18.05.2005
Ein Leben in Darmstadt - oder "Wieviele Gummibärchen braucht ein Mann um zu vergessen"
Ich habe meinen Vater durchschaut. Endlich, mit fast 40 Jahren.
Jahrzehnte meines Lebens habe ich damit verbracht, hinter sein
Geheimnis zu kommen neulich hat es sich mir offenbart.
Jeder Junge erlebt wahscheinlich das gleiche Trauma: der Vater ist das
unerreichbare männliche Ideal. Da kann man machen was man wil. Papa
kann immer alles besser, das kann bis zum Ödipuskomplex führen und
endet dann mit einer ernsten Familienkrise.
O.k. bei manchen Sachen ist es nur eine Altersfrage - Autofahren zum
Beispiel. Oder hat etwas mit schnöder Körpergröße zu tun wie das
Erreichen der oberen Regalfächer mit den Schokokeksen. Aber bei
gewissen Eigenschaften kann es nicht mit rechten Dingen zugehen. Es ist
meinen Forschungsergebnissen nach unmöglich, gegen den eigenen Vater im
sportlichen Wettstreit zu obsiegen. Is nich'. Punkt.
Ich habe es versucht. Ehrlich. Was hab' ich nicht alles angestellt.
Mein persönliches Drama spielte sich an der Tischtennisplatte ab. Mein
Vater ist ein guter Sportler, aber im Tischtennis maximal Mittelmaß.
Zudem war seine Ausrüstung unterirdisch schlecht. Also glaubte ich ihn
in dieser Sportart leichter besiegen zu können, als in irgendeiner
anderen.
In den ersten Matches versagte ich kläglich. Ich schrieb es meiner
mangelhaften Ausrüstung zu. Ich besaß nur einen Tischtennisschläger,
den ich einmal in einer Umkleidekabine unserer Schulsporthalle gefunden
hatte. Und der war nicht gerade das, was man Klasse-Equipment nannte.
Also sparte ich auf einen Top-Schläger. Wäre ich ein kleines bisschen
aufmerksamer gewesen, wäre mir aufgefallen, dass der Schläger meines
Vaters noch viel lausiger war, als mein eigener.
"Schläger" ist eigentlich die falsche Bezeichnung. Es handelte sich um
ein Familienerbstück, das eher an ein altes Frühstücksbrettchen mit
einem von einem blinden Schreiner angeleimten Holzgriff erinnerte. Der
Griff war mit Gummi ummantelt, der wohl wegen seins hohes Alter immer
einen seltsamen schwarz-klebrigen Abrieb an der Handinnenfläche
hinterließ. Beschichtet war die Schlagfläche mit leicht genoppter
blauer Folie die in weiten Bereichen schon abgeblättert war. Von
elastischer Dämpfung oder gar nennenswerter physikalischer Wirkung auf
den Ball konnte keine Rede sein. Anschneiden war mit diesem Ding
unmöglich, außer man erwischte den Ball mit der Kante, aber dann ging
der meistens kaputt.
Nach knapp zwei Jahren harten Taschengeldzurücklegens war der Tag
gekommen: ich kaufte meinen ersten Profi-Top-High-Tech-Tennisschläger.
Die Zeit davor hatte ich immer wieder versucht meinen Vater mit
konventionellen Mitteln zu schlagen, was normalerweise in peinlichen
Debakeln endete, die meine Mutter mit hohen Dosen Schokoeis zu lindern
verstand. Ich war damals meiner Erinnerung nach leicht übergewichtig.
Mit dem neuen Schläger ausgerüstet forderte ich meinen Vater zu einem
ersten Match auf gleichen Niveau heraus. Es war beschämend. Was die
Werbung über teuere Sportausrüstung behauptet ist reine Erfindung. Ich
ging in einem epischen Debakel unter. Ich mit meinem 35 Mark-Schläger
(das war damals viel Geld) und mein Papa mit seinem "Ding" das bei
jedem Ballkontakt dieses peinliche "Klack" von sich gab: 4:21. Solche
Jugenderlebnisse machen schwächere Menschen später zu Serienmördern
oder Politikern.
Meine logische Schlussfolgerung war: es lag nicht an der Ausrüstung, es
lag am Können. Lachen sie nur, unsere Wirtschaft verdient Milliarden
indem die Fiktion gestreut wird, dass sportliches Versagen nur an der
Ausrüstung liegt, und die Menschen glauben es willig.
Also nahm ich Lehrstunden. Ich spielte mit besseren Mitschülern. Ich
stellte mich Vereinsspielern als williges Versuchsobjekt zur Verfügung.
Ich begann mich auch theoretisch mit der jahrhundertealten
fernöstlichen Kunst des "Ping-Pong" zu beschäftigen.
Als ich mich reif fühlte forderte ich meinen Vater wieder einmal zu
einer Partie heraus. Im Urlaub. Er wähnte sich in Sicherheit aber es
sollte eine Lehrstunde für ihn werden. Ich hatte Schmetterbälle geübt,
schlug auf wie ein Meister und war flink wie ein Eichhorn...Ich verlor
6:21
Den Schläger vergrub ich im Wald und leistete einen heiligen Eid nie mehr an diese teuflische grüne Platte zu treten.
Das habe ich fast 20 Jahre durchgehalten.
Neulich dann fragte mich der Neffe meiner Lebensgefährtin, ob ich nicht
mit ihm Tischtennis spielen wolle. Nur eine Partie. Ich wusste, dass
der Junge im Verein spielte und es in der Familie nur einen
vernünftigen Schläger gab - seinen. Mir hielt er mit unschuldigem Blick
ein Sportgerät hin, das mich schwer an das Erbstück meines Vaters
erinnerte. Es war ein gelber Plastikschläger ohne jeden Gummibezug.
Beim ersten "Klack" wusste ich, das der Knabe keine Chance hatte.
Ich gewann 21:5 und das Geheimnis meines Vaters lag glasklar vor mir.
Während ich wie ein Derwisch um die Platte fegte, um mich zu beweisen,
war es ihm völlig egal wie das Spiel ausging. Er wollte einfach nur mit
seinem Sohn ein bisschen Bälle über die Platte bewegen. Stressfrei,
ganz entspannt. Er versuchte gar nicht zu gewinnen.
Mein Vater ist Zen-Meister und ich habe es nicht einmal geahnt. An ihm
sollten sich mal einige Profisportler ein Beispiel nehmen. So muss man
an die Sache ran gehen, dann wird das auch was.
Zum Schluss noch ein Tipp für Jan Ullrich: ich habe da noch so ein Hollandrad im Keller...