von Briefe die
Woche ein, mit Vorschlägen wie «Murphys Fehler»: «Wenn irgend etwas
nicht schiefgehen kann (zum Beispiel Murphys Gesetz), dann muss es
schiefgehen.» Oder Smiths Vierter Satz der Trägheit: «Ein Körper im
Ruhestand neigt zum Fernsehen.» Oder der Erste Satz der Sozio-Genetik:
«Wenn Deine Eltern keine Kinder haben, dann ist die Wahrscheinlichkeit
gross, dass du auch keine bekommst.»
Mein eigener bescheidener Beitrag zu der Sammlung ist die
sogenannte Stonesche Konstante: «Der Tag, an dem du einmal kein Make-up
trägst, ist der Tag, an dem Dir dein Ex-Mann über den Weg läuft.»
Auch wenn Murphys Gesetz zum Thema vieler Bestseller und zum oft
kopierten Motiv auf T-Shirts, Plakaten und Kaffeebechern wurde: Murphy
hat - wen wundert‘s? - an dem ganzen Rummel keinen Cent verdient. Paul
Dickson wie auch Arthur Bloch, der Autor des Buches «Murphy's Law»,
behaupten, sie hätten ursprünglich gar nicht gewusst, dass Murphy
existiert. Sie dachten, es handle sich bei ihm nur um eine Art fiktiver
Volksheld. «Ed wollte die Kerle erst verklagen», erzählt Mrs. Murphy,
«aber er war ein viel zu unbeschwerter Mensch, der längst beschlossen
hatte, das Leben sei zu kurz für solch einen Ärger.»
Falsch angeschlossenes Messgerät
Nach dem Zweiten Weltkrieg war Captain Ed Murphy, ein Bomberpilot
der amerikanischen Luftwaffe, Chef der Bau-Abteilung beim Wright Air
Development Center in Ohio geworden. Sein Auftrag war es, Flugzeuge zu
testen und unfallsichere Sitze zu konstruieren. 1946 begann er
gemeinsam mit Major John Paul Stapp von der Edwards Air Base in der
kalifornischen Mojave-Wüste an dem Projekt MX981 zu arbeiten. Beide
entwickelten ein Sicherheitssystem, das die Überlebenschance der
Piloten bei Unfällen verbessern sollte. Murphy stand im Labor in Ohio,
Stapp sass auf einem raketengetriebenen Schlitten in Kalifornien. Damit
sollte auf einer Schiene zuerst die enorme Beschleunigung und
anschliessend die gewaltige Verzögerung bei einem Crash simuliert
werden.
In einem formlosen Papier Murphys, das mir seine Witwe gab, steht
lapidar zu lesen: «Stapps Ziel war es, eine Geschwindigkeit von über
1000 Kilometern in der Stunde zu erreichen, dann binnen 1,3 Sekunden
anzuhalten und das Ganze zu überleben.» Beim entscheidenden Versuch
versagte Stapps Beschleunigungsmessgerät. Stapp rief Murphy, den
Erfinder des Messgerätes, zu sich, damit er das Problem löse. Es
stellte sich heraus, dass ein Mechaniker das Instrument falsch
angeschlossen hatte.
Was Murphy tatsächlich sagte
Später fragte der Testpilot den Erfinder, wie es zu dieser Panne
hatte kommen können. Es folgte Murphys berühmte Antwort: «Wenn es mehr
als eine Möglichkeit gibt, etwas zu tun, und eine von diesen
Möglichkeiten schiefgehen kann, dann kommt irgendwer daher und probiert
sie aus.» Murphy meinte damit, man sollte bei einer Konstruktion
sämtliche Eventualitäten genau durchdenken - vor allem jene, die zu
einer Katastrophe führen können.
Bei einer Pressekonferenz kurz nach diesem Zwischenfall führte
John Paul Stapp den hohen Sicherheitsstandard des Projektes MX981
darauf zurück, dass sie sich immer streng an ein sogenanntes Gesetz von
Murphy gehalten hätten. Als ein Reporter nach dem Inhalt dieses
Gesetzes fragte, antwortete Stapp: «Wenn etwas schiefgehen kann, dann
geht es auch schief.» Wenig später nahm die amerikanische
Luftfahrt-Industrie den verballhornten Spruch in ihrer Werbung auf, und
so ging er um die Welt. Die Metamorphose hatte begonnen.
George Nicholl, ein Manager des Projektes MX981, wollte sich
erinnern, Murphy selbst habe in einer Bemerkung über den unglückseligen
Mechaniker den Anfang gemacht: «Wenn es eine Möglichkeit gibt, etwas
falsch zu machen, dann wird dieser Kerl sie finden.»
Humorvoll gemeint
Obwohl Murphys Gesetz humorvoll gemeint war, ist es nach Ansicht
von Clifford Wong, Ingenieur der Firma McDonnell Douglas Space Systems
und Experte für das komplexe Zusammenspiel von Mensch und Maschine,
äusserst hilfreich: «Es hält uns Konstrukteure und Ingenieure auf Trab.
Es erinnert uns daran, an jede potentielle Katastrophe zu denken und
sie möglichst zu vermeiden.»
Der Erziehungswissenschafter Laurence Peter sieht in dem Gesetz
eher die heitere Komponente: «Wenn etwas danebengeht, dann können wir
dank Murphy wenigstens noch darüber lachen.» Das nach ihm benannte
«Peter-Prinzip» aus dem Jahr 1969 hat es ebenfalls weit gebracht: «In
einer Hierarchie», so hatte Peter postuliert, «steigt jeder Angestellte
so lange auf, bis er seinen persönlichen Grad an Inkompetenz erreicht
hat.» (Meine Interpretation des Peter-Prinzips ist das Heino-Prinzip:
Wenn irgendein Idiot auf dem Sonntagsausflug dazu aufruft, das Lied
«Das Wandern ist des Müllers Lust» zu singen, dann ist es garantiert
jener, der vom Refrain bestenfalls die Worte «das Wahahahahahahandern»
grölen kann.)
Murphy-Gesetz hilft Verantwortung abschieben!
Murphy zu zitieren kann ein amüsant-groteskes Spiel sein. Vor
allem in einer Zeit, da wir darauf warten, dass uns der «Greenhouse
Effect» (der «Treibhauseffekt»: das Phänomen der globalen Erwärmung)
einholt, der «White House Effect» (das dem amerikanischen Präsidenten
eigene Phänomen, die globale Erwärmung zu ignorieren) oder irgendeine
andere bislang unverulkte Katastrophe. Galgenhumor kann eben sehr
befreiend wirken. Aber er ist auch ein Weg, Verantwortung abzuschieben.
Murphy, sagt seine Frau, habe sich darüber oft Sorgen gemacht,
gleichwohl die Missinterpretationen seines Gesetzes mit Gelassenheit
geduldet. «Sein ursprünglicher Ausspruch war nicht fatalistisch
gemeint. Was er eigentlich sagen wollte, war: „Wenn jemand einen Fehler
machen kann, dann wird er den Weg dorthin finden.“ Das hat nichts mit
Schicksal zu tun, da muss schon irgendein Blödmann seine Finger im
Spiel haben. Eds Gesetz sollte nicht dazu beitragen, dass die Leute
sorglos werden, oder ihre Fehler damit erklären.»
Murphys «Gesetz» spricht gegen Atomtechnik!
Diese Sorge teilt der Soziologe Charles Perrow von der Yale
University, der Autor des Risiko-Bestsellers «Normale Katastrophen»:
«Ich halte es für gefährlich, wie sich Murphys Gesetz heute
verselbständigt hat. Es verhindert, dass die Leute sich darum bemühen,
Probleme zu vermeiden, etwas zu ändern und gegen den Leichtsinn
anzukämpfen. Hilfreich wäre ein leicht verändertes Gesetz: „Wenn ein
System komplex genug ist, dann produziert es von selber Fehler. Deshalb
darf man solche Systeme nicht bauen.“.»
Es gehört zu den Eigenschaften des Menschen, dass sich ihm die
Dinge einprägen, die schiefgehen, und nicht jene, die keine Probleme
bereiten. Dieser sonderbare Zug lässt uns ein Kompliment binnen Minuten
vergessen, den Groll über eine Beleidigung aber über Generationen
sorgsam pflegen. Wer reckt schon seine Faust gen Himmel und ruft nach
einer Erklärung, wenn er einmal Glück gehabt hat? Vielleicht ist ja
diese Eigenheit entwicklungsgeschichtlich bedingt: Womöglich haben
Frühmenschen die hemmungslosen Optimisten in ihrem Clan gesteinigt,
weil sie deren nervtötend gute Laune nicht mehr ertragen konnten.
Murphys Gesetz hat, kein Zweifel, ähnlichen Tiefgang wie die
Bemerkung des Physikers Robert Oppenheimer, der den Bau der ersten
Atombombe leitete: «Der Optimist glaubt, diese Welt sei die beste aller
möglichen. Und der Pessimist weiss, dass es so ist.»
Judith Stone
Was bedeutet «Redundanz»?
Aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Der Begriff Redundanz (v. lat. redundare – im Überfluss vorhanden
sein) bezeichnet allgemein in der Technik das zusätzliche Vorhandensein
funktional gleicher oder vergleichbarer Ressourcen eines technischen
Systems, wenn diese bei einem störungsfreien Betrieb im Normalfall
nicht benötigt werden. Ressourcen können z. B. Motoren, Baugruppen,
komplette Geräte, aber auch Steuerleitungen, Leistungsreserven oder
Informationen sein.
In der Regel dienen diese zusätzlichen Ressourcen der Erhöhung der Ausfall- bzw. Betriebssicherheit.
Man unterscheidet verschiedene Arten der Redundanz. Die
funktionelle Redundanz zielt darauf ab, sicherheitstechnische Systeme
mehrfach parallel auszulegen, damit beim Ausfall einer Komponente die
anderen den Dienst gewährleisten. Zusätzlich versucht man, die
redundanten Systeme voneinander räumlich zu trennen. Dadurch minimiert
man das Risiko, dass sie einer gemeinsamen Störung unterliegen.
Schließlich verwendet man manchmal Bauteile unterschiedlicher
Hersteller um zu vemeiden, dass ein systematischer Fehler sämtliche
redundanten Systeme ausfallen lässt.